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Interview
"Das ist der Grund, warum ich die Stelle mit dem Penis so liebe"
Die Tragikomödie "Donkey Days" erkundet schwierige Familiendynamiken. Zum Kinostart erzählt Regisseurin Rosanne Pel, wie sie die Newcomerin Jil Krammer fand, warum die Hauptfigur Täterin und Opfer ist – und wieso die BDSM-Szene so zärtlich ist.

Regisseurin Rosanne Pel 2025 beim Filmfestival in Locarno (Bild: IMAGO / Bestimage / Romain Doucelin)
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24. Juni 2026, 02:23h 12 Min.
Familie kann anstrengend sein. Das kennen wahrscheinlich alle. Doch in der Familie der queeren Anna geht es besonders unharmonisch zu. Anna, ihre ältere Schwester Charlotte und Mutter Ines streiten und schreien fast pausenlos.
Die Tragikomödie "Donkey Days" erzählt sehr unmittelbar und authentisch. Der Film macht großen Spaß, weil man sich in vielen Momenten wiedererkennt (ausführliche Filmkritik).
Zum Kinostart von "Donkey Days" am 25. Juni 2026 sprachen wir mit der niederländischen Regisseurin Rosanne Pel über ihren zweiten Spielfilm.

Poster zum Film: "Donkey Days" startet am 25. Juni 2026 im Kino. Seit Anfang des Monats läuft der Film bereits in der Queerfilmnacht
In Annas Familie gibt es viel Streit. Wenn sie für einen Tag eine Person verändern könnte, wen würde sie wählen? Ihre Mutter Ines, ihre Schwester Charlotte oder vielleicht sogar sich selbst?
Mein erster Gedanke war, dass sie ihre Mutter verändern würde. Aber wenn sie es wirklich könnte, würde sie tief in ihrem Inneren wahrscheinlich zuerst sich selbst verändern. In Anna steckt so viel Selbsthass, dass sie sich von innen heraus verändern würde – und vielleicht auch äußerlich. Wenn sie diese Familie auf gesunde Weise aus der Distanz betrachten könnte, würde sie wahrscheinlich sagen, dass sich alle drei ändern müssten.
Dein Film "Donkey Days" wirkt sehr vertraut und authentisch: Es gibt Konflikte, mit denen sich viele im Publikum identifizieren werden. Wie hast du dafür gesorgt, dass die Dialoge und die Dynamik so natürlich wirken?
Ich arbeite an dieser Dynamik durch wirklich lange Proben mit den Schauspielerinnen. Ich schreibe zwar das Drehbuch, lasse es aber während der Proben teilweise los. Es ist ein sehr kollaborativer Prozess mit spontanen Reaktionen. Und je öfter man das macht, desto mehr entsteht diese Familiendynamik.
Am Set wurde also viel spontan improvisiert?
Improvisation ist ein Werkzeug, das ich nutze, das ist ein Teil meiner Arbeitsweise. Man könnte zwar denken, dass alles einfach nur sehr spontan ist, aber eigentlich ist es ein sehr kontrollierter Prozess. Ich bereite Szenen auf viele verschiedene Arten vor. So kann ich am Set teilweise loslassen und zu anderen Szenarien wechseln – und die Schauspielerinnen genauso.
Du bist Niederländerin, hast aber auf Deutsch mit deutschen Schauspielerinnen gedreht. Wie hat das funktioniert?
Sprache ist sehr wichtig. Besonders interessiert mich die Sprache, die man in der Familie spricht, wenn es um Liebe oder um Hass geht. Ich lebe schon seit einiger Zeit in Hamburg, und meine Partnerin ist Deutsche. Ich verstehe die Sprache also sehr gut, aber natürlich gibt es Nuancen. Dabei habe ich mich voll und ganz darauf verlassen, dass die Schauspielerinnen die Wörter ganz präzise wählen. Das Drehbuch war auf Englisch und beim Proben sind wir auf Deutsch gewechselt. Sie haben die Dialoge nie so gesprochen wie im Skript. Sie haben nicht einmal alle Seiten vom Skript gelesen.
Die Darstellerinnen haben eine großartige Chemie miteinander. Für Jil Krammer, die Anna spielt, ist es das erste Mal, dass sie in einem Film mitspielt. Sie spielt an der Seite von Susanne Wolff, einer sehr etablierten Filmschauspielerin, und mit Hildegard Schmahl, einer großen Theaterschauspielerin. War es eine Herausforderung, mit Schauspielerinnen zu arbeiten, die so unterschiedlich viel Erfahrung haben?
