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Streaming-Tipp
Schwules Begehren im katholischen Internat
"Ticket to Heaven", ein neuer Serienhit aus Thailand, bringt einen Priesteranwärter mit einem Jungen zusammen, der den Glauben verloren hat.

Tanrak (Nattawat "Fourth" Jirochtikul) steht vor einigen Entscheidungen über sein Leben (Bild: GMMTV)
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18. Juni 2026, 16:38h 6 Min.
Wie geht man damit um, wenn der Glauben, der einem Trost und eine Zukunft bieten sollte, plötzlich mit den eigenen Gefühlen, der eigenen Identität im Widerspruch zu stehen scheint? Diese universellen wie persönlichen Fragen stellt der neueste Hit des thailändischen Senders GMMTV – im losen Rahmen des Genres "Boys' Love" (BL).
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Regisseur Noppharnach "Aof" Chaiwimol führt sein Publikum ins Jahr 1996 und in eine Art katholisches Knabenseminar – das Internat bietet allgemeine wie theologische Bildung und ist eine Vorstufe auf ein optionales Priesterseminar. Eine solche Karriere hat der tiefgläubige Tanrak (Nattawat "Fourth" Jirochtikul) im Sinn, der nach dem Tod seiner Eltern von der Kirche aufgenommen wurde und auf ein Wiedersehen mit ihnen im Himmel hofft. Seine Gewissheiten werden erschüttert, als er sich um den Neuzugang Barth (Norawit "Gemini" Titicharoenrak) kümmern soll.

Barth (l., Norawit "Gemini" Titicharoenrak) freundet sich mit Tanrak an (Bild: GMMTV)
Barth wurde offenbar von gläubigen Eltern in das Internat geschickt, nachdem er sich in einer früheren Schule körperlich gegen homophobe Bullys wehrte – was den Zuschauenden, vielleicht auch dem streng wie gütig erscheinenden Seminarleiter Vater Arnon (Chaiyaporn "Oliver" Poupart) bekannt ist. Tankrak hingegen ahnt nicht, warum sein Mitschüler nonchalant bis rebellisch auftritt und angibt, den Glauben verloren zu haben. Nach und nach öffnet er sich gegenüber Barth, der ihn nicht nur im Glauben herausfordern wird.

(Bild: GMMTV)
"Ticket to Heaven" (im Original "Der Junge, der nicht in den Himmel kommt") ist in manchen Ländern auf Youtube verfügbar, in Deutschland gibt es die Serie – mit monatlich kündbarem Abo – auf den Webseiten und Phone- und TV-Apps von Viki oder GagaOOLala mit deutschen Untertiteln (die Besprechung erfolgte nach englischen). Bislang sind drei der sechs Folgen erschienen.
Liebe und Gottes Wille
Das Werk ist zweifellos nicht die erste Auseinandersetzung mit Glauben und Homosexualität – vor allem als Film hat man das in "westlichen" Zusammenhängen schon häufiger gesehen. Das Aufgreifen des Themas als Serie verspricht aber einen tieferen Blick, das Setting in einem Internat und in Asien bringt neben vielen vertrauten auch neue Eindrücke, gerade für Katholik*innen – und auch die lose Einbettung im Genre "Boy's Love" mit seiner Romanzen-Betonung und oft einem Hang zum Positiven und Happy End könnte neue Sichtweisen enthalten.

