https://queer.de/?58380
Baden-Württemberg
Pforzheim: Der CSD lebt!
Auch in Pforzheim mobilisierten Neonazis am Samstag gegen den CSD – am Ende standen jedoch nur rund 40 Rechte in einer Buttersäure-Wolke am Stadttheater. Die queere Demo indes war größer als je zuvor.

Graffiti "CSD lebt" und Polizist*innen an der Aufmarschstrecke der Nazis in Pforzheim (Bild: ls)
- 14. Juni 2026, 15:38h 5 Min.
Das baden-württembergische Pforzheim war am Samstag die erste süddeutsche Stadt, in der in diesem Jahr Neonazis gegen einen lokalen CSD mobilisierten. Die erneut gewachsene queere Demo sowie das CSD-Straßenfest konnten sie allerdings nicht beeinträchtigen.
Schon im vergangenen Jahr waren hier rund 90 Neonazis der lokalen "Pforzheim Revolte" sowie mehrerer Gruppen aus Deutschland und Österreich gegen den CSD aufmarschiert (queer.de berichtete). In diesem Jahr hatten unter anderem das neonazistische "Kollektiv Saarpfalz" und die brandenburgische "Jägertruppe" in sozialen Netzwerken dazu aufgerufen, nach Pforzheim zu fahren, um gegen den CSD und eine angebliche "Frühsexualisierung" zu protestieren.
Der Neonazi-Aufmarsch 2026
Am Samstagnachmittag kamen nur etwa halb so viele Teilnehmende zur rechtsextremen Kundgebung wie im Vorjahr. Auf dem Waisenhausplatz am Stadttheater standen die Neonazis in einer üblen Geruchswolke, weil Unbekannte Buttersäure versprüht hatten. Sie wirkten sehr unvorbereitet, und der Anmelder Dino C. musste auch als Hauptredner agieren: Kinder seien durch "Only Fans", Drag-Artists oder eben durch CSD-Demonstrationen gefährdet, behauptete er.
Bluesky / ENDSTATION RECHTS.1 In #Pforzheim wollen junge Neonazis heute gegen den örtlichen CSD protestieren. Viele sind es noch nicht. Städtische Mitarbeiter müssen noch den Geruch von Buttersäure überdecken, der über demPlatz liegt.
ENDSTATION RECHTS. (@endstationrechts.bsky.social) 2026-06-13T09:36:14.333Z
|
Die Neonazis bekamen einen Textzettel für Parolen (Beispiel: "Sprecher: Für jedes Kind an jedem Ort – Menge: Kinderschutz jetzt sofort") und zogen schließlich mit "Genderpropaganda – raus, raus, raus!"- und "Ganz Pforzheim hasst den CSD"-Gebrüll auf einer kurzen Runde durch die Stadt.

Demoanmelder Dino C. bei seiner Rede (Bild: Robert Andreasch)
In seiner Abschlussrede wirkte C. angesichts der geringen Beteiligung ernüchtert. Nur ein paar Dutzend Leute? Ein "Armutszeugnis". Vielleicht wären die Menschen "einfach noch nicht wütend genug". Mit "Klasse statt Masse" versuchte der Anmelder die Situation etwas positiver zu framen, um dann wieder zu jammern: Trans Personen würden Testosteron auf Kosten des Steuerzahlers bekommen, er aber müsse "im Fitnessstudio Kreatin fressen".

