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Stück über Anti-Apartheit- und LGBTI-Aktivisten

Glamouröse Selbstfeier von Queerness

Beim Festival "Theater der Welt" in Chemnitz bejubelte das sächsische Publikum eine queere Ikone. Das südafrikanische Musical "Nkoli: A Fierce & Fabulous Life" überzeugte mit einem hierzulande längst abhanden gekommenen Willen zu Rausch und Selbstberauschung.


Szene aus "Nkoli: A Fierce & Fabulous Life": In Chemnitz gab es leider nur zwei Aufführungen am 23. und 24. Juni 2026 (Bild: Mark Lewis)

Das Festival "Theater der Welt" in Chemnitz zeigt noch bis zum 5. Juli insgesamt 33 Stücke aus allen Kontinenten. Mittendrin das Gastspiel mit dem queeren Musiktheater "Nkoli: A Fierce & Fabulous Life" des südafrikanischen Komponisten Philip Miller. Uraufgeführt wurde das Opus über den an Folgen von HIV verstorbenen Apartheid-Widerstandskämpfer und Pride-Aktivisten Simon Nkoli (1957-1998) 2023 im Market Theatre von Johannesburg und gelangte zu zwei Vorstellungen nach Chemnitz.

Im Opernhaus Chemnitz findet sich im Jahr nach dem Kulturhauptstadt-Overflow ein äußerst aufgeschlossenes Publikum ein. Bei mehreren Nummern zucken die Hände, bei den angekündigten "Männern im Tanga" und anderen erotischen Accessoires gibt es von allen Geschlechtern leises Pfeifen, fröhliches Quietschen und begeisterten Applaus. Ein Abend also, an dem sich die Frage nach Topf, Deckel und Schublade erledigt und die Definition von Sophistication contra Dirty Talk verbietet. "Nkoli: A Fierce & Fabulous Life" bewegt sich zwischen Performance, politischem Ritual und dokumentarischer Verdichtung. Die Show ist zugleich verführerisch niederschwellig und faktisch anspruchsvoll.

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Legende, Kampf, Stolz und Selbstbewusstsein

Der echte Held Simon Nkoli ist ein Idealist, authentischer Selbstrepräsentant und am Ende immer mehr von der eigenen Popularität Getriebener. Engagement mündet bei Nkoli in Überhitzung, politisch instrumentalisierte Sexualität verselbständigt sich.

Diese Getriebenheit reizen Millers Komposition, die wilde und hymnische Choreografie sowie die wilde Motorik des Orchesters aus. Politische Sichtbarkeit bedeutet nicht nur Befreiung, sondern auch permanenten Druck. Da ähnelt Simon Nkolis Leben zwar nicht dem seiner Lieblingsautorin Danielle Steel, aber dem seiner weißen, nicht-queeren Antipodin Marilyn Monroe. Besonders deutlich wird das in den Szenen der Konflikte innerhalb der queeren Bewegung, insbesondere bei Nkolis Spannungsfeld zu lesbischen Aktivistinnen.


"Nkoli: A Fierce & Fabulous Life" bewegt sich zwischen Performance, politischem Ritual und dokumentarischer Verdichtung (Bild: Mark Lewis)

Musical auf hohem Standard

Die Lyrics von S'bo Gyre und Philip Miller, die Regie von Greg Karvellas und die Choreografie von Llewellyn Mnguni setzen mit Absicht auf eine Ästhetik der Präsenz statt der Klage, wie man das Projekt vielleicht in Deutschland behandelt hätte. Die energetischen Ensemble-Szenen, die performative Überhöhung von Queerness und die glamouröse Selbstfeier sind kein dekoratives Beiwerk, sondern als politische Körperpraxis ein unverzichtbarer Teil des Narrativs. Statt Musical-Routine erlebt man hier einen der mitteleuropäischen Sicherheits- und Angstgesellschaft längst abhanden gekommenen Willen zu Rausch und Selbstberauschung. Gerade dadurch gewinnt diese überwältigende und aus mitteleuropäischer Perspektive ungewöhnliche Show noch höhere Bedeutung.