(Bild: GMMTV)
Eine Liebe ohne Leiden zeigt die Serie zunächst allerdings nicht: Tanraks Kampf mit seinem Glauben und Gefühlen – der Entdeckung sexuellen Verlangens, von Liebe und Schwulsein – wird subtil inszeniert, aber auch deutlich und bei Bedarf in erstaunlicher Länge – für Zuschauende mit katholischem Hintergrund ist manche Szene, etwa das Ende der zweiten Folge, ein schmerzhafter Monolog ohne Worte, "It's a Sin" von den Pet Shop Boys in Slow Motion. Der sich sonst oft mit Melodramatik nicht zurückhaltende Regisseur Aof kann sich hier voll auf die Mimik seines Hauptdarstellers Fourth verlassen und unterstützt das mit viel christlicher wie queerer Ikonographie. Gesellschaftliche Homophobie wird thematisiert, und manche Blicke und Worte der Seminarleiter lassen erahnen, dass auch die kirchliche noch eine Rolle spielen wird.
Spannend wird sein, wie sich die Rolle des Barth entwickelt, die oft Tanraks Zweifel personifiziert und im Verhalten ihm gegenüber als erstaunlich offensiv, geradezu verführerisch wahrgenommen wird. Aof spielt hier mehrfach mit biblischen Motiven (etwa dem des verbotenen Apfels) und ihren Wahrnehmungen. Es gibt ganze Fanthreads, wonach Barth in diesen Szenen biblische Motive und Aussagen positiv spiegelt, statt einem vermeintlichem Sündenfall viel eher Selbstfindung und Liebe einfordert und bekräftigt.
/ paciouspolcaThe paradox of Barth is that while his function seems to be to lead Tanrak astray through queer desire, the show also uses him to reinforce exactly the word of God.#TicketToHeavenEP3
Jan watches yaoi. (@paciouspolca) June 14, 2026
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Bereits der Vorproduktions-Trailer (weiter unten) hatte Bibelzitate über Liebe sehr effektvoll ins Positive gedeutet. Wird Tankrak seinen eigenen Weg und seinen eigenen Umgang mit dem Glauben, dem Schwulsein, der Liebe finden? In Aofs Werken hat sich queere Liebe bislang immer gegen innere und äußere Widerstände durchgesetzt.
Asiatische Blicke auf christliches (Un)heil
Für das überwiegend buddhistische Thailand und auch das BL-Genre in Asien ist das christliche Setting noch recht selten: In der grandiosen koreanischen Roman-Serienverfilmung "Love in the Big City" (acht Folgen bei Viki, Trailer, Besprechung) spielte evangelikale Homophobie schockierende Nebenrollen (was zu Protesten von Fundamentalist*innen führte), katholische Ablehnung zeigte auch ein Priester und Lehrer in der viel zu unbekannten queeren Jugendreihe "Marahuyo Project" (acht Folgen bei Youtube, Trailer, Besprechung) aus den extrem katholischen Philippinen – von dort erzählte auch "The Boy Foretold by the Stars" (Trailer, derzeit keine offiziellen Quellen) von einer Jungsliebe an einer katholischen Schule.
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Beim thailändischen GMMTV läuft derweil gerade zeitgleich zu "Ticket to Heaven" die ebenfalls Ende der Neunziger angesiedelte BL-Serie "When Oranges Fall" (zwölf Folgen bei Youtube, Trailer), in der Teenager ganz ohne Sünden-Einrede vergleichsweise unbeschwert Gefühle füreinander entdecken können. In einer anderen kürzlichen GMMTV-Reihe aus der Jetztzeit, der kurzen Comedy "MuTeLuv – Love Me if You Swear" (vier Folgen bei Youtube, Trailer), gelingt das sogar auf einer aus anderen Gründen erfolgten Sühnetour durch buddhistische Tempel.
Gemini, Fourth und Aof: Stars des BL-Genres
Wobei das Unbeschwerte ja generell eine Stärke von BL-Serien sein kann. Fourth und Gemini wurden damit in Thailand zu Superstars, in Bangkok sind sie auf Werbeflächen omnipräsent. "Ticket"-Regisseur Aof setzte sie vor drei Jahren in der Mehrgenerationen-Serie "Moonlight Chicken" (acht Folgen bei Youtube, Trailer, Besprechung), einem Meisterwerk, ein: In Nebenrollen zeigen sie die Annäherung zwischen zwei Teenagern, von denen einer gehörlos ist. Ungefähr zur gleichen Zeit spielten Gemini und Fourth auch die Hauptrollen in "My School President" (12 Folgen bei Viki, Trailer, Besprechung): In der Comedy mit Musical-Anklängen finden der vermeintlich streng wirkende Schülersprecher und der Sänger der Schulband zusammen. Wer mit US-Highschool-Serien aufwuchs, wird hier finden, von was er einst träumte. Hauptrollen hatten Gemini und Fourth danach auch in der etwas länglichen und werbelastigen Comedy "My Love Mix-Up" (12 Folgen bei Viki, Trailer).
Um die Serientipps abzuschließen, muss freilich auch Aof erneut gewürdigt werden: Der schwule Regisseur fesselte einst mit "Tale of 1.000 Stars" (zehn Folgen bei Viki, Trailer, Besprechung) und "Bad Buddy" (zwölf Folgen bei Viki, Trailer, Besprechung) das Publikum Woche für Woche mit teils aberwitzigen Szenen und sorgte mit komplexeren Handlungen, dem Weglassen einiger Tropen und einem selbstbewussteren schwulen bzw. queeren Erzählen für eine professionelle Weiterentwicklung des BL-Genres, das, im Westen weiter größtenteils unbekannt, in Asien ja ein Massengeschäft mit unterschiedlichsten Stoffen und Qualitäten darstellt. Der Trubel um "Heated Rivalry" oder "Young Royals" zeigt, dass sich "hier" ähnliches entwickeln könnte.
Auch Aofs letzte Serie vor "Ticket", "Last Twilight" (zwölf Folgen bei Youtube, Trailer) über einen jungen erblindenden Schwulen, der sich in seinen Alltagsbegleiter verliebt, ist ein Feuerwerk von tollen Szenen und kleinen wie großen Emotionen und fast ein Meisterwerk, gilt aber nach (unterschiedlich drastischer) Mehrheitsmeinung in seinen letzten drei Folgen als eher misslungen. Was jemandem, der viel wagt und dadurch Besonderes schafft, auch mal passieren darf. Spannend wird sein, ob – der selbst katholisch aufgewachsene – Aof "Ticket to Heaven" in einen guten, dem Thema gerechten Abschluss führen wird. Sein nächstes Projekt: Mit Gemini und Fourth in den Hauptrollen inszeniert er die Musical-Version des schwulen Film-Klassikers "Love of Siam" (2007).
Links zum Thema:
» "Ticket to Heaven" bei Viki
» Die Serie bei GagaOOLala
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
01:55h, ZDFneo:
The Persian Version
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