Auf dem Papier wirkt das wie ein großes Risiko. Was besonders gut funktioniert hat, war, dass Susanne sich sehr gut in diese Rolle hineinversetzen konnte und dass Jil das ebenfalls gelang. Jil bringt natürlich viel von sich selbst in diese Welt ein. Und Susanne hat so viel Erfahrung, und zusammen haben sie sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln gegenseitig unterstützt.

Jil Krammer als Anna in "Donkey Days" (Bild: Salzgeber)
Wie hast du Jil gefunden? Wie viel von Anna stand schon im Drehbuch, oder hast du die Rolle verändert, nachdem du sie gefunden hast?
Im Drehbuch war sie eine übergewichtige und queere Frau. Wir haben bei Casting-Agenturen gesucht. Aber es gibt nur ein kleines Repertoire an Frauen mit einer kräftigeren Figur. Man findet bei Agenturen irgendwie immer denselben Typ Frau, was total verrückt ist. Ich wusste also, dass ich für diese Rolle nicht das finden würde, was ich suche. Ich habe schon davor mit Laiendarsteller*innen gearbeitet. Also habe ich auf der Straße gecastet, und eine Freundin von mir, Maris Eufinger, meinte, ich solle mich mit Jil treffen. Sie brachte etwas ganz anderes in diese Rolle ein, was ich viel besser fand.
Nämlich? Wie hat Jils Charakter ihre Rolle als Anna verändert?
Im Drehbuch war Anna eher ein Opfer vieler Umstände. Mit Jil habe ich dann eine so starke Persönlichkeit gefunden, dass ich dachte: Anna wird an dieser Dynamik genauso beteiligt sein. Sie wird sogar zu einer treibenden Kraft dieser Familiendynamik, in der sich die Familienmitglieder gegenseitig ausspielen. Das macht sie menschlicher und auch mitverantwortlich. Das finde ich viel interessanter. Sie setzt sich für sich selbst ein und tut ihrer Familie genau das gleiche an, was diese ihr antut, nur auf eine etwas andere Art und Weise. Genau darum geht es: Dass sie sich tatsächlich gegenseitig dasselbe antun.
Manche Szenen von "Donkey Days" wirkten fast wie ein Dokumentarfilm. Warum hast du diesen dokumentarischen Ansatz gewählt, zum Beispiel bei der Kameraführung?
Das ergibt sich aus meiner Arbeitsweise. Ich wiederhole dieselbe Szene nicht immer wieder genau gleich. Ich möchte eine Schauspielerin nicht bitten, jedes Mal an derselben Stelle zu stehen und dieselben Sätze zu sagen. Das langweilt mich sehr schnell. Ich möchte mit jedem Take etwas Neues entdecken. Natürlich habe ich meine Vorgaben und weiß, was aus den Szenen herauskommen soll, aber die Schauspielerinnen sollen so viel Freiheit wie möglich haben. Deshalb arbeiten wir mit einem sehr kleinen Team – eigentlich nur vier Personen am Set. Es sind zwar noch viele andere Leute beteiligt, aber die sind oft nicht im Haus. Bei intimen Szenen ist das natürlich anders, da sind mehr Leute dabei wie die Intimitätskoordination. Wir arbeiten mit natürlichem Licht und drehen auf analogem Film. So will ich so viel Raum und Freiheit wie möglich schaffen.
Der Film spielt vor allem in diesem großartigen Anwesen. Es fühlt sich fast wie ein Kammerspiel an. Wie habt ihr es geschafft, eine Vielfalt in den Bildern zu erzeugen, obwohl ihr hauptsächlich an einem Ort gedreht habt?
Irgendwann wollte ich unbedingt raus aus diesem Haus. Es hat sich für mich sehr einengend und bedrückend angefühlt. Eines der interessantesten Dinge an dem Haus ist, dass man mit dem Film die Architektur nicht wirklich durchschaut. Man weiß nicht, wo sich die Räume befinden, es ist völlig verwirrend. Selbst wir als Crew haben uns im Haus ständig aus den Augen verloren. Das Haus bietet so viele Möglichkeiten, mit diesem emotionalen und mentalen Zustand zu spielen, in dem man nicht wirklich weiß, wo man steht, weil sich alles ständig verändert und auch die Räume sich ständig verändern. Wir haben den Film nicht am Stück gedreht, sondern in fünf verschiedenen Drehphasen. Jedes Mal haben wir das Haus ein wenig verändert, obwohl es derselbe Ort ist. Das ist verwirrend, so als könne man nicht ganz begreifen, was an diesem Ort eigentlich nicht stimmt.
