Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?58487

Buchtipp

Wenn die Partnerin einfach verschwindet

Der Debütroman "Handlungsstörung" der tschechischen Autorin Emma Kausc ist eine queere Geschichte über das Verschwinden, den Klimawandel und den Versuch, die großen Fragen der Welt zu beantworten.


Emma Kausc, geboren 1998, stammt aus Prag. Sie studierte am King's College London Zeitgenössische Kultur, Literatur und Kritische Theorie (Bild: Edita Liessner)

Erzählerin Emma, Anfang dreißig, lebt in London und ist dort bei "Missing Persons" in der Abteilung für Menschenhandel beschäftigt. Sie arbeitet gegen ihr eigenes, kindliches Gefühl der "Einsamkeit, gepaart mit der Angst zu Verschwinden" an, indem sie die Leben der Verschwundenen nachzeichnet – wobei diese Einsamkeit und ihre Angst manchmal als Reaktion auf die Queerfeindlichkeit ihrer Mutter zu lesen ist.

Das ist der Ausgangspunkt von "Handlungsstörung" (Amazon-Affiliate-Link ), dem am 23. Juni beim zeitkind Verlag erschienenen, aus dem Tschechischen übersetzten Debütroman der Autorin Emma Kausc. Die Übersetzung des Romans stammt von der in Leipzig lebenden Übersetzerin und Autorin Martina Lisa, der es gelingt, einen intimen, doch auch gelegentlich essayistischen und spielerischen Tonfall zu produzieren.

Freundin Alyona ist "vom Erdboden verschluckt"


Der Roman "Handlungsstörung" ist am 23. Juni 2026 im Schweizer zeitkind Verlag erschienen

Mäandernd durch die Zeit, gepaart mit vielen Querverweisen auf Philosophie, Architektur und Zeitgeschehen, sinnt Erzählerin Emma über die wichtigsten zwei Frauen in ihrem Leben nach: ihre Mutter Zuzana – eine tschechische Immigrantin in London, die zu Anfang des Romans verstirbt – und die Fotografin Alyona. Mit Alyona verbindet Emma eine kosmische Liebe, die so stark ist, dass sie eine Zäsur in der Zeit hinterlässt und sich nicht gut in eine Geschichte packen lässt.

Emma hat das Bedürfnis, Alyona so zu erzählen, wie sie wirklich war, doch "[meine] Bemühungen, sie in ihrer Gesamtheit zu erfassen, stoßen ständig an das Gedächtnis und seine Neigung, wichtige Teile unerzählt zu lassen". Alyona tritt selbst außerhalb von Erinnerungen nicht in Erscheinung. Sie ist verschwunden, "vom Erdboden verschluckt", ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Sie ist den Algorithmen entflohen, wie Emma immer wieder denkt. Ihre Geschichte geht vielleicht woanders weiter – vielleicht aber auch nicht.

Das Verschwinden wird nicht aufgeklärt

Hinter der ruhigen Erzählstimme Emmas schimmert immer wieder das große Trauma von Alyonas Verschwinden hervor, gepaart mit der schwierigen Kindheit an der Seite ihrer kontrollierenden, einsamen Mutter. "Rückblickend versuche ich, unsere Geschichte zusammenzupuzzeln, suche nach passenden Teilen, überlege, wo ich mehr hätte aufpassen sollen. Natürlich stehe ich mit leeren Händen da", denkt Emma über Alyona. Ihre Erklärversuche, die Erinnerungen an vergangene Gespräche, Streits, Untreue, Details über Alyonas verschüttete Immigrantinnen-Vergangenheit – alles läuft mehr oder weniger ins Leere.

In einer klassischeren Romanstruktur würde Alyonas Verschwinden, ja ihr möglicher Tod vielleicht gegen Ende des Buches aufgeklärt werden, uns Lesenden würde endlich eine Erklärung präsentiert. Doch "Handlungsstörung" weiß, dass diese Erklärung nicht kommen muss, gar nicht kommen kann; viel mehr liegt das Augenmerk darauf, wie Erzählerin Emma versucht, sich Alyonas Verschwinden selbst zu erklären, indem sie uns von ihr erzählt.

