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Interview

Marzahn Pride: "Das ist kein Wohlfühl-Event, das ist Widerstand"

Heute zieht zum siebten Mal eine Pride-Parade durch das Ostberliner Plattenbauviertel Marzahn. Warum eine eigene CSD-Demo im Stadtteil notwendig ist und was sie besonders macht, erklärt Organisator Adam Baas im Interview.


Archivbild: Szene vom Marzahn Pride 2025 (Bild: IMAGO / Eventpress / Jeremy Knowles)

Zum siebten Mal zieht am heutigen Samstag eine eigene CSD-Demonstration durch das Ostberliner Plattenbauviertel Marzahn. Organisiert wird der Marzahn Pride von Adam Baas, der im Bezirk wohnt, sich in der Initiative Quarteera für russischsprachige Queers engagiert und Leiter des Community-Zentrum Marzahn-Hellersdorf ist.

Wir sprachen mit Baas über queere Sichtbarkeit am Berliner Stadtrand, die "krasse Geschichte" Marzahns, queere Russ*­innen und andere Migrant*­innen im Kiez, über Polizeischutz und warum der Bezirk mittlerweile ein ganz anderer ist, als viele "Besserwessis" denken.

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Viele werden sehr überrascht sein, dass auch in Marzahn ein Pride stattfindet. Wie ist es ursprünglich zu der Idee gekommen?

Die Idee ist eigentlich aus einer ganz praktischen Not heraus entstanden. In Marzahn-Hellersdorf leben viele Menschen mit Migrationsgeschichte, rund 30.000 russischsprachige allein. Aber es gab hier lange keine sichtbaren queeren Strukturen. Quarteera gibt es seit 2011, wir sind ein Verein von und für russischsprachige queere Menschen. Irgendwann war klar: Wir müssen sichtbar werden, nicht nur online, sondern auch auf der Straße, genau hier, wo wir leben. Der erste Marzahn Pride fand dann 2020 statt, mitten in der Pandemie – natürlich unter Einhaltung von damaligen Schutzmaßnahmen. Klingt verrückt, war es auch. Aber genau das war der Punkt: Wir wollten zeigen, dass wir da sind, auch wenn alle anderen Veranstaltungen abgesagt wurden. Dass queere Menschen mit Migrationsgeschichte in Marzahn existieren und dass wir uns nicht verstecken. Seitdem ist der Marzahn Pride jedes Jahr gewachsen. Und er ist bis heute ein politischer Akt, kein reines Straßenfest.

Wie würdet ihr denn selber Marzahn beschreiben? Es gibt viele Klischees noch aus den 1990er Jahren, aber in den letzten zehn, zwanzig Jahren hat sich durchaus viel verändert im Bezirk, oder? Marzahn hat leider eine grausame Geschichte, die Nazis errichteten dort das Sammellager für Sinti und Roma…

Marzahn-Hellersdorf ist ein Bezirk mit einer krassen Geschichte und einem noch krasseren Image. Die Plattenbauten sind das eine, aber was dahinter steckt, ist eigentlich super vielfältig. Hier leben Menschen aus dutzenden Ländern, das ist keine Floskel, das ist Realität.

Natürlich hat sich was getan, aber es geht schleppend voran. Die alten Klischees sitzen tief, und die politischen Verhältnisse sind hier nicht gerade progressiv. Gerade bei der letzten Wahl hat man ja wieder gesehen, wie stark rechte und konservative Kräfte hier sind.

Trotzdem gibt es viele Leute, die hier seit Jahren engagiert sind, kleine Initiativen, Nachbarschaftsprojekte, Kulturorte. Mich persönlich inspiriert die Arbeit von Kolleg*innen aus anderen Organisationen, die direkt in Gegenden arbeiten, die rechten Strukturen bekannt sind. Die stecken fast wöchentlich kleinere Übergriffe weg und sind trotzdem immer auf Zack, um ihre Zielgruppen zu schützen und Räume zu schaffen.

