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Der Schwule, der mit Heteropornos berühmt wurde

Der französische Pornodarsteller Claude Loir war in den 1970er Jahren ein Star. Die Doku "Ein junger Mann aus gutem Hause" erzählt die faszinierende Geschichte eines Mannes, dem nichts so wichtig ist wie die Freiheit. Und der es schaffte, für die Kamera mit Frauen zu schlafen.


Szene aus einem Erotikfilm der 1970er Jahre: Claude Loir lässt seine Zapfpistole sprudeln (Bild: Agat Films)

Eine Orgel spielt, eine Braut im weißen Hochzeitskleid und Schleier schreitet eine Treppe hinunter. In einem Wohnzimmer trifft sie den Bräutigam, noch trägt er einen Smoking. Sie kenne ihn nicht, sagt sie ihm. Fürs Kennenlernen sei ja noch genug Zeit, sagt eine Frau im roten Kleid, die plötzlich von der Seite herantritt.

Dann ziehen sie sich aus, der Mann, Frédéric, trägt jetzt nichts mehr außer einer Fliege. "Alle Schläge sind erlaubt, vor allem Tiefschläge", sagt jemand, der wie ein Geistlicher aussehen soll. Die zwei küssen sich, und dabei wird es wohl nicht bleiben. Mit dieser Szene beginnt die Doku "Ein junger Mann aus gutem Hause", die noch bis zum 16. August 2026 in der arte-Mediathek gestreamt werden kann.

Seine Suche nach sich selbst

Man merkt: Die Handlung von Pornos, sofern man sie überhaupt so nennen kann, war auch in den 1970er Jahren eher zweitrangig. Der Titel des Films lautet "Die Perversion einer jungen Braut". Frédéric wird gespielt von Claude Loir. Der war ein echter Star der französischen Erotikbranche, spielte in Hetero- und Schwulenpornos mit.

Seine Geschichte ist faszinierend, berührend, stellenweise auch tragisch. Doch Claude Loir blieb sich selbst immer treu, nichts war ihm so wichtig wie die Freiheit. Er war und ist auf der Suche nach sich selbst, nach dem richtigen Leben.


Claude Loir wurde in Frankreich zum Aushängeschild des Porno Chic (Bild: Agat Films)

Die Kindheit rührt ihn noch heute

Der ehemalige Pornostar wurde 1944 in einem kleinen Dorf in den Pyrenäen geboren. Er wuchs in Armut auf, trug Kleidung vom Lumpensammler. Seinen Vater lernte er nie kennen, die Mutter schenkte ihm keine Liebe. Als Junge war er stolz auf seine Mutter, bewunderte sie – Gefühle, die sie ihm nie zeigte. Claude Loir beginnt zu weinen, als er von seiner Kindheit erzählt.

Inzwischen ist er über 80, wirkt aber deutlich jünger. Sein Blick ist wach, seine Augen frisch, er bewegt sich agil durch die Landschaft seiner Kindheit. Man sieht ihm an, dass er früher sehr attraktiv war. Lebendig und eloquent reflektiert er sein Leben und erzählt, wie er zum Pornostar wurde.

Ob er am Set masturbieren würde? Kein Problem

Jede Entwicklung seines Lebens hat er einer Begegnung zu verdanken: Seine ersten schwulen Erfahrungen machte er auf Pissoirs in Toulouse. Irgendwo hörte er, dass in Cannes viele Schwule leben. Er zog nach dem Militärdienst dorthin und lernte jemanden kennen, der ihn mitnahm nach Paris. Ein paar kleinere Statistenjobs, ein Fotoroman, dann am Filmset die spontane Frage, ob er in der Szene masturbieren würde. Kein Problem für ihn. Eines führte zum anderen. Vor dem ersten Sex mit Frauen war er nervös, doch es klappte.


Claude Loir reflektiert lebendig und eloquent sein bewegtes Leben (Bild: Agat Films)

Claude Loir war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Pornobranche in Frankreich boomte, als die Zensur abgeschafft wurde. Was ihm daneben besonders half: Er sah aus wie der titelgebende Mann aus gutem Hause. Ein perfekter Schwiegersohn – groß, glattrasiert, gute Zähne. Eine Rolle, die er beherrschte.

Archivmaterial von Pariser Klappen

Problemlos trägt sein Charisma die Doku. Doch "Ein junger Mann aus gutem Hause" erzählt mehr als seine Pornokarriere. Der Film ist zugleich eine Sitten- und Schwulengeschichte Frankreichs.

Das Archivmaterial, das Regisseur Sébastien Lifshitz dafür gefunden hat, sucht seinesgleichen. Neben den Pornos von Claude Loir, Straßenumfragen vor Pornokinos oder Aufnahmen von Straßenschlachten der 1968er-Demos gehören voyeuristisch anmutende Aufnahmen der Pariser Cruisingorte dazu. Man sieht, wie sich Männer in den großen, auf Französisch "Tasse" genannten Pissoirs näherkommen und Oralsex haben. Dort lernte Claude Loir Freunde kennen, die er bis heute kennt.

Die Karriere ging abrupt in die Brüche

Mit "Ein junger Mann aus gutem Hause" beweist Regisseur Sébastien Lifshitz einmal mehr, dass er zu den großen queeren Filmschaffenden gehört. In seinen letzten Dokumentationen "Casa Susana" und "Ein kleines Mädchen" thematisierte er trans Themen, einmal historisch, einmal aktuell, beides Mal von großer Wärme und Empathie. Seine Spielfilme "Wild Side" und "Sommer wie Winter" sind Klassiker des queeren Kinos. Seine neueste Doku erzählt eindeutig aus schwuler Perspektive, aber nicht nur für ein schwules Publikum.

Auf Claude Loir kam er, weil der vor drei Jahren seine fast 500 Seiten langen Memoiren "Confessions paiennes" ("Heidnische Geständnisse") veröffentlichte. Seine Pornokarriere endete abrupt – die Politik schränkte Pornos ein, dazu die Aids-Krise, außerdem Steuerhinterziehung, die er 20 Jahre lang abstottern musste. Sein Leben habe die Realität übertroffen, sagt Claude Loir am Ende des Films. Und doch bleibt er auf der Suche, bis heute – nach einer Form der Freiheit, zu der auch seine Pornografie gehörte.

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