Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?58394

Interview

"Wer einen Menschen rettet, rettet die Welt"

Mit dem autobiografischen Roman "Die weite Welt" hat der an Parkinson erkrankte Autor und Aktivist Lutz van Dijk sein voraussichtlich letztes Buch veröffentlicht. Wir sprachen mit ihm über sein bewegtes Leben, Optimismus trotz Rückschlägen und Beharrlichkeit als unterschätzte Tugend.


Lutz van Dijk, geboren 1955 in West-Berlin, arbeitete zunächst als Sonderschullehrer, dann auch als Autor (Bild: privat)

"Die weite Welt" (Amazon-Affiliate-Link ) ist der Abschluss des zweiteiligen autobiografischen Werks von Lutz van Dijk. Mit dem Roman befindet sich der schwule Autor noch bis Anfang September auf seiner letzten Lesereise.

Der Historiker, Schriftsteller, Menschenrechtsaktivist, Pazifist und Pädagoge blickt in seinem Buch auf Jahrzehnte queerer Emanzipation, politischer Kämpfe und internationaler Solidarität zurück (ausführliche Buchkritik von queer.de). Seine Vita verbindet die Geschichte der Schwulenbewegung, die Auseinandersetzung mit Aids, die Erinnerungsarbeit an queere NS-Opfer und sein langjähriges Engagement in Südafrika.

Über sein voraussichtlich letztes Buch haben wir mit Lutz van Dijk gesprochen.


Der autobiografische Roman "Die weite Welt" ist im Frühhjahr 2026 im Berliner Querverlag erschienen

Lutz, was trieb dich damals in die weite Welt?

Als Kind versuchte ich alles, um meine streitenden Eltern zu versöhnen mit kleinen Zetteln und Blumenbildern. Ich begriff noch nicht, dass ihr heftiges Streiten und dann ewiges Schweigen Ausdruck einer Traumatisierung jener Generation war, die kleine Kinder waren, als Hitler an die Macht kam, und noch keine 18, als alles vorbei war. Mein Vater musste die zehnte Klasse verlassen und wurde mit 16 Soldat, meine Mutter im gleichen Alter von russischen Soldaten in Berlin vergewaltigt. Darüber konnten sie jedoch nie sprechen. Als Jugendlicher gab ich auf und wollte nur noch weg. Egal wohin – nur weit weg, denn irgendwo musste es anders, vielleicht sogar besser sein.

In deinen Büchern spielt Sexualität eine selbstverständliche Rolle. Welche Bedeutung hatten Begehren, Liebe und auch guter Sex?

Zunächst wuchs ich in einer sprachlosen Zeit auf. Meine Eltern hatten keine Worte über die Schrecken der Nazi-Zeit. Ich hatte keine Worte für meine Sehnsucht, andere Jungen zu berühren, ihnen auch körperlich nah zu sein. Doch schon mit 14, als der Paragraf 175 in der NS-Fassung von 1937 noch existierte, spürte ich, dass ich kein Verbrecher war. Dass es etwas Schönes, Besonderes war, was ich fühlte. Einiges versuchte ich mit einem Nachbarjungen, der zusätzlich durch eine Knochen-Krankheit Außenseiter war. Darüber schreibe ich in Band 1 meiner Lebenserinnerungen "Irgendwann die weite Welt". Er endet, als mich mein bester Freund Martin auf dem Motorrad, wir beide 18, von Westberlin nach Brüssel brachte, von wo ich mit dem günstigsten One-Way-Ticket nach New York flog und einer erschummelten Studenten-Arbeitserlaubnis meinen ersten Job als Busfahrer fand.

In New York, später Hamburg, Jerusalem, Amsterdam und seit 25 Jahren Kapstadt, begegnete ich Menschen, die mir Mut machten, zu mir zu stehen, auch zu meiner Sexualität. Die zum Teil Lebens-Freund*­innen bis heute wurden. Der erste wunderbare Sex mit einem Flüchtling aus Haiti und dann vier geteilte Tage und Nächte in Manhattan, machte mich stark für ein ganzes Leben.

Du hast die Anfänge der Schwulenbewegung, die Aids-Krise und die rechtlichen Erfolge queerer Emanzipation erlebt. Was hat sich wirklich verändert, und welche Konflikte kehren immer wieder zurück?