Ein lauerndes Gefühl von "climate doom"

Etwa ab der Hälfte des Romans springt die Perspektive zu einer kurzen Vignette über die Schauspielerin Sara, die eine unglückliche Affäre mit dem berühmten Autor John eingeht und schließlich, um mit ihm abzuschließen, auf Island einer Zeremonie zugunsten eines sterbenden Gletschers beiwohnt. Es ist beeindruckend, dass es Kausc gelingt, hier nicht den Faden zu verlieren und den Sog des Romans weiterzuentwickeln, obwohl der Fokus temporär von Emma und Alyona abrückt, bis John auch zu einer wichtigen Figur in Emmas Leben wird. Doch im Gegensatz zu den Frauenfiguren von mythischer Größe, Alyona und Zuzana, bleibt John blass und unnahbar. Die Anziehung, die er auf Sara und Emma ausübt, überträgt sich kaum auf die Lesenden.

Auch in dem Perspektivwechsel auf John und Saras Geschichte spiegeln sich die großen Themen des Romans: Zeitwahrnehmung, die Frage, ob man Menschen wirklich kennen und wirklich erzählen kann, sowie ein lauerndes Gefühl von "climate doom", von der ständigen Präsenz großer Katastrophen. Kauscs Figuren bewegen sich vor einem Hintergrund aus Waldbränden, steigenden Meeren und schmelzenden Gletschern und fühlen diese menschengemachten Verschiebungen körperlich. Darin erinnerte mich der Roman an Julia Armfields neuestes Buch "Private Rites", das sich ebenfalls mit lesbischem Begehren vor der Kulisse eines durch das Klima verurteilten Londons auseinandersetzt.

Augenzwinkerndes Spiel mit der Autofiktion

Zutiefst modern an Kauscs Debüt ist nicht nur die wiederkehrende Thematik des Klimawandels und den damit verbundenen Ängsten, sondern auch das augenzwinkernde Spiel mit der Autofiktion. Die Hauptfigur Emma trägt denselben Vornamen wie die Autorin, auch an anderen Stellen überschneiden sich die Biografien: eine Zeit in London am King's College, die Verbindung nach Tschechien. Die fiktive Emma ist selbst ebenfalls eine Autorin, die die Geschichte von Alyona aufschreibt und voller Vertrauen zu uns spricht.

Doch die Welten der Erzählerin und die unsere unterscheiden sich in subtilen Punkten; beispielsweise ist eins der berühmten Wahrzeichen von Los Angeles in unserer Realität das große weiße "Hollywood"-Zeichen, während in Emmas Welt vom ursprünglichen "Hollywoodland" (das so tatsächlich einmal dort stand) nur noch "Land" übriggeblieben ist. An Details wie diesem zeigt sich Kauscs Spiel mit Orten und Verortbarkeit, ihre Detailverliebtheit in der Beschreibung von London, L.A. oder der kleinen britischen Küstenstadt St. Ives.

Manchmal durchdringe ich Kauscs Interesse an kosmischen Zusammenhängen nicht vollkommen, auch das erste und letzte Kapitel des Romans, das beschreibt, wie ein Mann wie im Wahn unter London Tunnel gräbt (auch basierend auf einer realen Begebenheit), steht für mich nur begrenzt in Verbindung mit Alyonas und Emmas Geschichte. Doch in "Handlungsstörung" steckt so viel, dass es leicht vorstellbar ist, wie all diese Zeichen sich für andere Lesende zu einem stimmigen Bild zusammenfügen.

Infos zum Buch

Emma Kausc: Handlungsstörung. Roman. Übersetzung aus dem Tschechischen
Martina Lisa. 320 Seiten. zeitkind Verlag. Meilen 2026. Gebundene Ausgabe: 26 € (ISBN 978-3-907724-08-8)

Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.

-w-

-w-

-w-