https://queer.de/?58369
Buchtipp
Nichtbinäre Selbstsuche in der Pariser Banlieue
Mit ihrem verfilmten Debüt "Die jüngste Tochter" schuf die französiche Schriftstellerin Fatima Daas einen queeren Klassiker. Jetzt ist ihr zweiter Roman "Spiel das Spiel" auf Deutsch erschienen.

Fatima Daas wurde 1995 in Frankreich als jüngstes Kind algerischer Eltern geboren (Bild: Patrice Normand)
- Von Luise Erbentraut
13. Juni 2026, 14:59h 4 Min.
Mit "Spiel das Spiel" (Amazon-Affiliate-Link ) ist bereits im Frühjahr und noch immer weitgehend unbemerkt Fatima Daas' zweiter Roman erschienen. Mit ihrem bekannten Debüt "Die jüngste Tochter" aus dem Jahr 2020 ist Daas' Pseudonym in der zeitgenössischen, internationalen, queeren Literaturszene zu einem Namen avanciert. Fünf Jahre später feierte die Verfilmung des Romans Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Cannes und brachte die Queer Palm sowie der Hauptdarstellerin Nadia Melliti die Auszeichnung als beste Darstellerin ein.
In "Spiel das Spiel" setzt Daas ihre autofiktionale Erzählweise fort, allerdings beginnt sie dieses Mal in jüngeren Jahren. Im Mittelpunkt steht die 17-jährige Kayden. Name und Alter haben sich verändert, doch die Air Max und die Inszenierung eines sozialen Bildungsaufstiegs einer algerisch-französischen Protagonistin bleiben wiedererkennbare Fixpunkte.
Rauchen, Süßigkeiten klauen, für die Aufnahmeprüfung lernen

Der Roman "Spiel das Spiel" ist im Claassen Verlag erschienen
"Spiel das Spiel" will Kaydens Leben in der Pariser Banlieue erzählen: Mit ihrer alleinerziehenden Mutter lebt sie in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Ihre Mutter schläft zugunsten ihrer Kinder in der offenen Wohnküche. Zusammen mit ihren Freund*innen verbringt Kayden ihre Freizeit – Zigaretten rauchen in den Pausen, Süßigkeiten klauen in den Sommerferien und sich über den neuesten Crush austauschen. Bis auf Kayden. Denn die hat sich in ihre Lehrerin Madame Fontaine verliebt.
Kaydens Hingabe zum Schreiben hatte dieser imponiert, sodass sie versucht Kayden dazu zu motivieren, sich auf der Science Po, einer Pariser Elite-Universität für Politikwissenschaft, zu bewerben. Damit bahnt sich ein Motiv aus Machtgefälle und Romanze an, das so alt zu sein scheint wie Literatur an sich und auch dem queeren Kanon der Kulturgeschichte nicht fremd ist.
Ein bekanntes Motiv zurückhaltend erzählt
Filmisch wurde das Motiv beispielsweise in den 2000er Jahren mit "Cracks" aufgegriffen, einem Internatsdrama, das die Faszination einer Gruppe von Schülerinnen für ihre charismatische Lehrerin ins Zentrum rückt. Auch das Drama "Loving Annabelle", das 2007 beim Outfest ausgezeichnet wurde, thematisiert eine sapphische Beziehung zwischen Schülerin und Lehrerin. Bereits der erste Film, der unter dem Titel "Mädchen in Uniform" lesbisches Begehren auf die Kinoleinwand brachte, drehte sich um die Schülerin Manuela, die sich in ihre Lehrerin Fräulein von Bernburg verliebt. Ein Filmklassiker, dessen Neuverfilmung noch 2026 in die Kinos kommen soll.
Eine Etikettierung mit "homoerotische Untertöne", wie sie auf diese Beispiele zutrifft, wäre bei "Spiel das Spiel" allerdings zu weit gegriffen. Zu groß ist hier der Kontrast zwischen dem gezeichneten emotionalen Erleben Kaydens und dem, was in den Begegnungen zwischen Schüler*in und Lehrerin tatsächlich passiert. Indem der Roman das Begehren eher andeutet als auslotet, entwickelt er jedoch auch seine eigentliche Eigenständigkeit. Nämlich in der Verknüpfung von Verliebtheit und nichtbinärer Selbstsuche. Die Lehrer*innen-Schüler*innen-Konstellation erhält dadurch eine zusätzliche geschlechtspolitische Dimension.
Nichtbinarität als affektives Erleben
Im Vordergrund steht somit weniger, wen Kayden begehrt, als vielmehr, von welchem Standpunkt aus und auf welche Weise dieses Begehren erzählt wird. Gerade das Spannungsverhältnis zwischen Kaydens emotionalem Erleben, ihrer Verschlossenheit gegenüber ihrer Umwelt und dem, woran sie die Leser*innen durch ihr Schreiben teilhaben lässt, macht die Figur so nahbar. Eindrücklich skizziert Daas, wie Kayden sich mal als Junge imaginiert, mal als "in einem Dazwischen" (S. 137) bezeichnet, wie es sie wütend macht, "Mademoiselle" (S. 178) genannt zu werden, und sie doch als Protagonistin durchweg mit dem Pronomen "sie" auftritt. Dadurch entsteht ein Bild von Nichtbinarität, das statt auf ein Label zu setzen, geschlechtliches Erleben in dessen affektiver Begleitung ausmacht.
In "Spiel das Spiel" wird die Schüler*innen-Lehrer*innen-Dynamik schließlich zum Spiegel Kaydens Selbstverortung: Sie erzählt von der Selbstsuche, die sich nicht gänzlich vom Begehren lösen will und in Kaydens Fall schließlich in der Selbstbezeichnung als Lesbe mündet. Für manche Leser*innen mag diese zugleich vorhersehbare wie abrupte Rückführung zum Begehren zu wenig ausbuchstabiert sein, für andere gerade folgerichtig.
Fatima Daas: Spiel das Spiel. Roman. Aus dem Französischen von Sina de Malafosse. 192 Seiten. Claassen Verlag. Berlin 2026. Hardcover mit Schutzumschlag: 23 € (ISBN 978-3-54610-160-8). E-Book: 18,99 €
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch, Leseprobe und Bestellmöglichkeit bei amazon.de
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.














