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Schwellende Klänge, konkrete Botschaft
Trans als Thema der Hochkultur: "As One" in Dresden
Unweit vom Ort einer der ersten geschlechtsangleichenden Operationen der Welt gelangt mit Laura Kaminskys Kammeroper "As One" ein sensibles Werk über Emotionen und Mut zur Aufführung an der Semperoper.

Geschichte einer Transition: Gabriel Rollinson (Hannah Younger, l.), Dominika Škrabalová (Hannah Older) in "As One" (Bild: Klaus Gigga / Semperoper Dresden)
- Von Roland H. Dippel
23. Juni 2026, 13:44h 4 Min.
"Für mich steht im Zentrum des Abends ein Mensch, der in eine innere Zufriedenheit mit sich selbst kommt. (…) Aber wenn man die komplette Geschichte erlebt, können sich alle in Hannah wiederentdecken, ganz gleich, welche geschlechtliche Identität sie haben."
Das ist für die Regisseurin Rahel Thiel die Quintessenz der am 4. September 2014 an der Brooklyn Academy of Music's Fisher Space uraufgeführten 70-Minuten-Oper "As One" von Laura Kaminsky. Das Werk über die Entdeckung einer Transidentität und deren glückende Selbstakzeptanz ging in über 65 Inszenierungen um die Welt – von Schweden bis Australien, in Deutschland unter anderem in Regensburg und Gießen. Jetzt auch im Semper Zwei, Studiobühne der Semperoper Dresden. Das Textbuch stammt vom erfahrenen Mark Campbell, der auch den Text zu Paul Moravecs derzeit in Regensburg und Stralsund zu sehender Stephen-King-Oper "The Shining" verfasste, und Kimberly Reed.
Queere Themen in Einrichtungen der Hochkultur
Ein Entwicklungsstrang macht sich derzeit auf breiter Basis in Einrichtungen der Hochkultur bemerkbar – wie vor 50 Jahren bei der schwulen und lesbischen Selbstbefreiung. Erst kam die Erkenntnis, dass es Abweichungen vom heteronormativen Mainstream gibt. In einer zweiten Bewegung folgt der Kampf um Anerkennung, darauf die Frage nach der Befindlichkeit in den thematisierten Identitäten und deren fragilen sozialen Rollen.
Desto wichtiger ist die Auseinandersetzung mit der Thematik, weil erst 2022 die Weltgesundheitsorganisation Transidentität offiziell aus dem ICD-Katalog der psychischen Krankheiten gestrichen hatte. 1930 hatte sich Lili Elbe in der Dresdner Frauenklinik – also unweit des Aufführungsortes – einer der weltweit ersten dokumentierten geschlechtsangleichenden Operationen unterzogen.
Mut zur Einmaligkeit
Für Dirigentin Naomi Shamban bedeutet "Hannahs Erzählung in erster Linie der Bogen von der Angst zum Mut hin". So geht es in "As One" in erster Linie nicht um den Prozess der Transition und das Erlernen der neuen Identität, sondern vor allem um das Erkennen des Andersseins im Jugendalter, den Wandel und die Selbsterkenntnis in diesem Wandel. Die "junge" Hannah ist der Bariton Gabriel Rollinson, die "ältere" die Mezzosopranistin Dominika Škrabalová. Das Streichquartett hat im Semper Zwei neben dem Spielquadrat mit den weißen Vorhängen (Bühne: Fabian Wendling) zwei Sitzpositionen und wandert im weiten dunklen Raum. Erst bei Hannahs Erleben eines transfeindlichen Übergriffs bäumen sich die Klänge auf. Bis dahin bilden sie mit den Gesangsstimmen einen langen, meist ruhigen und einheitlich wirkenden Untergrund.
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Kaminskys Oper zeigt das Ringen einer duplizierten Figur mit sich selbst. Dieses wird in den ersten 50 Minuten nur deshalb nicht wild, weil die als Schülerin Blusen unter Jacke tragende Hannah und die Hannah nach der Transition nicht in selbstzerstörerischem Streit miteinander liegen, sondern sympathetisch erörtern. Sie sind psychisch und emotional miteinander verflochten. Projizierte Schriftzüge (Video: Clemens Walter) belegen durch die Nähe zu den Mitmenschen die Entwicklung, die Selbstverständigung Hannahs und das Wachsen ihrer Persönlichkeit.
Dialog der äußeren und der wahren Identität
Die Hormonbehandlung geht im Stück schnell vorbei und findet hinter dem Vorhang statt. In einer breiten Kantilene geht es dann um die inneren Veränderungen und den psychischen Switch vom äußeren Mannsein zur ganzheitlichen Fraulichkeit. In dieser Szenenfolge erreicht die Produktion ihre höchste Dringlichkeit. Thiel führt die beiden Figuren oft in physische Nähe zueinander, sie sind zueinander mehr zugetan als zur Außenwelt. Weich fließende Kleidung haben sie (Kostüme: Judith Philipp) – die junge Hannah deutliches Weiß, die ältere tiefes Lila. Alle – auch das Streichquartett und die Dirigentin – tragen rote Haare.
Diese Persönlichkeitsentwicklung steht also doch am Rand der Gesellschaft und bildet in sich dabei einen ganz eigenen Erlebniskosmos. Ein Holztisch und erlesene wenige Requisiten wurden für die Ausstattung verwendet. Die graue raue Welt draußen ist weg geblendet. In dieser Sphäre ist die raumgreifende Entwicklung sich selbst genug wie in einer alten Oper, wenn Emotionen gegenüber krassen Widerständen sich ihre eigene Welt generieren. Das Ergebnis gerät bei der zweiten Vorstellung im vollen Semper Zwei poetisch und rund. Aber Hannah kann sich nach den ersten Versuchen mit Flirts in der neuen Frauenposition nicht sicher fühlen. Sie erlebt Konfrontationen und Gewalt.
Weitere Vorstellungen von "As One" an der Semperoper gibt es am 25. und 26. Juni 2026 jeweils um 20 Uhr sowie letztmalig am 28. Juni um 16 Uhr.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Stück, Termine und Karten auf der Homepage der Semperoper
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