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Ausstellungstipp

Feminismus, Lust und Freiheit

Der Martin Gropius Bau in Berlin ehrt Gabriele Stötzer mit einer großen Ausstellung. Die ostdeutsche Künstlerin hat mit ihrer Arbeit Queerfeminismus vorgelebt, als es den Begriff noch gar nicht gab.


Gabriele Stötzer, Die Auslöschung eines Blicks – Ich trage meine Wunden heute offen, 1983 (Courtesy: Gabriele Stötzer, Foto: Heike Stephan © VG Bild-Kunst, Bonn 2026)

Gabriele Stötzer – manche werden jetzt wohl fragen: Wer ist das? Sie war und ist sehr vieles – vor allem eine Künstlerin mit einer Riesenpalette an experimentellen Ausdrucksmöglichkeiten. Sie verkörpert in ihrer Person die andere, nicht offizielle Geschichte der DDR, die im Untergrund als eine Geschichte von Subversion und Widerständigkeit geschrieben wurde. Stötzer hat mit ihrer künstlerischen Arbeit Queerfeminismus vorgelebt, für den es damals noch gar keinen Begriff gab. Und sie wusste zudem, dass Feminismus auch und zu nicht geringen Anteilen etwas mit Lust zu tun hat und mit Freiheit sowieso.

Diese Gabriele Stötzer kannte damals im realexistierenden Sozialismus wohl so gut wie keine Angst und auch nicht danach, als sie für ihren Mut im DDR-Knast landete wegen "Staatsverleumdung". Das war 1977, als sie sich an Protestaktionen gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann beteiligte. Geboren wurde sie 1953 in Emleben – einem kleinen Ort, westlich gelegen von Erfurt. Erfurt wurde ab 1973 ihr kreativer Lebensmittelpunkt. Dort begann sie zunächst Kunsterziehung zu studieren und wurde wegen ihrer politischen Aufmüpfigkeit auch schon bald exmatrikuliert.

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Von Anfang an eine Allrounderin

Ihrem künstlerischen Gesamtwerk widmet der Martin Gropius Bau in Berlin jetzt eine Retrospektive unter dem Titel "Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen". Künstlerisch war sie von Anfang an eine Allrounderin – sie schrieb, malte, fotografierte, filmte und kam schließlich zur Performance und hat dazu noch bizarre Mode aus Cola-Dosen kreiert. Eine geradezu organische Entwicklung, wie sie betont, dieser Weg von der Fläche hin zur Bewegung und hinein in den Raum. Performance lehrte sie später zwischen 2010 und 2020 an der Universität Erfurt. Wie überhaupt die Beachtung und Anerkennung nach der Wende endlich einsetzte.


Blick in die Ausstellung im Berliner Gropius Bau (Bild: Rosa Merk / Gropius Bau)

Als sie nach einem Jahr Haft wieder in der eingemauerten "Freiheit" war, besetzte sie ab Ende der 1970er Jahre leerstehende Häuser in Erfurt, initiierte Orte der Kunstproduktion, leitete eine private Galerie, organisierte sogenannte Pleinairs (Künstlertreffen). Doch ständig kam die Staatssicherheit dazwischen und liquidierte und verbot, was gerade entstanden war.

Dennoch, Stötzer war in ihrer Energie einfach nicht aufzuhalten. Immer wieder entwickelte sie aus dem Nichts etwas Neues. "Wir haben alles verloren, jetzt können wir auch alles gewinnen", lautete ihre Devise. Und als 1989 die Mauer fiel und die DDR in Auflösung begriffen war, stattete sie als Mitinitiatorin zusammen mit anderen Künstlerinnen der Stasi-Bezirksverwaltung Erfurt einen Besuch ab und besetzte sie kurzerhand, also jene Organisation, auf deren Plan Stötzers Auslöschung bis dahin gestanden hatte. Denn wie sie sagt, stand sie immer mit einem Bein im Gefängnis oder in der Psychiatrie.

Für sie ist die DDR die Erinnerung an Widerstand

Man kann über Stötzers Kunst nicht sprechen, ohne die Bedingungen ihrer Produktion in den Blick zu nehmen. Denn in ihrer Biografie war die Verbindung von Kunst und Leben nicht bloß eine Behauptung, wie so oft in einem allzu selbstgefälligen Kunstbetrieb, sondern ein gewissermaßen ästhetisch kommentierter politischer Dauerzustand.

