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Kinotipp

Undercover unter Neonazis

Im litauischen Politthriller "The Activist" wird ein schwuler Pride-Organisator ermordet. Weil die Polizei nicht genug unternimmt, schleicht sich sein trauernder Partner bei einer Neonazi-Gruppe ein, um den Täter zu finden.


Szene aus "The Activist": Romas Zabarauskas' Film hatte in Litauen für großes Aufsehen gesorgt (Bild: Cinemien)

Andrius (Robertas Petraitis) ist genervt: Statt gemeinsam auf eine lang geplante Reise zu gehen, will sein Partner Deividas (Elvinas Juodkazis) alles absagen – der erste Pride-Marsch in Kaunas ist ihm wichtiger. Natürlich auch, weil er Teil der queeren Organisation ist, die den Behörden nach langem Hin und Her endlich einen Termin dafür abgerungen hat. Und dieser kollidiert nun mit der gebuchten Reise.

Nach einem kurzen hitzigen Wortwechsel verlässt Andrius die gemeinsame Wohnung, um sich draußen abzuregen. Als er zurückkommt, liegt Deividas tot in seinem Blut. Der vermummte Täter ist noch in der Wohnung, schafft es jedoch, unerkannt zu flüchten.

Männlichkeitstraining mit trans Mann


Poster zum Film: "The Activist" ist ab Montag in einigen Programmkinos in Berlin, Hamburg, Leipzig und München zu sehen

So beginnt der Politthriller des schwulen litauischen Regisseurs Romas Zabarauskas, der es mag, falsche Fährten zu legen und die Erwartungen des Publikums zu unterlaufen. Und der in "The Activist" gleich mehrere aktuelle Themen verarbeitet: von Prides, die von Rechtsaußen unter Druck stehen, über TERFs (trans-auschließende "Feministinnen") und unterschiedliche Maskulinitätsvorstellungen bis hin zu Machtmenschen, die für ihre Ziele lügen und auch mal über Leichen gehen.

Weil es bei der öffentlichen Ankündigung des ersten Pride-Marschs von Kaunas aggressive Proteste von Neonazis gab, liegt der Verdacht nahe, dass der Mörder aus deren Reihen stammt. Doch die Polizei ist mäßig motiviert, dem nachzugehen, weshalb Andrius beschließt, die Ermittlungen selbst in die Hand zu nehmen. Er rasiert sich den Schädel und trainiert sich mit Hilfe von Deividas' Aktivistenfreund Jonas (Simas Kuliesius) die notwendigen Muskeln an. Als trans Mann weiß Jonas besser als jede*r andere, was es braucht, um als "richtiger" Mann durchzugehen. Doch seine lesbische Ex-Freundin tut sich derart schwer, mit Jonas' Entwicklung, dass sie sich öffentlich gegen den Pride-Marsch ausspricht und ihrerseits mit den Neonazis anbändelt.

Queers stark, Nazis schwach

Auch Andrius gelingt es schließlich, sich mit falscher Identität bei der Gruppe einzuschleichen, doch schon bald realisiert er, dass die gar nicht so gewaltbereit ist wie er dachte. Und als er den Anführer schließlich direkt fragt, wer Deividas ermordet hat, sagt der nur: "Woher soll ich das wissen? Vielleicht ein verrückter Liebhaber. Hier ist keiner so heldenhaft, für eine Schwuchtel in den Knast zu gehen." Und: "Wir verlieren, weil sie besser organisiert sind. Wir sind schwach, sie sind stark. Sie verhalten sich wie die Mafia, wir sind nur Hooligans." Da ahnt Andrius, dass er wohl auf der falschen Fährte ist.

"The Activist" ist Zabarauskas' vierter queerer Spielfilm seit 2016, und er bekam diesmal auch kritische Reaktionen aus der Community. "Man kann sagen, dass die queeren Figuren dieses Films die Helden und die Bösewichte sind", erklärte der Regisseur in einem Interview mit einem US-Magazin Mitte März. "Letztlich sind wir alle nur Menschen mit Fehlern, also warum nicht?" Gleichzeitig wollte er die aktuellen politischen und sozialen Trends ansprechen, etwa den wachsenden Rechtsextremismus. "Aber dafür tragen die Liberalen zumindest eine Mitverantwortung, und diese Perspektive wollte ich im Film einbringen, auch wenn das wohl einige eine etwas provokative Position finden."

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Plädoyer für mehr Originalität und Provokation

Immerhin ist die Lage für queere Menschen in Litauen heute weniger düster als man nach dem Film denken könnte, denn dieser erzählt eine rein fiktionale Geschichte. "Es gibt heute viele offen queere Menschen in Litauen, auch die rechtliche Lage hat sich verbessert", sagt Zabarauskas. Er begann mit der Entwicklung des Films 2019, als es in Kaunas, der zweitgrößten Stadt des Landes, noch keinen Pride-Marsch gab – doch das änderte sich 2021. Und in der Hauptstadt Vilnius finden die Prides schon länger ohne größere Probleme statt, wie der Regisseur berichtet. "Mein Verlobter und ich leben nun schon zehn Jahre zusammen dort. Wir gehen offen mit unserer Beziehung um und fühlen uns sicher. Wir mögen Vilnius und haben ein tolerantes Umfeld."

Dass "The Activist" die Erwartungen und Vorurteile des Publikums mit überraschenden Wendungen unterläuft, ist an sich eine gute Sache. Gleichzeitig jedoch strapazieren einige Entwicklungen und Motive die Glaubwürdigkeit der Story auch ein bisschen. Andererseits erreicht Zabarauskas damit wohl, was er anstrebt: "Ich finde es ziemlich langweilig, dass europäische Arthouse-Filme sich mit ihrer humanistischen Botschaft meist an ein Publikum richten, das ohnehin schon so denkt, wie die Filme es vermitteln wollen. Stattdessen sollten wir lieber Originalität feiern und keine Angst haben vor provokativen Sichtweisen und politischem Durcheinander."

Infos zum Film

The Activist. Thriller. Litauen 2025. Regie: Romas Zabarauskas. Cast: Elvinas Juodkazis, Robertas Petraitis, Simas Kuliešius, Teklė Baroti, Vaslov Goom. Laufzeit: 94 Minuten. Sprache: litauische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Cinemien. Kinostart: 24. Juni 2026
Galerie:
The Activist
6 Bilder
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