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Kommentar
Queerfeindlichkeit nimmt zu: Sind wir selbst schuld?
Manche behaupten, die LGBTI-Community seit zu laut, zu sichtbar und zu extrem und überfordere deshalb die Mehrheit. Der Vorwurf ist rechte Propaganda und der Versuch einer Täter-Opfer-Umkehr. Anerkennungskämpfe wurden noch nie im Schrank oder heimlich im Hinterzimmer geführt.

Transparent "Nie wieder still" beim Berliner CSD 2025 (Bild: IMAGO / Carsten Thesing)
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16. Juni 2026, 04:59h 6 Min.
Kürzlich hatte das Meinungsforschungsinstitut Ipsos aktuelle Zahlen zum Thema "Queeres Leben in Deutschland" veröffentlicht und abnehmende Akzeptanzwerte festgestellt. Das war ein gefundenes Fressen für Martin Reichardt von der AfD, den wir als ziemlich schrillen Comedian aus Bundestagsdebatten kennen. Seine Pressemitteilung am Tag nach der Ipsos-Veröffentlichung titelte: "Mehrheit der Bürger hat rücksichtslose Regenbogenpropaganda satt". Rücksichtslose Propaganda? Stört im Fall der AfD offenbar weniger?!
Das mit den fallenden Zustimmungswerten ist nicht ganz neu. Wir kennen die Entwicklung beispielsweise aus Erhebungen in den USA. Wobei sich dort wie auch bei uns die Frage stellt, woher kommt das? Was sind die Ursachen für einen solchen Stimmungswechsel? Das wäre die eigentlich interessante Frage. Für Reichardt ist klar, das sei "hausgemacht", verursacht durch das laute und selbstbewusste Auftreten der Community. Und die dafür außerdem noch Geld von den "Kartellparteien" kassiere. Die altbekannte rechte Propaganda.
Rechtsruck und zunehmende Queerfeindlichkeit zwei Seiten einer Medaille
Fatal, dass es auch innerhalb der Community Stimmen gibt, die auf den Propaganda-Zug der Rechten aufspringen, auch wenn sie das stets empört zurückweisen. Tatsache ist indes, dass sie die aktuelle Stimmung in Teilen der Mehrheitsgesellschaft gegen queer als selbstverschuldet erklären. Als ob wir vorher für die anderen "netter" waren und jetzt schamlos zu viel fordern und damit die Mehrheit überfordern. Als ob wir die Vorlage für die perfide politische Strategie der Rechten liefern, die hemmungslos Minderheiten angreifen, um das eigentliche Ziel des Demokratieabbaus zu kaschieren. Und als ob es für den Sündenbock jemals Vernunftgründe gab.
Die Veränderungen in den Meinungsbildern zu queeren Themen und das Erstarken der Rechten sind parallele Phänomene. Dort, wo Queer- und Transfeindlichkeit zur Regierungspolitik wurde – wie etwa in den USA -, ist dieser Zusammenhang nur allzu offenkundig und zeigt, wie Stimmungen beeinflussbar sind. Judith Butler hat diesen Zusammenhang in "Wer hat Angst vor Gender?" ausführlich beschrieben. Und im Übrigen ist ja nirgendwo zu erkennen, dass Heteronormativität und Heterosexualität an gesellschaftlicher Macht verloren haben. Wir reden also so oder so nur über einen Phantomschmerz. Und eigentlich ginge es uns lediglich um gute Nachbarschaft.
Polarisierung als Teil der politischen Strategie
Klar, Meinungen und Stimmungen waren offenbar auch einmal in einem positiven, zustimmenden Kontext beeinflussbar. Doch ging es da um Anerkennung und Verständnis, während es jetzt um Anfeindung und Ausschluss geht, um das Ende von Inklusion. Dieser gravierende Unterschied in der Wertigkeit wird von bestimmten Leuten gern übersehen. Genau das ist der springende Punkt. Nebenbei bemerkt: Die Ipsos-Umfrage sagt auch, dass 72 Prozent der Befragten auf die Frage, ob trans Personen vor Diskriminierung zu schützen seien, mit Ja antworteten. Alles andere sieht tatsächlich bedenklich aus.
Während es in dem einen Fall um die Verbesserung der Lebenssituationen queerer Menschen geht, will der andere Fall das genaue Gegenteil. Wobei die Polarisierung eben Teil der politischen Strategie bedeutet und damit zugleich vom eigentlichen Ziel ablenkt. Denn die Minderheiten sind immer nur der Testfall und das Einfallstor hin zum Demokratieabbau. Das Muster wiederholt sich ständig, und je autoritärer Staaten regiert werden, desto deutlicher tritt das eigentliche Ziel hervor.
Die Forderung nach Gleichberechtigung ist nicht extrem
Doch, wie gesagt, wirklich erschreckend ist, dass Teile der Community als "Versteher*innen" der rechten Angriffe auftreten. "Verstehen" bedeutet für sie, dass wir mit der sogenannten "Gender- und Transideologie" den Anlass liefern und so die Verantwortung für die Angriffe selbst tragen. Indem wir also berechtigterweise über Geschlecht und Geschlechtsidentität sprechen, weil es uns nun mal betrifft, oder indem wir elementare Rechte einfordern und sie nicht als Sonderrechte, sondern als Menschenrechte definieren, weil wir also genau das tun und dabei auch noch Gleichberechtigung verlangen, machen wir die Rechten angeblich so erfolgreich.