Es gibt heute in der Welt Länder, in denen die Rechte sexueller und geschlechtlicher Minderheiten anerkannt und Diskriminierung unter Strafe steht – und andere, in denen schlimmste Ausgrenzung, Verfolgung und Mord sogar verschärft wurden, wie zuletzt in Ghana und Uganda, wo es nun sogar die Todesstrafe gibt. Gleichwohl gibt es aber auch auf dem afrikanischen Kontinent inzwischen zehn Länder, wo unsere Rechte als sexuelle und geschlechtliche Minderheiten anerkannt sind, wie zuerst 1995 Südafrika und jüngst 2024 in Namibia. Die Lage ist also weltweit widersprüchlicher geworden – und bedarf weiter ungebrochenen Engagements. Aber das gilt auch für zentrale Fragen nach Gerechtigkeit und Krieg und Frieden, wo zur Lösung von Konflikten Militär und extreme Aufrüstung seit kurzem wieder als die erste, oft einzige Lösung gesehen werden. Auch dagegen bin ich aus tiefster Überzeugung.

Du hast einen großen Teil deines Lebens in Südafrika verbracht. Was hast du dort über Solidarität, Ungleichheit und gesellschaftlichen Wandel gelernt, das in Deutschland oft übersehen wird?

Südafrika ist ein schrecklich schönes Land. Es könnte ein Beispiel dafür sein, wie durch Gerechtigkeit Gewalt reduziert werden kann. Wenn die zehn Prozent der Superreichen in Südafrika nur etwas von dem, was sie zur Sicherung ihres Wohlstands an elektrischen Zäunen und privaten Sicherheitskräften investieren, in die Schulen und Unis investieren würden, so dass alle, die das wollen, eine gute Ausbildung bekämen, würde es deutlich weniger Gewalt geben, und 50 Prozent der Menschen in Südafrika müssten nicht unter dem Existenzminimum leben. Wir haben das an kleinen Projekten wie unserem Haus für Straßenkinder oder einem Wohnungsbau-Projekt nachweisen können. Derzeit gibt es mehr private Sicherheitskräfte als staatliche Polizei. Und Südafrika steht auf Platz eins weltweit, was Gewaltverbrechen angeht.

Lutz van Dijk mit "Die weite Welt" auf Lesetour

Dienstag, 16. Juni, 19.30 Uhr: Bielefeld – Volkshochschule, Ravensberger Park 1
Donnerstag, 18. Juni, 19 Uhr: Amsterdam – Goethe Institut, Herengracht 470
Dienstag, 23. Juni, 19.30 Uhr: Frankfurt am Main – Switchboard, Alte Gasse 36
Mittwoch, 24. Juni, 19.30 Uhr: München – Buchpalast, Kirchenstr. 5
Donnerstag, 25. Juni, 19 Uhr: Landshut – Café und Buch Symposium, Neustadt 525, Eintritt frei, bitte Anmeldung via E-Mail
Mittwoch, 1. Juli, 19.30 Uhr: Berlin – Rosa Luxemburg Stiftung (Bibliothek), Straße der Pariser Kommune 8A
Donnerstag, 2 Juli, 19 Uhr: Köln – Buchsalon Ehrenfeld, Wahlenstr. 11 (im Vorprogramm des CSD)
Samstag, 4. Juli, 17 Uhr: Bonn-Bad Godesberg – Parkbuchhandlung, Am Michaelshof 46
Mittwoch, 8. Juli, 19.30 Uhr: Aachen – Buchhandlung Worthaus, Gregorstr. 2
Donnerstag, 9. Juli, 19.30 Uhr: Essen – Buchhandlung Proust, Am Handelshof 1
Donnerstag, 27. August, 19 Uhr: Münster – KCM Verein für queeres Leben, Am Hawerkamp 31
Sonntag, 6. September, 16 Uhr: Falkensee – Regenbogen Cafe, Bahnhofstr. 89
Montag, 7. September, 19 Uhr: Potsdam – Stadtbibibliothek, Am Kanal 47

Was möchtest du der jüngeren queeren Generation heute mitgeben – in einer Zeit, in der autoritäre und rechtsextreme Kräfte weltweit queere Rechte wieder zurückdrängen?