Queerness erscheint nicht als Gang nach Golgatha, "Pussy" und "Schwuchtel" werden von der Beleidigung in eine steile Selbstkomplimentierung umgefeiert. Die elegante Mini-Aggressivität vieler Szenen summiert sich zum performativen Frontalvorstoß gegen Unsichtbarkeit auf inhaltlicher und theatraler Ebene: Dieses "Wir sind da" ist sich für eine Entschuldigung, Selbstrechtfertigung und das Jammern um kollektives Mitleid viel zu schade.

Ganz großes Musiktheater, großartiges Ensemble

Musikalisch wächst die Produktion allerdings nicht derart über sich hinaus wie die Darsteller*innen und ihre Performance. Soul, Rhythmik, Unisono-Passagen, chorische Verdichtungen und stilistische Brüche bewegen sich auf dem sicheren Boden zwischen international verstehbaren Vokaltraditionen und zeitgenössischen Trend-Gewissheiten.

Aber es ist schade, dass die Besetzung der einzelnen Partien nicht genannt wurden. Noch großartiger als der Darsteller von Simon Nkoli war der Drag-Conferencier – ein Prachtkerl mit Prachtstimme und Prachtausdruck. Simons Lebensgefährte bleibt als Figur und Charakter im liebenswerten Mauerblümchen-Hintergrund. Die Kampfgefährt*innen gegen Apartheit fahren zu starken Mehr-als-Episoden-Figuren auf. Videoprojektionen mit dokumentarischem und virtuellem Material flankieren die glitzernde Roughness der Gegenwart.

Mauern zwischen ethnischer und sexueller Identität

Das hagiografische Bild hat unter dem griffigen Titel "Nkoli: A Fierce & Fabulous Life" also poröse Ränder und eine Wunde in Simon Nkolis Herzgegend. Denn eine ganze Reihe von Szenen gilt dem Leid Nkolis, dass er als Schwuler in der Widerstandsbewegung seiner südafrikanischen Landsleute gegen Apartheit nicht anerkannt wurde und seine affirmative Daseinsform als "nicht-afrikanisch" und "von den Weißen eingeschleppt" betrachtet wird. Wenn im zweiten Teil erst LGBTI-Pride mit Pailletten und Lippenstift gefeiert wird, dann das kollektive Leid von HIV mit neuen Stigmatisierungen über die Figuren herein bricht, zeigt das soziale Verhaltensfolgen, die sich von der queeren Emanzipation ohne weiteres auf andere Ausgrenzungsmuster übertragen lässt.

Das Team von "Nkoli: A Fierce & Fabulous Life"

Komposition, Konzept: Philip Miller – Lyrics: S'bo Gyre, Philip Mvon iller – Regie: Greg Karvellas – Choreografie: Llewellyn Mnguni – Producer: Harriet Perlman, Philip Miller – Kostüme: Sikelela Mr Allofit, Birrie Roux – Musikalische Leitung: Tshegofatso Moeng – Sound Design: Fried Wilsenach – Lighting Design: Oliver Hauser – Video Designer: Catherine Meyburgh – Motion Graphics: Marcos Martins – Technical Director: Michael Inglis – Stage Manager: Hayleigh Evans – Video Projectionist: Kimon Pienaar - Sänger*­innen: Simbone Qonya, Ann Masina, Luthando Madikizela, Nokuthula Magubane, S'bo Gyre, Grant Towers, Leah Gunter, Mhlaba Buthelezi, Monde Masimini, Simphiwe Simelane, Cindy Manciya, Zolina Ngejane, Ayanda Eleki, Eric Van Rooyen – Tänzer*­innen: Tshepo Zasekhaya, Tylor Spelman, Lebohang Otukile – Musiker:­innen: Daphne Rudolph, Kenny Williams, Siyolise Nyondo, Justin Sasman, Ashlin Grobbelaar, Tsholofelo Tshikare
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