Warum hast du in verschiedenen Phasen und chronologisch gedreht?
Ich versuche, der Chronologie so weit wie möglich zu folgen, damit die Schauspielerinnen darauf aufbauen können, was schon passiert ist, weil wir nicht nach einem festen Drehbuch arbeiten. Ich möchte, dass sie sich auf das beziehen, was bereits passiert ist. Und zu den Phasen: Normalerweise schreibt man, dann dreht man, dann schneidet man. Und ich hatte am Set immer das Gefühl, dass um mich herum andere Dinge passieren, die ich in die Geschichte einbringen wollte, aber wenn man erst einmal mitten am Drehen ist, kann man nichts mehr ändern. Deshalb wollte ich einen Schritt zurücktreten und einen Teil des Materials schneiden, dann das Drehbuch umschreiben und dann erneut drehen. Das macht den gesamten Prozess viel organischer, und man entdeckt viel mehr, wenn der Film so offen bleibt. Aber es ist wirklich ein enormer Aufwand für alle Beteiligten.

Die queere Anna (Jil Krammer, l.) geht auf kinky Partys, ihre ältere Schwester Charlotte (Susanne Wolff) kann mit Emotionen nicht viel anfangen (Bild: Salzgeber)
Anna ist eine queere Frau und sie ist ganz anders als ihre Schwester Charlotte. Wie hast du die Figuren entwickelt – unterschiedlich, aber nicht zu unterschiedlich, weil sie ja immer noch Schwestern sind?
Man sieht, dass sie Schwestern sind, sie haben dieselbe Mutter. Ich glaube, das funktioniert so gut, weil keine von ihnen perfekt ist. Sie stecken alle in einer bestimmten Rolle fest, zum Beispiel als Mutter oder als alte Frau, als übergewichtige Frau oder als die Hübsche. Aber wenn man sie genau anschaut, entsprechen sie ihren Rollen überhaupt nicht. Das macht manche Leute wütend, wenn sie den Film sehen. Weil sie die Figuren in Schubladen stecken wollen, aber das funktioniert hier nicht. Sie tun ständig etwas anderes, als man von ihnen erwartet. Anna zum Beispiel ist nicht nur das Opfer, sie ist auch eine Täterin. Charlotte wirkt wie eine elegante Frau, die alles im Griff hat, aber sie ist so klein und so zerbrechlich. Und wenn sie wütend sind, dann nicht sanft oder einfühlsam.
Und das zieht sich durch den ganzen Film, die Figuren entwickeln sich ständig weiter, und man entdeckt immer wieder neue Aspekte.
Man kann immer mehr Facetten entdecken, und man muss sich etwas Zeit nehmen, um sie zu beobachten. Das ist eine sehr interessante Dynamik zwischen dem Publikum und dem Film.
Es gibt auch einige recht explizite Szenen, eine Queer-Performance und eine kinky Party, was für dieses Genre eher überrascht. Warum hast du das eingebaut?
Als der Film in New York gezeigt wurde, meinte jemand aus dem Publikum, dass die Leute die BDSM-Szene vielleicht überraschend finden, aber bei so einer Erziehung sei es wirklich kein Wunder, dass sie direkt zu BDSM führt. Ich finde, das war eine wirklich witzige Art, es auszudrücken, und ich sehe das genauso. In dieser Familie herrscht so viel Unterdrückung, dass sie irgendwo anders kompensiert werden muss. Es muss ein Spiel mit Macht geben, auf eine andere Art und an einem anderen Ort, der für Anna tatsächlich sehr sicherer ist – etwas, was ihre Schwester nicht hat. Rückblickend macht es für diese Figur sehr viel Sinn, in dieser Szene aktiv zu sein, ohne dass daraus ein großes Thema wird. Es ist einfach da.
Gleichzeitig ist es schon ein Risiko, denn nicht alle im Publikum verstehen das, oder? Vor allem bei Susanne Wolff, deren Filme mit bestimmten Erwartungen verbunden sind. Wie bist du mit diesem Risiko umgegangen?
Manchmal kann man nicht alles voll und ganz kontrollieren. Ich habe mich dafür entschieden, weil ich es für die Figuren und für die Geschichte wichtig fand. Wenn ein Teil des Publikums davon schockiert ist, dann nicht, weil ich es schockieren will. Es liegt daran, wie diese Menschen die Welt sehen. Ich glaube nicht, dass es meine Aufgabe als Filmemacherin ist, das zu glätten. Es gibt bereits so viel im Fernsehen oder auf Netflix, was perfekt und frei von Chaos ist. Ich finde, Arthouse-Kino sollte Grenzen verschieben, und das bedeutet auch, dass manche Leute im Kino über bestimmte Dinge verärgert oder schockiert sein werden.