Solchen groben Unfug konnte man beispielsweise im "Jahrbuch Sexualitäten 2021" lesen. Und so oder so ähnlich kehrt die Argumentation in Blog-Beiträgen der Initiative Queer Nations (IQN) wieder. Mal abgesehen davon, dass dieses Argumentationsschema der Täter-Opfer-Umkehr gleicht, und an Zeiten erinnert, als man Frauen die Schuld zuschrieb, wenn sie vergewaltigt wurden. Der Vorwurf ging dann von Fehlverhalten aus, das die Tat erst provoziert habe. Heute heißt es, wir würden durch den queer und trans Aktivismus uns zu "nützlichen Idioten" der Rechten machen.
Wer nicht für seine Rechte kämpft, geht leer aus
Nun wissen wir seit Stonewall, dass die Emanzipation damit begann, dass die Community das Leben im Schrank beendete, um laut und bunt und vielfältig auf die Straße zu treten. Anerkennungskämpfe wurden noch nie im Schrank oder heimlich im Hinterzimmer geführt. Und wir haben nie vorher gefragt, wie wir denn aussehen dürfen, wenn wir auf die Straße gehen. Offene Türen gab es ohnehin lange nicht, und Widerstände und Ablehnung waren der Normalfall.
Insofern sollten eigentlich alle in der Community wissen, dass es nicht Wegducken und Leisetreterei waren, die uns als soziale Bewegung erfolgreich haben werden lassen. Wer nicht für seine Rechte kämpft, geht auf jeden Fall leer aus. Aber dass diejenigen, die kämpfen, noch verantwortlich gemacht werden für die Widerstände und für die rechte politische Instrumentalisierung, das nenne ich nun wirklich grotesk.
Wir wissen auch, solange Demokratie noch einigermaßen funktioniert, wird es möglich sein, dass die Rechten abgewählt werden – in Polen und Ungarn haben wir es erlebt. Und auch Trump ist nicht das letzte Wort in den USA. Er mag bis dahin zwar eine Menge kaputtgemacht haben, aber endgültig verloren ist noch nichts.
Das TSG war menschenfeindlich
Zum Schluss noch ein aktuelles Beispiel aus einem Blogbeitrag der IQN: Rückschläge des trans Aktivismus quittiert man dort gerne garniert mit ein wenig Schadenfreude und hält sonst streng an der Linie fest, die Community sei selbst schuld, wenn ihr andere Böses wollen.
Aktuell hielt Till Randolf Amelung es für nachvollziehbar, dass der Vorschlag für einen Entschädigungsfonds abgelehnt wurde, über den die Konferenz der Landes-Justizminister*innen in Hamburg letzte Woche beriet. Entschädigung sollte es geben für OPs an intergeschlechtlichen Kindern und für die Zwangssterilisierung im Rahmen des Transsexuellengesetzes (TSG). Wird es nun also nicht geben. Was ist daran aber, bitte schön, nachvollziehbar? Wenn Amelung im Fall von nicht erfüllbarem Kinderwunsch durch die Zwangssterilisierung außerdem lapidar meint, einige hätten diesen bereits vor einer Geschlechtsangleichung umgesetzt, frage ich mich: Geht's zynischer?
Bei der Gelegenheit erinnerte Till Randolf Amelung, dass das TSG nicht der Paragraf 175 sei. Wäre ich gar nicht darauf gekommen. Im Ernst, dass das TSG 1981 vielen trans Personen endlich Namens- und Personenstandsänderung ermöglichte, wenn auch unter den bekannten diskriminierenden Bedingungen, und trotzdem als Erlösung empfunden werden konnte, ist verständlich. Aber Amelung ist offenbar nicht alt genug, um zu wissen, wie das mit der "kleinen Lösung" (nur Namensänderung) genau war.
Ich habe sie 1982 in Anspruch genommen. Mein Verfahren dauerte anderthalb Jahre, ich brauchte drei Gutachten, weil ein Gutachter mich für nicht ausreichend trans hielt. Spricht nicht gerade für fachliche Qualität und Kompetenz. Das Erste, was mir dann im neuen Job 1984 als Frau Eckert geschah, war ein Zwangsouting, weil die Sozialversicherungsnummer aufgrund der fehlenden Personenstandsänderung auf männlich lautete. Erst Jahre später wurde sie aus Kulanz in weiblich geändert mit dem Hinweis, rentenrechtlich männlich zu bleiben. Und in Reisepässen blieb natürlich ebenfalls das "M" für maskulin stehen.
In der Bewertung des TSG bleibe ich bei der Bezeichnung menschenfeindlich, denn massive Grundrechtsverletzungen können wohl schlecht menschenfreundlich sein. Aber vielleicht kann mir Amelung erklären, was an der Verweigerung von Grundrechten menschenfreundlich ist.














