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Ehrgeiz, Übertreibung und ironische Aneignung

Was das Konzept "Camp" für queere Kulturgeschichte bedeutet

Susan Sontags Aufsatz "Anmerkungen zu 'Camp'", der im Arbeitstitel noch mit "Anmerkungen zu Homosexualität" überschrieben war, wurde zu einem der einflussreichsten amerikanischen Essays des 20. Jahrhunderts.


Für Susan Sontag waren homosexuelle Menschen die Speerspitze eines innovativen Geschmacks: Billy Porter 2018 auf dem Weg zur New Yorker Met Gala "Camp: Notes on Fashion" (Bild: IMAGO / ZUMA Press / Kristin Callahan)

Erst Leidenschaft und Liebesglück, dann Eifersucht und sexuelle Erpressung, schließlich Folter, Mord und Suizid: Kaum ein Bühnenwerk wagt es, sein Publikum derart gegensätzlichen Extremzuständen auszusetzen wie Puccinis Oper "Tosca". Dabei wird der politische Anspruch des Stücks unfreiwillig zur Nebensache, denn im Zentrum steht eine Geschichte von staatlicher Willkür und Polizeigewalt. Kein Wunder, dass nur ein Teil des Publikums der Handlung folgt, sich davon fesseln lässt oder auch ganz und gar dem Pathos verfällt – ein anderer bleibt oft gleichgültig oder irritiert zurück.

Doch es gibt auch eine spezielle Form der Wahrnehmung, bei der die gehäuften Zuspitzungen dieses musikalischen Dramas auf einer Metaebene angeeignet werden – gewissermaßen halb ironisch, den Ehrgeiz des Werks durchaus anerkennend und mit einer Lust an dessen Übermaß, ohne sich jedoch aus dem Geschehen herauszulösen.

Susan Sontag hat in ihrem Essay "Anmerkungen zu 'Camp'" ("Notes on 'Camp'") aus dem Jahr 1964 als eine der ersten den Versuch unternommen, das Phänomen in Worte zu fassen. "Camp ist keine natürliche Weise des Erlebens", schreibt sie in ihrer Einleitung. "Zum Wesen des Camp gehört vielmehr die Liebe zum Unnatürlichen: zum Trick und zur Übertreibung."

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Das Extravagante tritt in den Vordergrund

Demnach ist Camp jedoch keine generelle Wahrnehmungsweise von Kunst, sondern an spezifische Objekte gebunden, bei denen Inhalt oder Funktion zugunsten des Extravaganten in den Hintergrund treten. Dazu zählt Sontag ausgewählte Kunstwerke jeglicher Gattung, aber auch Möbel und Kleidungsstücke – sowie Personen und Verhaltensweisen, die zum Theatralischen neigen und als "campy" erscheinen. Zu ihren – wie sie selbst sagt – "wahllos herausgegriffenen Beispielen" führt Sontag die ornamental-farbenprächtigen Tiffany-Jugendstillampen an, Tschaikowskys "Schwanensee", oder die Szenen aus "La Dolce Vita", in denen Fellini nach Sontags Ansicht Anita Ekberg dazu brachte, sich selbst zu parodieren.

In der Diskussion über Camp offenbaren sich die übersteigerten Ambitionen eines Kunstwerks, zugleich wird dabei auch das betreffende Objekt geadelt. Wenn Sontag in ihren "Kanon des Camp" etwa Bauwerke wie Antoni Gaudís "Sagrada Familia" aufnimmt, dann nicht nur aufgrund ihres Stils, sondern ebenso deshalb, weil sie wie im Fall des Wahrzeichens von Barcelona "den Ehrgeiz eines Mannes dokumentieren, als einzelner zu leisten, was nur Generationen zu leisten vermögen: eine ganze Kultur zu erschaffen." Dabei darf die Neigung zum großen Wurf gelegentlich ins Exzessive oder Lächerliche kippen.

Faszination für das Androgyne

Mit nicht weniger als 58 durchnummerierten Thesen unterschiedlicher Länge gleicht Sontags Essay einem Manifest. Interessant wird es vor allem an jenen Stellen, wo sie auf geschlechtliche Rollen zu sprechen kommt: Die Camp-Wahrnehmung, so Sontag, sei besonders für Formen von Hypermännlichkeit wie auch für affektierte Weiblichkeit sensibilisiert – andererseits bestehe aber auch eine Faszination für das Androgyne. Und da Camp, wie es in dem Essay heißt, "alles in Anführungszeichen" setzt, erscheint Weiblichkeit nicht als natürliche Eigenschaft, sondern als Rolle – ebenso wie Männlichkeit. Eine Frau wird zur "Frau", ein Mann zum "Mann".