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Gleichzeitig ist dies eine sehr authentische Darstellung von queerem Leben, was auf der Leinwand immer noch eher selten ist. Du hast gesagt, es sei wichtig für die Figur und die Geschichte, aber hast du dabei auch an die grundsätzliche Frage nach Repräsentation gedacht?
Selbst Menschen, die nicht viel über BDSM-Partys wissen, haben wahrscheinlich eine klare Vorstellung davon, wie so etwas aussieht – nämlich nach hartem Sex. Aber diese Szene ist tatsächlich sehr sanft und sehr zärtlich, sehr sicher, kuschelig, warm, und sie dreht sich ganz um Consent. Das ist ein Ort, an dem Anna tatsächlich Liebe erfährt. Ich glaube, das ist auch etwas, womit die Leute nicht rechnen: dass es eine der schönsten Szenen des Films ist.
In dieser Szene reden drei Menschen miteinander, anstatt zu streiten, und versuchen herauszufinden, was die Einzelne und was die anderen wollen. Eigentlich ist das fast das Gegenteil der Familie.
Genau, und es ist ein Raum, in dem Grenzen sicher sind, und es sicher ist, sie zu setzen. Ich glaube, genau das fehlt in der Familie völlig: ein Gespür dafür, wie man Grenzen setzt, ohne überstimmt zu werden. In dieser Szene passiert etwas ganz anderes. Was jemand sagt, wird ernsthaft akzeptiert.
Das ist eine explizite Szene, aber das einzige, was sie explizit macht, ist, dass ein steifer Penis darin zu sehen ist. Abgesehen davon ist sie unschuldig und sicher – sogar sicherer als die Familie.
Ja, genau. Und ich glaube, das ist auch der Grund, warum ich die Stelle mit dem Penis so liebe. Die gesamte Filmgeschichte ist voll von weiblicher Nacktheit und Brüsten. Niemand hat als hart oder aggressiv gesehen. Es war einfach da, völlig normalisiert. Und genau das habe ich mit dem steifen Penis gemacht. In der Szene führt sie ihn zum Bett, er genießt es, und sie sind zusammen. Da ist nichts Hartes dran.
Trotzdem wird ein erigierter Penis mit Pornografie in Verbindung gebracht.
Wir haben so viele Bilder im Kopf, die weitaus expliziter oder aggressiver sind und oft mit Pornografie in Verbindung stehen – und zwar auf eine Weise, bei der man wirklich darüber diskutieren könnte, ob das in Ordnung ist oder nicht. Ein erigierter Penis ist aber nicht unbedingt etwas Aggressives.
Das stimmt, aber wir sehen sie dennoch selten in nicht-erotischen Filmen.
Ich wurde tatsächlich vom Vertrieb darauf angesprochen. Man hat mich gefragt, ob es für mich in Ordnung wäre, wenn diese Szene herausgeschnitten wird, falls der Film in Flugzeugen gezeigt wird. Ich meinte, das könnten wir besprechen, aber es gibt wahrscheinlich viele andere Gründe, warum der Film nicht in Flugzeugen laufen könnte. (lacht)
In "Donkey Days" gibt es keinen Vater. Wo ist er?
Er ist brillant in seiner Abwesenheit, würde ich sagen. Ich glaube, das ist ein Teil der Antwort auf die Frage. Man erfährt nie wirklich, wo dieser Vater ist – es ist fast schon absurd, wie sehr er im gesamten Film fehlt. Ganz grundsätzlich: Selbst wenn Vaterfiguren in Familien präsent sind, und heutzutage ändert sich da einiges, gibt es auf dieser Seite immer noch zu viel Abwesenheit, was Müttern manchmal viel zu viel Macht verleiht.
Donkey Days. Tragikomödie. Niederlande, Deutschland 2025. Regie: Rosanne Pel. Cast: Jil Krammer, Susanne Wolff, Hildegard Schmahl, Amke Wegner, Carla Juri. Laufzeit: 108 Minuten. Sprache: Originalfassung in Deutsch, Englisch und Niederländisch, teilweise mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 25. Juni 2026. Seit Anfang des Monats läuft der Film bereits in der Queerfilmnacht
Links zum Thema:
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