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- 26. Oktober 2006 4 Min.
Die Unionsparteien wollen in ihren neuen Wahlprogrammen erstmals Homo-Paare anerkennen. Vor einer völligen Gleichstellung schrecken Merkel und Co. jedoch zurück. Ist es trotzdem an der Zeit, alte Feindbilder zu begraben - und die CDU/CSU damit auch für Schwule und Lesben wählbar?
PRO: Adenauer ist tot
Von Dennis Klein, queer.de
Die Grünen sind seit Jahrzehnten die Partei für politisch aktive Schwule und Lesben: Ohne sie würde es keine Homo-Ehe geben, ihre Regierungsbeteiligung hat das Land sicherlich toleranter und offener gemacht. Aus schwul-lesbischer Sicht hat die Ökopartei sicherlich das überzeugendste Parteiprogramm. Aber was, wenn man auch als Schwuler der unkritischen Multikulti-Folklore skeptisch gegenüber steht? Wenn man lieber billigen Strom will als einen Ausstieg aus der Atomkraft? Wenn man eher auf Eigenverantwortung setzt als auf die Fürsorge des Staates? Mit seiner eigenen Meinung hinterm Berg halten und aus reiner Dankbarkeit das Kreuzchen bei der Ökopartei machen? Statt eines Schrankschwulen ein Schrankkonservativer sein?
Das ist wohl kaum die Lösung. Denn selbst in den C-Parteien ist die sexuelle Orientierung inzwischen zweitrangig: In der Union gibt es bereits jetzt etliche schwule und lesbische Landtagsabgeordnete - sogar ein Regierungschef ist dabei. Der Mief der 50er Jahre ist weg, Adenauer ist tot. Dass es in der CDU/CSU noch Relikte á la Norbert Geis gibt, stört im Übrigen nicht weiter. Denn die geben nicht den Ton an. Die Grünen haben auch Politikerinnen wie Antje Vollmer zur Bundestagsvizepräsidentin gemacht, obwohl die meint, dass Homosexuelle vielleicht Wellensittiche, aber keine Kinder großziehen können.
Die Lesben und Schwulen in der Union (LSU) versuchen bereits seit Jahren in Gesprächen mit der Führungsetage, die innerparteiliche Ablehnung für schwul-lesbische Projekte zu überwinden - auf kommunale Ebene bereits mit erheblichem Erfolg. Das Klischee, dass Menschen mit dem CDU-Parteibuch quasi genetisch allergisch auf alles Gleichgeschlechtliche reagieren, ist sehr antiquiert. Auch auf dem CSD ist die LSU regelmäßig vertreten: Deren Vertreter sehen zwar langweiliger aus und halten eigenen Angaben zufolge wenig von zickenden Drag Queens, Muskelmännern mit popofreien Kostümen oder kiffenden Jungschwuppen. Aber wer Toleranz predigt, sollte diese auch den LSU-Aktivisten entgegen bringen. Ihr Einfluss kann die Union noch weiter zum Positiven verändern.
KONTRA: Die CDU ist nur ein "feuchtes Weib"
Von Christian Scheuß, queer.de
Ach ja, die CDU. Und da besonders der Herr Pofalla. Der macht’s, wie das "feuchte Weib", das dereinst im Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe den Fischer umgarnte: "Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm; Da war's um ihn geschehn; Halb zog sie ihn, halb sank er hin". So hätten es wohl gern die Christdemokraten. Ein bisschen Süßholz raspeln gegenüber den Schwulen und Lesben, und schon treten die dem Angie-Fanclub, auch CDU genannt, per Mitgliedserklärung bei. Kostet ja jetzt auch nichts. Es stehen keine großen Wahlen an, im medialen Getöse, verursacht durch die Gesundheitsreform hört eh keiner mehr so recht bei anderen Themen hin. Und außerdem merken die Schwarzen inzwischen, das trotz Homoehe das Abendland immer noch weiter besteht.
Auf die alte linke Forderung, das Ehegattensplitting zugunsten eine Förderung von Familien mit Kindern zu setzen, ist nichts zu sagen. Und auch das C im Parteinamen nicht mehr so strikt christlich zu nehmen, ist lobenswert. Nur muss beim Ausgestalten solch hehrer Forderungen genau hingeschaut werden, ob diese auch tatsächlich zu mehr Gleichberechtigung für alle führt. Aus der bisherigen Erfahrung ist das stark zu bezweifeln. Vor allem, wenn das Geschrei der bayerischen Schwesterpartei aus München losgeht.
Außerdem bleiben bei allem Gerede von "weiterer Öffnung" wichtige Bereiche des Lebens Schwulen und Lesben verschlossen. Die Ehe ist nach wie vor ein heterosexuelles Privileg und die Adoption ist weiterhin nicht befriedigend geregelt.
Wie war das noch mit dem Fischer und dem "feuchten Weib"? Es endet böse, weil er ihrem Gezirze vertraut hat: "Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm; Da war's um ihn geschehn; Halb zog sie ihn, halb sank er hin. Und ward nicht mehr gesehn."
26. Oktober 2006
Links zum Thema:
» CDU
» CSU
» LSU
Mehr zum Thema:
» CDU umwirbt Schwule (queer.de-News vom 26.10.06)
» CSU wird homofreundlicher (queer.de vom 20.10.06)















und zum zweiten je schwächer die grünen sind, desto schwärzer wird die cdu. wie homofreundlich wird sie wohl dann noch sein, wenn sie nicht mehr glaubt es nötig zu haben? das wissen wir wohl alle.