Wir haben zum Beispiel seit 2021 unser Community-Zentrum mitten in Hellersdorf. Da machen wir was regelmäßig und versuchen, mit anderen Initiativen zu kooperieren. Das ist nicht immer einfach, aber es ist genau das, was den Bezirk ausmacht. Ein Beispiel dafür ist unser Community-Zentrum in der Boizenburger Straße in Hellersdorf, das wir seit 2021 betreiben. Es hat sich längst zu einem interkulturellen Zentrum entwickelt, in dem wir jedes Jahr dutzende Veranstaltungen anbieten, von Kreativworkshops, psychosoziale Beratung bis hin zu offenen Nachbarschaftstreffen. Das Zentrum ist für uns nicht nur ein Büro, sondern ein fester Ankerpunkt im Kiez, der zeigt, dass queere Präsenz in Marzahn kein einmaliger Event ist, sondern Alltag.

Marzahn ist ein Ort voller Widersprüche. Aber genau deshalb ist es wichtig, hier sichtbar zu sein.

Richtet ihr euch auch mit dem Pride gezielt auch an Queers aus den ukrainischen, russischen, vietnamesischen, jüdischen, syrischen, afghanischen Communitys, die im Bezirk zahlenmäßig sehr stark leben?

Ja, auf jeden Fall. Aber mit einer wichtigen Nuance: Wir arbeiten in erster Linie mit russischsprachigen Menschen, unabhängig davon, aus welchem Land sie kommen. Sprache ist bei uns das verbindende Element und ein Werkzeug zur Kommunikation, nicht nur die Herkunft oder andere identifizierende Faktoren.

Gleichzeitig versuchen wir aber auch, viele Angebote so niedrigschwellig wie möglich zu halten, sodass Sprache manchmal gar keine Rolle spielt. Wir hatten schon Workshops im Community-Zentrum in Hellersdorf, wo sich unser aktueller Standort befindet, bei denen Nachbar*innen aus Lateinamerika oder dem Nahen Osten dabei waren, und auch Berliner*innen, die hier geboren und aufgewachsen sind. Das ist für uns total bereichernd.

Unser Büro in Hellersdorf ist genau der Ort, an dem diese Vielfalt sichtbar wird. Wir bieten dort mehrsprachige Angebote auf Russisch, Ukrainisch, Deutsch und Englisch an, je nachdem, wer kommt. Unser Ziel ist es, Räume zu schaffen, in denen sich alle wohlfühlen können, egal, wo sie herkommen. Und wir sind froh, dass wir diese Möglichkeit haben, weil es gegen soziale Isolation wirkt und den Zusammenhalt im Kiez stärkt.

Aber rechnet ihr denn auch dieses Jahr mit Aggressionen gegen den Pride?

Leider müssen wir das. Wir kommen ja alle aus Ländern, in denen es oft lebensgefährlich ist, queer zu sein, und diese Erfahrung nimmt man nicht einfach ab, wenn man nach Deutschland kommt. Deshalb sind wir immer wachsam.

Letztes Jahr hatte auch eine rechtsextreme Gruppe eine Gegendemo angemeldet. Das war ein Schockmoment. Wir hatten ja in Vorjahren auch schon Vorfälle mit Beleidigungen und versuchten Angriffen. Das ist die Realität.

Aber wir reagieren darauf: Wir arbeiten eng mit der Polizei, haben eigene Ordner*innen und legen dieses Jahr besonders viel Wert darauf, Desinformation entgegenzuwirken, die oft Hass schürt. Trotzdem lassen wir uns nicht einschüchtern. Gleichzeitig ist der Pride nur der sichtbarste Teil unserer Arbeit. Unser Community-Zentrum im Kiez bietet das ganze Jahr über einen sicheren Ort für Menschen, die Diskriminierung erleben. Die Pride-Parade ist der laute, politische Moment, das Zentrum ist die stille, kontinuierliche Arbeit, die dahintersteckt.

Und es ist einfach krass zu sehen, wie viele Leute trotzdem kommen, nicht nur aus der Community, sondern auch aus dem Kiez, aus Brandenburg, aus ganz Deutschland und jenseits. Dass sie trotz möglicher Risiken dabei sind, ist für mich jedes Mal aufs Neue berührend. Dafür sind wir unglaublich dankbar.

Die Stimmung in Deutschland ist ja allgemein im Alltag sehr aggressiv, menschenverachtend und egozentrisch geworden, Klassenkampf "Oben gegen unten". Der Sozialabbau schreitet quasi täglich voran, es wird im Alltag subtil gehetzt gegen Marginalisierte, Arme, "vom Schicksal Erschlagene", wie Visconti sie bezeichnete. Habt ihr Hoffnung, gegen all das mit dem Pride ein Zeichen der Hoffnung setzen zu können?

