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Buchtipp

Die Intensivstation als Chance

Der neue Roman "Kleiner Regen" von Garth Greenwell ist das kluge, virtuose und bewegende Porträt eines schwulen Mannes, der angesichts seiner möglichen Sterblichkeit sein Leben neu betrachtet.


Garth Greenwell gewann mit seinem Romandebüt "Was zu dir gehört" 2016 den British Book Award. Sein zweiter Roman "Reinheit" erschien 2022 auf Deutsch. "Kleiner Regen" ist der lang erwartete dritte Roman des Autors (Bild: IMAGO / TT / Marc Femenia)

"Ich hoffe, dass es Ihnen bald wieder besser geht", verabschieden sich Ärzt*innen und Krankenhauspersonal, nachdem sie Infusionen gelegt und immer größere Geräte in das Zimmer geschoben haben. Dann lassen sie ihn wieder alleine zurück, unwissend, was mit ihm wird.

Fünf Tage lang hat er den Schmerz ausgehalten, lag zusammengekrümmt auf der Couch, ehe es so schlimm wurde, dass er nicht mal mehr schlafen konnte. Erst als sein Partner – im Roman nur L genannt – darauf bestand, ist er in die Notaufnahme gefahren. Allein. Denn wir befinden uns mitten in der Corona-Pandemie: Die zweite Welle steht noch bevor, doch schon jetzt sind die Betten voll. Wir erinnern uns: Plexiglas, Abstand halten, Masken als heiß begehrte Ware und strenge Besuchsregeln in den Kliniken.

Vor dem Hintergrund der Pandemie als angespannte Krisensituation, spannt der US-Autor Garth Greenwell in seinem neuen Roman "Kleiner Regen" (Amazon-Affiliate-Link ) sein dichtes Erzählnetz um Angst und Einsamkeit, Nähe und Distanz, Scham und Sehnsucht, dem man nur schwer entkommen kann.

Zwei schwule Dichter in Iowa


Der Roman "Kleiner Regen" ist Ende April 2026 bei park x ullstein erschienen

Eine infrarenale Aortendissektion, ein Riss im Inneren der Aorta, wird zum Auslöser einer umfassenden Bestandsaufnahme. Er, der Arztbesuche schon immer gehasst und sich bislang nie viele Gedanken um seine Gesundheit gemacht hat, durchwandert nun, da er sich plötzlich mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert sieht, seine Vergangenheit: Zwischen Visiten und Medikamentenvergabe, Hilflosigkeit und Ungewissheit, wird die Zeit mit einem Mal greifbar und er erinnert sich zurück an sein Gesangsstudium, an die Bedeutung von Kunst und Poesie, an das arrangierte Kennenlernen mit L (zwei schwule Dichter in Iowa, beide Single, das muss doch passen!), an die Schönheit des Anfangs, an die Liebe zu seinem Partner. Aber auch an die Gewalt im Elternhaus, die Entfremdung, die Erniedrigung, die Scham.

Greenwell nutzt diesen Extremzustand als Chance, darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist. Wie will ich eigentlich (weiter-)leben? Dazu verwebt er Gegenwart und Erinnerung mit der Frage nach morgen und entblättert so ein vielschichtiges Porträt eines Mannes, der angesichts seiner möglichen Sterblichkeit sein Leben neu betrachtet.

Wer seine vielbeachteten und hochgelobten Romane "Was zu Dir gehört" und "Reinheit" bereits gelesen hat, wird den namenlosen Erzähler, der darin als amerikanischer Sprachlehrer in Sofia lebt und liebt, wiedererkennen. Bei seinen Leser*­innen durchaus auch wegen seiner großartig geschriebenen schwulen Sexszenen beliebt, legt Greenwell den Fokus seines dritten Romans mehr auf die alltägliche Fürsorge.