Spätestens an dieser Stelle wird die Nähe von Sontags Camp-Begriff zu queerer Kultur deutlich – zu einer Zeit, als der Begriff "Gender" als soziale Kategorie von Geschlecht noch kaum bekannt ist und mehr als 25 Jahre, bevor Judith Butler mit ihrem queertheoretischen Werk "Gender Trouble" die vermeintlich natürliche Gegensätzlichkeit von Mann und Frau infrage stellen wird. Ursprünglich trägt Sontags Essay sogar den Arbeitstitel "Anmerkungen zu Homosexualität" ("Notes on Homosexuality") – ihr Biograf Benjamin Moser hat inzwischen herausgefunden, dass sie sich bereits in den 1950er Jahren unter diesem Begriff damit beschäftigte, also in einer historischen Phase, als homosexuelle Handlungen in den USA verboten waren.


Als Beispiel für Camp führte Susan Sontag Tiffany-Jugendstillampen an – auch ohne Weihnachtsdeko (Bild: di-ngao-du-2147888980 / pexels)

"Die Archive quollen über vor empörten Zuschriften"

Dennoch wollte Sontag das Thema einem breiten Publikum zugänglich machen, und so entschied sie sich mit "Camp" für einen mehr oder weniger verschlüsselten Begriff. Viel spricht dafür, dass ein Essay mit dem Titel "Anmerkungen zu Homosexualität" im politischen Klima der frühen 1960er Jahre auf deutlich größere Widerstände gestoßen wäre. Offenbar ließ sich der homosexuelle Subtext dennoch nicht verbergen. Als das Stück 1964 erstmals in der "Partisan Review" erscheint – einem Flaggschiff der Hochkultur mit konservativem Stammpublikum -, kommt es zum Skandal. Später wird es auch in anderen Massenmedien veröffentlicht. "Die Archive quollen über vor empörten Zuschriften", schreibt Benjamin Moser. "Ein Leserbrief an die New York Times donnerte: Wenn das Konzept des Camp in den Mainstream unseres kulturellen Lebens eindringt, steuert unsere Gesellschaft auf einen moralischen Zusammenbruch zu, wie wir ihn noch nie erlebt haben."

Ironischerweise wird Sontag Jahrzehnte später genau dafür von queerer Seite kritisiert. So wirft ihr etwa der schwule Filmemacher und Künstler Bruce LaBruce vor, den politischen Kern von Camp dem Mainstream geopfert und es auf ein rein ästhetisches Phänomen reduziert zu haben: "Ihre Behauptung, Camp sei unpolitisch, ist eine Beleidigung für alle Tunten und Butches, die Camp in der Vor- und Frühphase der Gay Liberation als Überlebensstrategie und als verschlüsselte Kommunikation benutzt haben."

Queere Kultur sichtbar gemacht

Doch war Camp wirklich so unpolitisch gemeint, wie es Sontag selbst in einer ihrer Thesen explizit behauptet? Oder verbarg sich dahinter eine ausgeklügelte Strategie, die paradoxerweise den politischen Impuls ihres Ansatzes verstärkte? Gut möglich, dass die emanzipatorischen Auswirkungen von "Notes on Camp" bis heute unterschätzt werden. Sontag machte damit queere Kultur für eine Mehrheit sichtbar, ohne die Tabus der 1960er Jahre mit der Brechstange angehen zu müssen. Und sie errang damit so viel Aufmerksamkeit, dass ihr Essay Jahre später in den Kanon der hundert bedeutendsten amerikanischen Essays des 20. Jahrhunderts aufgenommen wurde.

