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Buchtipp
Eine lesbische Geschichte über Alkoholismus, Familie und Erwachsenwerden
Sofia Montrones Debütroman "Der Tag war schön und ich dachte an dich" erzählt die Geschichte von Leo, die in der Lombardei im Hotel ihrer Familie auf ihre erste große Liebe trifft.

Sofia Montrone lebt in New York, wo sie Kreatives Schreiben an der Columbia University unterrichtet. "Der Tag war schön und ich dachte an dich" (Originaltitel: "Nymph") ist ihr erster Roman (Bild: Lorenzo Sampson)
- Von Leia Kantenwein
19. Juni 2026, 03:47h 5 Min.
Als Kind teilt sich Leo alles mit ihrem kleinen Bruder Max. Sie ist mit ihrem Vater, ihrer Mutter und ihrer Nonna den Sommer über im Familienhotel, wo sie kräftig mit anpackt. Schon damals hat Leo etwas Maskulines an sich. Im Vergleich zu ihr ist ihr kleiner Bruder sanft, sensibel und brav. Schon damals bewundert sie das männliche Auftreten der Arbeiter in ihrem Umfeld und beginnt, sie mit ihrer Mimik nachzumachen. Dafür wird sie von ihrer Nonna zurechtgewiesen; sie soll bloß nicht zu breitbeinig dasitzen. Sie merkt, wie sie als Mädchen für ihren Körper verurteilt wird, und verinnerlicht das.
Besonders im Verhältnis zu ihrem Vater offenbart sich ihre Verbindung zur Maskulinität. Durch den kindlichen Blick von Leo in Sofia Montrones Debütroman "Der Tag war schön und ich dachte an dich" (Amazon-Affiliate-Link ) sehen wir ihn als einen Mann, der als Professor über alles Bescheid weiß. Sie verbindet ihn mit Büchern, mit Wissen und mit bitterem Espresso. Die Kinder haben ihn nie weinen gesehen. Dass seine Frau wegen ihm weint, wenn die beiden sich streiten, bezeichnet er als normal. Mit seinem Interesse an klassischer Literatur auf der einen Seite und Fußball auf der anderen stellt er eine maskuline Vaterfigur dar, die doch eher verschlossen, intellektuell und schweigsam ist, statt seinen Kindern eine aggressive Männlichkeit vorzuleben.
Leo wird rot, als sie Marlenas Nippel sieht

"Der Tag war schön und ich dachte an dich" ist am 19. Juni 2026 im Rowohlt Verlag erschienen
Am Pool lernt die kleine Leo die Designerin Marlena kennen. Als sie ihr die Fußnägel lackiert, kommen in ihr neue Gefühle auf, die sie damals noch nicht genau zuordnen konnte. Alles, was sie wusste, war, dass es schön war, von ihr so sanft und achtsam berührt zu werden. Als Leo bei Marlena im Zimmer zu Besuch ist, stellt sie sie sich nackt vor, wird rot, als sie kurz ihren Nippel sieht, atmet ihren Duft ein und sammelt ihre Haare vom Fußboden, um sie sich später in den Mund zu stecken. Wer selbst mal ein "komisches" Kind war, das ein Verlangen in sich gespürt hat, das da war, auch wenn man von queeren Identitäten noch nichts gehört hat, kann sich hier wiederfinden.
Die guten Erinnerungen an ihren Kindheitsurlaub enden abrupt, als ihr Vater in einen schweren Autounfall gerät. Leo muss das Ganze mit ansehen und fühlt sich dafür verantwortlich, die Scherben der zwischen seinen Beinen zerplatzten Bierflasche aus seinem Fleisch herauszuziehen. Obwohl er der Erwachsene ist, der sich betrunken ans Steuer gesetzt hat, ist es sein Kind, das sich für seine Entscheidung schuldig fühlt. Als der Krankenwagen ankommt, ist der Vater stur und verweigert die Mitarbeit. Auch das ist Teil seines Charakters als Mann.
Die Begnung mit Dolores
Acht Jahre später blickt Leo mit einer erwachseneren Sichtweise auf ihr Umfeld. Sie sieht, wie heruntergekommen das Hotel eigentlich schon immer war, und sie ist sich der finanziellen Probleme ihres Familienbetriebs bewusst. Ihr Bruder Max hat sich verändert, zwischen den beiden gibt es immer mehr Distanz. Er hat mit etwas zu kämpfen, kann sich aber noch nicht öffnen.
Zwischen all dem lernt Leo Dolores kennen. Sie besucht eine Geigenbauerschule und jobbt während der Ferien bei ihrer Familie im Hotel. Ihr Kopf ist rasiert, sie trägt Piercings, silbernen Schmuck und ein Herrenunterhemd. Leo verliebt sich schließlich in Dolores selbstbewusste und starke Art. Bei der Arbeit kommen sie sich immer näher, bis Dolores sie schließlich in eine Abstellkammer drängt und küsst. Sex mit Dolores ist für Leo wie eine Erleuchtung, sie erlebt ihren Körper auf eine ganz neue Weise und fühlt sich endlich wohl mit ihrem Äußeren. Nachdem sie die Nacht bei Dolores verbracht hat, sieht Leo zum ersten Mal Schönheit im Spiegel.
Der Vater als großes Vorbild
Während des Lesens setzten sich immer mehr Details über den Tod von Leos Vater zu einem Gesamteindruck zusammen, der ein differenziertes Bild auf ihre komplexen Erinnerungen an ihn wirft. Sie sieht ihn in seinen vielen hinterbliebenen Gegenständen, zum Beispiel in seiner alten Ausgabe der "Odyssee". Er war ihr großes Vorbild und hat sie maßgeblich in ihrer Maskulinität geprägt, und doch war er Alkoholiker. Sowohl in ihr als auch in Max und der Mutter der beiden spürt man eine enorme Belastung, Enttäuschung und Angst. Sie spürt sowohl Trauer als auch Erleichterung. Im Jahr, als er sich das Leben genommen hat, hat sie die Fußball-WM nicht verfolgt.
Das Buch endet mit einem Ausbruch von lang unterdrückten Gefühlen. Leo und Max konfrontieren sich gegenseitig. Warum haben sie Geheimnisse voreinander? Warum hat ihm Leo nichts von Dolores erzählt? Warum wagt es Max nicht, den Tod des Vaters zu akzeptieren? Wer von beiden war das Lieblingskind? Es ist ein befreiender Moment, und die Wut aufeinander hilft, die Distanz, die sich über Jahre aufgebaut hat, zu überwinden.
Dolores muss sich schließlich verabschieden. Die beiden versprechen sich, sich gegenseitig zu schreiben und anzurufen. Sie gestehen sich gegenseitig, dass sie sich lieben, und Dolores Abschiedsgeschenk wird immer Teil von Leo bleiben: Mit einer Nadel sticht sie ihr Ohrlöcher.
Sofia Montrone: Der Tag war schön und ich dachte an dich. Roman. Übersetzt von Eva Bonné. 272 Seiten. Rowohlt Verlag. Hamburg 2026. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-498-00775-1). E-Book: 19,99 €
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