Neonazi-Aufmarsch in Pforzheim: Nur ein kleines Häuflein sagte "nein zum CSD" (Bild: Robert Andreasch)
Die Polizei Pforzheim meldete im Anschluss, es sei bei den Aufzügen am Samstag zu zwei Körperverletzungsdelikten gekommen, führte das aber nicht näher aus. "Die Ermittlungen zum genauen Hergang und den beteiligten Personen dauern an."
Pride ohne Störungen
Den Ablauf des CSD konnten die Neonazis in diesem Jahr kaum stören. Ein Stunde lang zogen Queers und Allies unter dem Motto "No pride for some without liberation for all. Ausgrenzung? Nicht mit uns!" durch die Stadt. Auf dem Marktplatz traten danach Vicky und Cindy Jenner und andere Künstler*innen auf. Den ganzen Nachmittag über schien die Sonne.
Der lokale Verein Spotlight e.V. hatte den CSD organisiert. Der Verein wurde 1985 als Aidshilfe Pforzheim gegründet und 2023 umbenannt. "Wir sind echt überwältigt. 1.400 Leute! Das sind noch mehr als letztes Jahr!", zog Caleb Davis vom Spotlight-Team eine überaus zufriedene Bilanz. Auf der Demonstration und beim Fest vor dem Rathaus sei alles störungsfrei gelaufen. "Ich glaube, wir haben wieder unmissverständlich gezeigt, dass Pforzheim queer ist. Wir lassen uns nicht vertreiben!"
|
Stress im Vorfeld
Stadtverwaltung und Polizei hatten die CSD-Veranstalter*innen über den rechtsextremen Aufmarsch lang im Unklaren gelassen. Dabei war dieser laut den Neonazis schon im März 2026 angemeldet worden. "Dass wir von der Gegendemo erst aus der Presse erfahren haben, war enttäuschend", sagte Caleb Davis von Spotlight. "Vielleicht war es der Urlaubszeit geschuldet, aber wir hätten uns über eine flüssigere Kommunikation gefreut." Auch 2026 weigerte sich die Stadtverwaltung, am Pforzheimer Rathaus eine Prideflagge zu hissen. Erstmals ließ die Stadt jedoch die Gernika-Brücke in der Innenstadt in Regenbogenfarben beleuchten.
In Pforzheim war die AfD bei den Kommunalwahlen im Juni 2024 mit 27,3 Prozent der Zweitstimmen die stärkste Partei geworden, Queerfeindlichkeit ist ein großes Problem in der ganzen Stadtgesellschaft. Ein aufwendiges Wandbild, das queere Jugendliche vor dem CSD malten, beschmierten Unbekannte nach wenigen Stunden mit schwarzer Farbe. Kurz vor dem CSD verteilten Neonazis des "Dritten Wegs" im Stadtteil Haidach queerfeindliche Flugblätter: "Wir sagen ja zur natürlichen Familie und nein zu widernatürlichen Trieben!"
Auch der Schaukasten von Spotlight"in der Bahnhofsunterführung, in der der CSD beworben wurde, wurde immer wieder massiv verdreckt und bespuckt. "Je queerer das Thema, desto schmutziger die Scheibe", kommentierte Davis das am Samstag sarkastisch. Am CSD-Samstag standen auch die Evangelikalen von "Werde Licht!" mit einem queer- und transfeindlichen Infostand in der Fußgänger*innenzone. Queere Menschen, die zum CSD wollten, bekamen Flugblätter angeboten. Man sei "innerlich zerissen, wenn man homosexuell ist oder sich umoperieren lässt", hieß es in den Flyern, Jesus Christus befreie "von dieser Lüge" und "verdrehten Gesinnung".
Vernetzung und Solidarität
Wer oder was kann Queeraktivist*innen vor Ort in so einer Situation helfen? "Vernetzen mit anderen CSDs in der Region ist so wichtig", meint Caleb Davis von Spotlight. Nach den Neonazi-Aufmärschen gegen die CSDs in Bautzen 2024 und Pforzheim 2025 hätten sich die Pride-Veranstaltenden beider Städte – trotz der weit entfernten Bundesländer – ausgetauscht. Symbolisch dafür übernahm Jonas Löschau vom CSD Bautzen am Samstag die Schirmherrschaft über den Pforzheimer CSD und hielt vor Ort auch eine Rede. Und noch eine Empfehlung hat Davies: "Die Zugänge, vor Ort einen CSD supporten zu können, müssen breit angelegt sein, damit alle ihr 'Körbchen' finden können."
Das mit der lokalen Unterstützung hat am Samstag in Pforzheim funktioniert: Die evangelische Kirchengemeinde schmückte die Schlosskirche am Schulberg, an der die Neonazis vorbeizogen, gleich mit zwei Regenbogenfahnen. Auf dem Umzug betrieb die Kirche zudem einen der Lautsprecherwagen. Auch das Antifaschistische Aktionsbündnis Stuttgart (AABS) und andere Antifaschist*innen hatten nach Pforzheim mobilisiert und beteiligen sich am CSD.
Caleb Davis: "Wir sind dankbar, dass soviele Gruppen auch von außerhalb gekommen sind – mit ihrer Expertise in gewissen Sachen und mit ihrer Soldidarität." (ra/ls)
Mehr zum Thema:
» Alle CSD-Termine 2026 auf queer.de