Genau deshalb machen wir das doch. Diese Aggressivität, die du beschreibst, ist ja der Grund, warum wir nicht einfach nur feiern, sondern politisch bleiben. Rechte Hetze, queerfeindliche Übergriffe, der generelle Sozialabbau, das alles trifft immer die Schwächsten zuerst. Das ist kein Zufall, das ist System.

Wir wollen mit der Pride zeigen: Wir sind da, wir gehen nicht weg, und wir wehren uns. Das ist kein Wohlfühl-Event, das ist Widerstand.

Und ja, ich habe Hoffnung, nicht weil ich naiv bin, sondern weil ich sehe, wie viele Menschen jedes Jahr mitlaufen, wie viele sich organisieren, wie viele Solidarität zeigen. Das ist kein Gefühl von "alles wird gut", aber es ist ein Gefühl von "wir sind nicht allein". Und das ist schon viel wert.

Aber was würdet ihr euch von der Politik und von der Gesellschaft wünschen?

Von der Politik wünschen wir uns mehr als warme Worte. Wir sind schon unfassbar dankbar für die Unterstützung, die wir bisher bekommen haben, aber wir brauchen echte, verlässliche Finanzierung und langfristige Strukturen, nicht dieses ständige Projekt-Hopping, bei dem man nie weiß, ob es nächstes Jahr weitergeht. Wir brauchen sichere Räume im Bezirk, die nicht von heute auf morgen wegfallen.

Wir beobachten mit großer Sorge die aktuellen Verschärfungen in der Asyl- und Migrationspolitik. Die Diskussionen um Abschottung, schnellere Verfahren und restriktivere Regeln treffen besonders vulnerable Gruppen, und viele in unserer Community sind selbst geflüchtet oder haben Angehörige, die auf Schutz angewiesen sind. Das ist für uns kein abstraktes politisches Thema, sondern betrifft Menschen, die in unserem Zentrum Beratung suchen, die bei unseren Veranstaltungen sitzen und die jeden Tag mit Unsicherheit leben. Wir wünschen uns eine Politik, die nicht nur diejenigen schützt, die bereits hier sind, sondern auch diejenigen, die Schutz suchen, nicht noch zusätzlich kriminalisiert oder ausgrenzt.

Und wir brauchen Unterstützung gegen die gezielte Desinformation, die vor allem in russischsprachigen Communitys verbreitet wird. Da wird oft Stimmung gegen queere Menschen gemacht, und das wirkt.

Von der Gesellschaft wünsche ich mir, dass wir endlich aufhören, als "die Anderen" gesehen zu werden. Wir sind keine Bedrohung, wir sind Nachbar*innen, Kolleg*innen, Freund*innen. Wir wollen nicht toleriert werden, wir wollen dazugehören. Historisch gesehen werden in Krisenzeiten immer die Schwächsten als Sündenböcke benutzt. Genau das muss aufhören.

Es gibt wohl auch in Marzahn aber immer noch Leute, die sagen würden, ein Pride "passe" nicht nach Marzahn. Was würdet ihr denen antworten? Wenn sie denn zuhören würden...

Ich wohne selbst seit langem in Marzahn-Hellersdorf, ich kenne die Geschichte des Bezirks und ich weiß, was zwischen den Zeilen gesagt wird. Aber Marzahn ist Teil von Berlin, und Berlin ist eine internationale, vielfältige Stadt. Hier leben Menschen mit unterschiedlichsten Träumen, Werten und Vorstellungen.

Und genau deshalb ist es so wichtig, dass sich alle ausdrücken können, solange sie sich an demokratische Grundwerte halten. Queere Menschen gibt es überall. Das zu leugnen bedeutet, nur eine Seite der Medaille zu sehen und Vorurteile zu bedienen, die nicht repräsentativ für die Mehrheit der Anwohner*innen sind.

Ich würde sagen: Schaut doch einfach mal vorbei. Redet mit den Leuten. Vielleicht merkt ihr dann, dass ihr mehr gemeinsam habt, als ihr denkt.

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