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Ausstellungstipp
Diese Fotos widerlegen das dumme Gerede von den "gefährdeten" trans Jugendlichen
Das Ausstellungshaus C/O Berlin widmet dem Hamburger Fotografen Walter Schels zum 90. Geburtstag eine große Retrospektive. Zu sehen sind auch seine Porträts von jungen trans Menschen.

Ein Porträt aus der Serie "Trans*": Tom, 18 Jahre, 2016 © Walter Schels / Stiftung F.C. Gundlach
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22. Juni 2026, 04:28h 4 Min.
Queere Sichtbarkeit in der Kunst läuft – so mein Eindruck – gerade auf Hochtouren. Kaum ist eine Ausstellung besichtigt und abgehakt, flattert schon die Einladung zur nächsten ins Haus. Was ich nicht anders kommentieren kann als mit jenem berühmten Nachsatz: und das ist auch gut so. Und noch besser – über die Tatsache hinaus, dass es diese queere Hochkonjunktur im Kunstbetrieb gibt – ist freilich, was uns in Galerien und Museen an Faszinierendem geboten wird. Denn die Vielfalt, die wir leben, finden wir dort in ästhetischer Übersetzung sozusagen in Potenz.
Faszinierend ebenso, dass wir dabei immer wieder in buchstäblich neue Welten eintauchen. Gerade war es Gabriele Stötzer mit ihrer queerfeministischen Kunst der Grenzüberschreitung und ihrer subversiven Ästhetik unter Diktatur-Bedingungen, so sind es jetzt die Fotoarbeiten von Walter Schels im Ausstellungshaus C/O Berlin direkt neben dem Bahnhof Zoo.
Stolz und Selbstbewusstsein von trans Jugendlichen
Wobei ich mich korrigieren muss: Schels ist eigentlich kein queerer Fotograf, außer dass er in seinem Leben gern in ästhetischen Grenzbereichen und überhaupt experimentierfreudig unterwegs war und wohl noch ist, um mit einer bevorzugten Schwarz-weiß-Fotografie auratische Bildwelten zu schaffen, die inhaltlich nicht selten so radikal wie provozierend daherkommen.
Doch eines seiner unzähligen Themen war den Transitionen von trans Jugendlichen gewidmet, die er fotografierend über Jahre begleitete, um so das Thema Transition durch die Fotodokumentation sinnlich erfahrbar und letztlich in seiner Selbstverständlichkeit begreifbar zu machen. Die Fotos (und dazu gibt es in der Ausstellung einen Interviewfilm) strafen dieses dumme Gerede von den "gefährdeten" Jugendlichen Lügen.
Diese Fotos, die Stolz und Selbstbewusstsein zum Inhalt haben, sind nun ebenfalls Teil der großen Werkschau, bestehend aus 300 Arbeiten aus allen Lebens- und Schaffensperioden, und haben immerhin einen ganzen Raum für sich.
Vom Dekorateur zum Fotografen
Der heute 90 Jahre alte Schels wurde in Landshut geboren und lernte zunächst als Dekorateur. Er bereiste die Welt und dekorierte Schaufenster unter anderem in Barcelona und Toronto. In New York angekommen, wechselte er zur Fotografie, die bis heute sein Medium blieb. Er hat seit den 1970er Jahren wohl so ziemlich alle Genres und Themen bedient. Was die Frage aufkommen lässt: Fehlt etwas?
Um vor dem Gang durch die Ausstellung noch einen Moment bei den trans Jugendlichen zu bleiben. Im letzten Jahr erschien unter dem Titel "trans* – Don't judge my journey" im Gabriel Verlag (Thieneman) ein von der Journalistin Beate Lakotta herausgegebener Band. Er versammelt diese großartigen Porträtfotos von Walter Schels, von denen jetzt auch eine Auswahl in der Ausstellung zu sehen ist.
Im Ganzen waren es 21 Personen, die mit ihren trans Biografien im Buch vertreten sind. Sie belegen souverän die Geschlechtsmündigkeit der jungen Menschen, ohne übrigens das Thema Detransition auszuklammern und ohne sich hierbei aus der transfeindlichen Klischeekiste zu bedienen.
Porträts von Menschen und Tieren

Ohne Titel, a.d.S. Beim Friseur, 1974 © Walter Schels / Stiftung F.C. Gundlach
Der Rundgang startet mit der Straßenfotografie der 1970er Jahre in New York. Auch wenn Susan Sonntag einmal behauptete, es gebe kein endgültiges Foto, so stelle ich doch fest, dass gelungenen Momentaufnahmen etwas von vollendeter Perfektion innewohnt. Bei den drei New Yorker schon etwas ins Alter gekommen Grazien, in Pelze gehüllt und in einem Plausch vertieft, besteht für mich kein Zweifel, das ist für sich endgültig und in seiner Kuriosität unüberbietbar.
Schels hat Berühmtheiten wie Andy Warhol, Joseph Beuys und den Dalai Lama fotografiert und mit ebensolcher Intensität hinreißende, charaktervolle Tierporträts geschaffen. Wenn allerdings behauptet wird, das seien Porträts frei von jeglicher Mimik, weil buchstäblich überall das Lächeln von Schels wegfotografiert wurde, dann ist das ein Trugschluss. Es gibt keinen wirklich neutralen Gesichtsausdruck. Denn absichtlich keinen zu haben, bedarf schließlich auch gewisser mimischer Arbeit.
Gullydeckel und verwelkende Blumen
Seine Porträtreihen umfassen aber auch Menschen, die beim Fotografieren fotografiert werden. Eine andere Serie zeigt die Gesichter blinder Menschen und wieder eine andere Serie ist in Hospizen aufgenommen. Das waren Menschen, die nicht mehr lange am Leben waren und die Schels die Erlaubnis gaben, sie zu fotografieren, nachdem sie gestorben sind. Dieses Vorher und Nachher kommentierte ein Besucher, der neben mir stand, indem er fragte, ob die toten Gesichter nicht schöner aussehen würden. Gewiss, weil alle Last von ihnen genommen ist.

Schaf, 1984 © Walter Schels / Stiftung F.C. Gundlach
Also auch dies ist in der Retrospektive zu sehen. Aber auch eine Gegenüberstellung von Lebensalter und Mensch und Tier. Der Blick geht von rechts nach links und wandert von dem Gesicht eines zehn Monate alten Babys zu einer hundert Jahre alten Frau und schließlich zu einem Schimpansen-Gesicht (ohne Altersangabe). Die Menschheitsgeschichte in drei Fotos, um es zugespitzt zu beschreiben. Es ist noch so viel mehr in dieser Ausstellung zu entdecken, auch Banales wie eine Fotoserie mit Gullydeckeln. Aber auch wunderschöne Aufnahmen von verwelkenden Blumen, als Sinnbild für alles metamorphe Leben.
Übrigens: Der eigenwillige Titel der Retrospektive "Walter Schels 16° Fische" benennt den Geburtstag des Fotografen, den 8. März und bezieht sich auf die Stellung des Sternzeichens Fische zur Sonne. So viel für diejenigen, die astrologisch nicht beschlagen sind. Aber man muss das nicht wissen, um hingerissen zu sein von einem fotografischen Kosmos.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung auf der Homepage von C/O Berlin
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de