Die Geschichte einer großen Liebe

Zurück in Amerika lebt der Erzähler zum ersten Mal mit jemandem zusammen, den er liebt. In Iowa City haben L und er ein gemeinsames Haus gekauft, und die Erinnerungen an die mühsamen Renovierungsarbeiten zeichnen zugleich auch ein Bild von Beziehungen: auf einem Fundament aufbauen, dranbleiben, streiten, Kompromisse finden, Entscheidungen treffen, einander verzeihen und immer wieder neu kennenlernen.

Wenn L dem Erzähler im Krankenzimmer Lippenbalsam aufträgt, was wie ein Kuss von ihm schmeckt, entfesselt sich eine solche Sehnsucht nach Körperlichkeit und dem Gefühl, geliebt zu werden. Greenwell versteht es meisterhaft, mit diesen kleinen Gesten tiefe menschliche Regungen zu erzählen, deren emotionales Gewicht weit über den Augenblick hinausreichen.

Verknüpfung von Körper, Erinnerung und Emotion

Zu den berührendsten Momenten gehört eine Episode, in der die Krankenschwester Alivia, die ihm im Laufe der Geschichte fast schon zur Vertrauten wird, ihn dazu auffordert, die Muskeln zu entspannen und die Kontrolle abzugeben, während er von ihr gewaschen wird. Die Erinnerung trägt ihn zurück in eine Bar nach Avignon, wo er von einem Mann so zart an den Kniekehlen berührt wurde, dass sein Körper zu glühen beginnt.

Im Krankenbett schaut er an sich herab, sieht den Bauch wegen der Heparinspritzen mit blauen Flecken übersät und beginnt über die Scham, die sich über die Jahre in seinen Körper eingeschrieben hat, nachzudenken: Die Erniedrigungen seines Vaters und seiner Schwester, die dazu geführt haben, dass er sich seit seiner Kindheit nicht mehr öffentlich ohne Shirt gezeigt hat, nur für Männer reißt er sich in den dunklen Toilettenkabinen und Hinterzimmern die Kleidung vom Leib. Diese Spannung, die zwischen Scham und Sehnsucht pulsiert, zeigt auf beeindruckende Weise, wie eng Körper, Erinnerung und Emotion miteinander verknüpft sind und legt zugleich eine Erzählung queerer Körperlichkeiten offen, die lange nachhallt.

Eines der besten Bücher des Jahres

"Kleiner Regen" (ins Deutsche übersetzt von Milena Adam), 2024 im amerikanischen Original erschienen und unter anderem mit dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet, wurde von zahlreichen Medien als eines der besten Bücher des Jahres gewürdigt. Ja, dieser Begeisterungswelle kann man wohl nur vollends zustimmen. Man muss sich also nicht davor fürchten, sich rund 350 Seiten lang durch Krankenhausaufenthalt, gelegte Arterien und Röntgenaufnahmen kämpfen zu müssen. Ganz im Gegenteil.

Greenwell übt Kritik am amerikanischen Gesundheitssystem und dem Privileg von Gesundheit, erzählt von Krankheit und Sterblichkeit, sucht aber vor allem nach Möglichkeiten menschlicher Verbundenheit. Das Krankenhaus als Ort vorübergehender Beziehungen wird zum Mittelpunkt seines intensiven Kammerspiels, in dem er mit großer Verletzlichkeit und Zärtlichkeit von Scham und Einsamkeit schreibt: von ihrer Herkunft und wie sie durch die Zeiten hindurch unser Verhältnis zu anderen und zu uns selbst prägen.

Entstanden ist ein kluger, vielschichtiger und äußerst virtuoser Roman, so voller Sehnsucht nach Nähe, Liebe und Begegnung, der gerade in seinen zarten Momenten seine größte Wirkung entfaltet.

Infos zum Buch

Garth Greenwell: Kleiner Regen. Roman. Aus dem Amerikanischen von Milena Adam. 368 Seiten. Verlag park x ullstein. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 9-783-98816-067-6). E-Book: 19,99 €

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