Die eigenen Träume und Sehnsüchte ernst nehmen, nicht anderen die Schuld für persönliche Unzufriedenheit geben. Solche Unzufriedenheit erlebe ich oft bei Jugendlichen, die sich von rechtsextremen Ideologien angezogen fühlen, selbst aber weder Ausländer oder gar queere Menschen kennen.

Du hast ein Leben und bist selbst verantwortlich dafür, egal was andere, möglicherweise gar Mehrheiten, wollen. Mehrheiten haben schon öfter in der Geschichte geirrt. Sei ehrlich mit dir und anderen, auch wenn es zu Konflikten führen kann. Gleichwohl lasse dich nicht auf den Stil der Gegner ein. Niemals andere erniedrigen. Niemals Gewalt zur scheinbaren Lösung von Konflikten selbst benutzen. In "Die weite Welt" schildere ich viele Beispiele, wie ich dies selbst immer wieder versucht habe und bis heute versuche zu praktizieren.

Du sagst, man solle sich nicht auf den Stil der Gegner einlassen und andere niemals erniedrigen. Gerade in sozialen Medien scheint aber oft das Gegenteil belohnt zu werden. Hast du manchmal den Eindruck, dass eine solche Haltung heute als naiv gilt?

Nein, weil ich die Hass-Sprache in Sozialen Medien zwar auch erlebe, aber am Ende eher als hilflos und dumm empfinde und weitgehend ignoriere.

Wenn ich auf dein Leben schaue, fällt mir vor allem deine Beharrlichkeit auf. Viele Projekte, für die du gekämpft hast, haben Jahre oder sogar Jahrzehnte gebraucht, bis sie Wirkung entfaltet haben. Ist Beharrlichkeit vielleicht eine unterschätzte politische Tugend?

Ja, du verstehst mich genau. Beharrlich sein war ein Schlüssel zum Erfolg, dass es endlich 2023 ein Gedenken im Bundestag an sexuelle und geschlechtliche Minderheiten als Opfer der NS-Zeit gab. Manche hatten mich belächelt, weil ich nicht aufgab. Als es dann gelang, waren die meisten schon immer dafür gewesen. Da musste ich innerlich lächeln: Beharrlich sein bis zum Dickkopf kann in der Tat eine Tugend sein. Ähnliches erleben ich derzeit immer wieder als Pazifist. Ich bleibe Pazifist, egal wie viel gefährlichen Unsinn Trump noch vorhat. Oder gerade deshalb!

Was hat dich in all den Jahren davor bewahrt, angesichts von Ausgrenzung, Aids, Gewalt und politischen Rückschlägen zu resignieren?

Wenn mich zuweilen Kinder oder Jugendliche fragen, ob ich als Schriftsteller reich bin, antworte ich meist: "Ja, sehr reich!" Nicht materiell, gar nicht, aber in der Begegnung mit mutigen aufrechten Menschen. Der wohl größte Reichtum besteht in den selbst erfundenen Familien, die Teil meines Lebens waren oder bis heute sind. Dazu gehörte zuerst eine WG in Hamburg (damals noch eine fast revolutionäre Wohnform), dann die Rainbow-Familie mit meiner Freundin Elke und ihren Kindern, deren Aufwachsen ich begleiten durfte, als es das Wort "Regenbogen" dafür noch gar nicht gab. Und die heute weiter, jetzt mit ihren Kindern, unseren Enkelkindern, zu uns gehören. Das größte Glück ist aber fraglos für meinen niederländisch-chinesischen Mann Perry Tsang und mich unsere Kinderhaus-Familie in Südafrika, die aus rund zehn Erwachsenen und immer um die 20 Kindern besteht. Inzwischen sind aus der ersten Generation, die damals im Baby-Alter zu uns kam, junge Erwachsene geworden. Dass sie alle überlebten, weil wir anfangs noch nicht in Südafrika zugängliche Anti-Aids-Medikamente ins Land schafften, ist ein eigenes Glück.

HOKISA ("Homes for Kids in South Africa"), das von dir und Perry Tsang gegründete Kinderhausprojekt für HIV-positive Kinder und Jugendliche in einem Township nahe Kapstadt, begleitet euch seit mehr als zwei Jahrzehnten. Was bedeutet dir dieses Projekt heute?

