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Queer Cinema

Vom Darkroom direkt ins Pflegeheim

Das spanische Drama "Maspalomas" erzählt die Geschichte eines schwulen Mannes, der noch bis ins hohe Alter anonymen Sex auf Gran Canaria genießt – bis ein Schlaganfall plötzlich alles ändert. Beim Filmfest München ist Deutschland-Premiere.


Schwuler Sex in den Dünen: Cruising-Szene aus "Maspalamos". Weitere Szenenfotos zeigen wir in der unten verlinkten Galerie (Bild: Salzgeber)

Seine Wut und Trauer seien völlig verständlich, erklärt die Psychologin ihrem Patienten Vicente (José Ramón Soroiz) bei einer ihrer Sitzungen im Pflegeheim. Schließlich habe er durch den Schlaganfall einen Teil seines Lebens verloren, und diesen gelte es zu betrauern – das sei wichtig für den Genesungsprozess. Was genau der eben noch so lebenslustige Rentner verloren hat, ahnt sie hingegen nicht, denn Vicente weigert sich standhaft, irgendwem im Heim zu offenbaren, dass er schwul ist und wie er die letzten Jahre verbracht hat.

Das Kinopublikum hingegen bekommt dies zu Beginn des neuen spanischen Dramas "Maspalomas" ausgiebig zu sehen: Vicente beim Sex in den Dünen, beim Cruising in diversen Bars, mitten im Winter Pride mit seinem besten schwulen Freund Ramón (Zorion Eguileor) – es ist ein unbeschwertes Leben an einem Ort, wo offenbar auch alte und aus Sicht von vielen Menschen nicht mehr sonderlich ansehnliche Männer ihren Spaß haben können.

Abrupt zurück "in the closet"


Poster zum Film: "Maspalomas" feiert Deutschland-Premiere am 30. Juni 2026 beim Filmfest München. Im September ist das Comedy-Drama in der Queerfilmnacht zu sehen

Doch gerade als er sich in einem Darkroom mit einem Paar vergnügen will, ereilt Vicente ein Schlaganfall. Und als wir ihn nach einem kurzen Zeitsprung erneut sehen, sitzt er massiv gealtert in einem Rollstuhl neben seiner Tochter Nerea (Nagore Aranburu) im Büro der Leiterin eines Pflegeheims in seiner ungeliebten Heimatstadt San Sebastián. Die Direktorin will ein bisschen mehr über ihn erfahren, Vicente allerdings bleibt wortkarg. Nerea weiß zwar, dass er schwul ist, aber sonst praktisch nichts, weil sie 25 Jahre lang keinen Kontakt hatten. Ihr Vater ist denn auch sehr erstaunt, dass ihr nicht völlig egal ist, was aus ihm wird.

Irritiert ist er auch von seinem stets gut gelaunten und sehr heterosexuellen Zimmergenossen Xanti (Kandido Uranga), der versucht, ihn aufzumuntern und beim Genesungsprozess zu unterstützen. Doch Vicente kann mit all dieser Freundlichkeit zunächst gar nicht umgehen, umso mehr als er fürchtet, dass sie rasch verschwinden könnte, wenn er sich als schwul zu erkennen gibt. Immerhin wird ihm der engagierte und humorvolle Pfleger Iñaki (Kepa Errasti) zugeteilt, der offensichtlich auf Männer steht und sogar auf einer Grindr-ähnlichen App präsent ist, wie er schon bald entdeckt. Und die Alten im Heim scheinen Iñaki eigentlich gut zu akzeptieren, auch wenn es ab und zu Sprüche gibt.

Als es langsam bessert, kommt Corona

Dennoch hält Vicente sich bedeckt, zutiefst frustriert über seine Situation. Aber nach und nach wird es besser: Er kann sich wieder ohne Rollstuhl bewegen, wird kräftiger, geht mit Xanti sogar ins Fitness-Center; selbst das angespannte Verhältnis zu seiner Tochter scheint sich langsam zu lockern. Doch dann kommen plötzlich in den Nachrichten Meldungen von einem seltsamen Virus aus China, der dort zu abgeriegelten Städten geführt hat. Wir befinden uns im Frühling 2020, und Corona steht kurz davor, die Welt lahmzulegen – und erst recht die Alters- und Pflegeheime.

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"Maspalomas" beschäftigt sich mit einem Thema, das heute viele alternde queere Menschen umtreibt. Sie gehören zu den ersten, die ihre sexuelle Orientierung oder ihre Geschlechts­identität offen gelebt haben, die gegenüber ihren Familien, ihren Freund*­innen und Arbeitskolleg*­innen "out" waren – oder sich ein Umfeld geschaffen haben, in dem sie das sein konnten, ohne verurteilt zu werden. Doch wenn sie im Alter dann mal Hilfe und Pflege brauchen, haben die meisten keine Kinder, die sich um sie kümmern können. Stattdessen werden sie unvermeidlich in Altersresidenzen oder Pflegeheimen landen, in denen die große Mehrheit hetero und cis ist, darunter mutmaßlich auch zahlreiche Leute, die sich mit dem Queersein schwertun.

Weiterkämpfen, schweigen, auf den Wandel hoffen?

Wie damit umgehen? Die ganzen Kämpfe in dieser neuen Umgebung nochmals neu ausfechten? Oder lieber schweigen und so tun, als wäre man genauso wie alle anderen? In einigen europäischen und amerikanischen Städten gibt es inzwischen queere Altersresidenzen, deren Bewohner*­innen derartige Fragen erspart bleiben. Andererseits sind solche queeren "Ghettos" vielleicht auch nicht für jede*n der Wunschtraum eines erfüllenden Lebensabends.

Es gibt auch noch ein anderes, hoffnungsvolleres Szenario: Zwar erleben wir derzeit einen politischen Backlash gegenüber queeren Menschen, dennoch ist deren Akzeptanz in der westlichen Welt heute wohl so hoch wie nie zuvor. Was bedeutet, dass durchaus Chancen bestehen, dass viele von den künftigen heterosexuellen Alten in solchen Residenzen queere Freund*innen haben oder hatten und dem allem vielleicht ganz entspannt gegenüberstehen.

Selbst Vicente wagt gegen Ende von "Maspalomas" noch ein kleines Coming-out. Doch letztlich weicht der Film mit seiner "Lösung" der eigentlichen Herausforderung ein bisschen aus. Das aber ist der einzige kleine Wermutstropfen dieses ansonsten berührenden, bemerkenswerten Dramas.

Deutschland-Premiere feiert "Maspalomas" am 30. Juni 2026 beim Filmfest München (insgesamt gibt es drei Vorführungen). Im September 2026 ist das Comedy-Drama in der Queerfilmnacht zu sehen.

Infos zum Film

Maspalomas. Comedy-Drama. Spanien 2025. Regie: Moriarti. Cast: José Ramón Soroiz, Kandido Uranga, Zorion Eguileor, Nagore Aranburu, Kepa Errasti. Laufzeit: 115 Minuten. Sprache: baskisch-spanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Deutschland-Premiere am 30. Juni 2026 beim Filmfest München. Im September 2026 in der Queerfilmnacht
Galerie:
Maspalomas
8 Bilder
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