Wenn sie heute über die DDR spricht, dann ist das verständlicherweise alles andere als DDR-Verklärung, denn die Knasterfahrung und die von der Stasi beaufsichtigte Unfreiheit sind nun mal nicht romantisch. Für sie ist die DDR die Erinnerung an Widerstand, und die Resultate sind heute in einer großartigen Werkschau und in einer beeindruckenden Fülle an unterschiedlichsten ästhetischen Mitteln zu besichtigen.


Gabriele Stötzer, Regenbogenfrau, 1978/79 (Courtesy: Gabriele Stötzer © VG Bild-Kunst, Bonn 2026)

"Entweder du kaufst eine Wurst oder einen Film"

Ihren ersten Super-8-Film drehte sie mit zwei schwulen Männern – Kai und Karsten. Die Idee dazu entstand aus einer Fotosession. Ihr gefielen diese zwei schönen Männer, die sich so sehr von den üblichen Machos mit ihrer toxischen Männlichkeit abhoben, um dann aber später zu erfahren, dass auch sie für die Stasi als IM arbeiteten. "Das ist der Doppelcharakter von allem", kommentierte sie, "dass du dich hinterher doch verraten fühlst".

Die Entscheidung, einen Film zu drehen, hatte, rückblickend betrachtet, im wahrsten Sinne eine existentielle Dimension. Denn ein Super-8-Film von 3 Minuten Länge kostete 15 Mark. Die Entscheidung war dann immer: "Entweder du kaufst eine Wurst oder einen Film." Und wenn es dann doch der Film war, dann reichte auch Kartoffelpüree mit Röstzwiebeln als Alternative.

Körpererfahrung als Normalität

Als ihr erstes feministisches Werk bezeichnet sie eine Fotoserie über "alle Löcher der Frau". "Es ging um die Frage, wie nah kommen wir uns selbst und einander?". Überhaupt ist Nacktheit in vielen Arbeiten präsent. Wobei Stötzer betont, dass das Nacktsein schon immer zur Kunst gehört – Aktzeichnen ist sozusagen Pflichtfach. Deshalb war es auch kein besonderer Schritt, sich auszuziehen. Es ist nicht wirklich ein Befreiungsakt, sondern Körpererfahrung als Normalität.

Irgendwann stellte sie fest, dass es in der DDR keine Pornografie gibt – außer heimlich unterm Ladentisch. Was sie zunächst zu einer philosophischen Abhandlung anregt: "Warum gibt es in der DDR keine Pornografie?" Als sie dann selbst Pornofotos herstellt und sie zu einer befreundeten Filmemacherin nach München schickt, antwortete diese, das seien keine Pornofotos, "weil die Frauen da lachen, sondern das ist weibliche Lust".


Gabriele Stötzer, Hüpstedt, 1981 (Courtesy: Gabriele Stötzer, Foto: Ralf Klement © VG Bild-Kunst, Bonn 2026)

Wohl kein schlechtes Ergebnis für ein Experiment. Genau darum ging es Stötzer im Grunde bei allem, was sie versuchte: "Mein Weg ist Unverschämtheit, über Grenzen gehen, das, was es im Osten nicht gibt, ausprobieren." So ist das auch, wenn ich behaupte, sie habe Queerfeminismus praktiziert, bevor es dafür überhaupt einen Begriff gab.

Queerer Striptease

In einem der Ausstellungsräume ist eine Fotoserie zu entdecken, die das Thema Gender aufgreift: In zwei Fotoreihen sehen wir eine Person, die wir zunächst im Gegenlicht nur als dunkle Silhouette wahrnehmen. Die Konturen beschreiben eine eindeutig weibliche Person, die von Foto zu Foto sich der Kleidung entledigt. In der unteren Fotoreihe sehen wir schließlich die nun beleuchtete Person, deren Striptease sich in den Fotos noch eine Weile fortsetzt, jedoch mit dem Effekt, dass aus der Frau am Ende ein Mann geworden ist.

Im Rahmen der Retrospektive entstand auch ein kleiner, vom Martin Gropius Bau herausgegebener und im Bierke Verlag erschienener Band – "Gabriele Stötzer Über die Flucht in die Öffentlichkeit". Unbedingt lesenswert. Am Schluss des Buches steht dieses Gedicht:

meine lieben freundinnen
ich werde euch einmal
verbieten müssen
daß ihr euch in mein leben
hineindenkt
das identifikationstheater ist out
der diebesspuk mit
augenschlag ist alt
die ohren die sich zügellos
alles heraushören aus worten
was der wille ihnen flüstert
ist out
die nase die sich riecht und
dem anderen sagt du stinkst
ist geschlossen

Die Ausstellung im Berliner Martin Gropius Bau läuft noch bis zum 6. Dezember 2026.

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