Mein Mann und ich traten dabei niemals als Europäer auf, die mit "Rettungsideen" nach "Afrika" kamen, sondern als Menschen, die neugierig waren, die zuhörten und mit jenen Aktivist*innen im Township zusammenarbeiteten, die bereits eigene Vorstellungen und Forderungen hatten. Zu einer der Regeln im Kinderhaus gehört auch, dass alle Kinder, die keine Eltern mehr haben, sich einen der zehn Erwachsenen als "Wahlmama" oder "Wahlpapa" aussuchen dürfen.

Der kleine Sive kam als in einem Pappkarton ausgesetztes Baby von drei Monaten zu uns, als das erste Haus noch im Bau war. Ein Bauarbeiter fand ihn, weil er das Wimmern gehört hatte. Der Kleine war krank, wohl bei der Geburt mit HIV infiziert und überlebte nur knapp, weil wir gerade noch rechtzeitig die nötige Medizin beschaffen konnten. Als er vier war, fragte er meinen Mann Perry, ob er sein "Daddy" werden würde. Perry stimmte froh zu und baute ein eigenes Verhältnis auf: Er meldete ihn in der Grundschule an und bereitete seine Geburtstage mit ihm vor. Irgendwann nannte er mich "Papa" und stellt anderen selbstbewusst uns beide als seine Eltern vor. Auf die Frage, ob wir ihn adoptiert hatten, sagt er: "Nein, ich habe sie adoptiert!" Inzwischen hat er sein Abitur und eine Ausbildung als Seemann. Derzeit macht er seine Probezeit auf einem Kreuzfahrt-Segelschiff im Mittelmeer. Kann es mehr Glück im Leben geben? Sive bedeutet in der afrikanischen Xhosa-Sprache: "Hört mich!" Der Bauarbeiter damals hatte ihn gerade noch rechtzeitig gehört.


Lutz, Sive und Perry in Südafrika (Bild: privat)

Wenn du heute auf Sive blickst, der als schwer krankes Baby zu euch kam und inzwischen als junger Erwachsener seinen eigenen Weg geht: Gab es einen Moment, in dem du dachtest, genau dafür hat sich all die Arbeit gelohnt?

Das denke ich jeden Tag, wenn ich innehalte. Im Judentum gibt es den schönen Satz, den ich teile: Wer einen Menschen rettet, rettet die Welt.

Du sagst oft, dass progressive Bewegungen ihre Kämpfe nicht getrennt voneinander führen sollten. Wo siehst du heute die wichtigsten Verbindungen zwischen queeren, sozialen und antirassistischen Kämpfen, und was kann die jüngere Generation daraus lernen?

Nicht nur als historische Lehre aus der Weimarer Zeit, als erst eine zersplitterte Opposition Hitler und die Nazis ermöglichte, ist es heute wichtiger denn je, dass alle, die gegen Rechtsextremismus sind, wie ihn die AfD verkörpert, zusammenarbeiten und wo immer möglich, vor Ort Bündnisse – politisch, sozial, queer – schließen. Auf meiner jetzigen Lesereise in über 25 Städten bin ich bewusst auch in Magdeburg vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt im September aufgetreten.

Eigene Zukunftspläne? Was möchtest du in den kommenden Jahren noch tun, bewegen oder erleben?

Da mein Parkinson inzwischen weiter fortgeschritten ist und ich zunehmend weniger selbständig beweglich bin, wird diese Lesetour 2026 leider meine letzte sein. Parkinson ist nicht heilbar, und so kann ich nur hoffen, dass es nur langsam schlimmer wird. Gleichwohl aber verstecke ich mich nicht trotz offensichtlicher Einschränkungen. Krankheit und Sterben gehören zum Leben. Ich bin dankbar, dass ich – wenn ich nicht mehr ich selbst bin und es droht, dass ich zum Beispiel meinen Mann nicht mehr erkenne – in den Niederlanden mein Leben frei und ohne Qual selbst beenden darf. Auch das ist für mich Teil eines menschlich reichen Lebens.

Das Interview führte Bodo Niendel, Referent für Queerpolitik der Bundestagsfraktion Die Linke.

Infos zum Buch

Lutz van Dijk: Die weite Welt. New York bis Kapstadt. Roman. 336 Seiten. Querverlag. Berlin 2026. Taschenbuch: 20 € (ISBN 978-3-89656-365-1). E-Book: 12,99 €

Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.

-w-

-w-

-w-