Wenngleich der Begriff "Homosexualität" aus dem Titel ihres Aufsatzes getilgt scheint, tauchen die Homosexuellen doch explizit in Sontags Text auf – und zwar an prominenter Stelle. Ihnen weist sie sogar die Schlüsselrolle in der historischen Entstehung von Camp zu. Für Sontag geht dessen Geschichte aus dem Bestreben einer Gruppe hervor, sich durch innovativen Geschmack vom Rest der Gesellschaft abzuheben: Da die Aristokratie im Sinne der Förderung der künstlerischen Avantgarde nicht mehr existierte, stellte sich ab einem bestimmten Zeitpunkt die Frage, wer diese Aufgabe übernommen habe. Ihre Antwort lautet: "Es ist eine improvisierte Klasse, die sich selbst ernannt hat und vorwiegend aus Homosexuellen besteht und sich als Aristokraten des Geschmacks einsetzen" – eine urbane und vor allem queere Elite, die darauf hofft, "dass die Stärkung des ästhetischen Empfindens ihre gesellschaftliche Integration bringen wird."

Die popkulturelle Variante des Camp

In vielen Texten über Camp wird übersehen, dass Sontag Homosexuelle nicht bloß als Konsumierende eines Stils innerhalb einer kulturellen Blase beschreibt, sondern als Speerspitze einer innovativen Kulturpraxis. Das ist durchaus ein politischer Gedanke – auch wenn Sontag ihn konsequent in die Sprache der Ästhetik übersetzt.

Doch an dieser Stelle wird noch etwas anderes deutlich – denn Sontag beschreibt Camp als eine "Beziehung zum Stil" in einer historischen Phase der Massenkultur und des Verlusts des Einzigartigen: ein Kipppunkt, an dem die Übernahme eines Stils "absolut fragwürdig" erscheint. Um diesem Wandel gerecht zu werden, fügt Sontag zu ihrer unschuldigen Definition von Camp, dem ein Anspruch des Seriösen und Ehrgeizigen zugrunde liegt, noch eine weitere Form hinzu: das Objekt, das seinen Camp-Charakter und die damit verbundene Ironie bewusst zur Schau stellt – eine popkulturelle Variante, die erst nach der Veröffentlichung von Sontags Essay ihren Höhepunkt findet. Dazu zählen etwa die Filme von John Waters, Kunstwerke von Andy Warhol, Ru Pauls "Drag Race" oder die von der "Vogue"-Chefin Anna Wintour inspirierte Hauptfigur Miranda in dem Film "Der Teufel trägt Prada". Doch genau hier beginnen die Unschärfen in der Bestimmung dessen, was Camp eigentlich ist.

Wenn Camp und Zynismus kaum noch zu trennen sind

In neueren Positionen – etwa beim Anticamp-Konzept von Bruce LaBruce – verschiebt sich diese Perspektive erneut. Was bei Sontag noch als spezifische Wahrnehmungsweise erscheint, wird zunehmend als entgrenzt beschrieben: In einer Gegenwart, die von Ironie, Selbstinszenierung und medialer Übertreibung geprägt ist, kann heute alles als "Camp" gelesen werden – vom geplanten neuen Ballsaal des Weißen Hauses in Washington, für dessen Bau der Ostflügel abgerissen wurde, bis zu Melania Trumps Selbstinszenierung in ihrem Dokumentarfilm. Gerade diese Ausweitung führt jedoch zu einer gewissen Erschöpfung des Begriffs. Dabei verliert Camp sein subversives Potenzial – die Fähigkeit, zwischen Übertreibung und Strategie, zwischen Seriosität und Überwältigung zu unterscheiden. Aus dieser Perspektive erscheint die Geschmackspolitik der Gegenwart als ein Feld, in dem Camp und Zynismus kaum noch voneinander zu trennen sind.

Doch möglicherweise trifft diese Diagnose weniger Sontags Konzept als dessen spätere Entgleisungen. Denn bei Sontag selbst ist Camp gerade keine allgemeine Chiffre für das Schräge, sondern eine präzise gebundene Wahrnehmungsweise – abhängig von spezifischen Objekten und einer bestimmten Sensibilität für Form, Übermaß und Oberfläche. In ihr bleibt stets ein Moment des Ernstes erhalten, der mit dem Ehrgeiz des jeweiligen Werks verbunden ist – und damit auch die Möglichkeit des Scheiterns, der unfreiwilligen Komik, die sich nicht vollständig in Ironie auflösen lässt. Vielleicht erlaubt diese Rückbesinnung, dem Begriff "Camp" erneut eine Chance zu geben – zumal Sontag unmissverständlich darauf hinweist, dass etwas auch zu schlecht oder zu bösartig sein kann, um überhaupt als Camp zu gelten.

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