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Texas

USA: Queere Menschen wegen "Antifa-Terror" zu Haftstrafen verurteilt

Acht Menschen wurden in Texas zu zusammen 450 Jahren Haft verurteilt – für eine Demo gegen die Einwanderungs-Behörde ICE. Zwei von ihnen sind trans Frauen, die jeweils 50 Jahre erhielten. Eine nichtbinäre Person muss 100 Jahre in Haft.


Symbolbild: Protestschild "Stop ICE Terror" bei einer Demonstration Anfang Juni in Newark (Bild: IMAGO / Anadolu Agency / Selcuk Acar)

Am Dienstag, den 23. Juni 2026 veröffentlichte das US-Justizministerium (Department of Justice) eine Pressemitteilung mit dem Titel: "Leader of Antifa Cell Members in North Texas Sentenced to 100 Years in Prison for Terrorist Attack on ICE Facility" (Anführer einer Antifa-Zelle in Nord-Texas zu 100 Jahren Haft für terroristischen Anschlag auf ICE-Anlage verurteilt).

Insgesamt verurteilten zwei Bundesrichter acht Angeklagte zu insgesamt 450 Jahren Haft – mit Einzelstrafen zwischen 30 und 100 Jahren. Anlass war eine Demonstration gegen die US-Einwanderungsbehörde ICE am 4. Juli des vergangenen Jahres vor dem Prairieland Detention Center im texanischen Alvarado. Unter den Verurteilten sind zwei trans Frauen, Autumn Hill und Meagan Morris, die jeweils 50 Jahre erhielten. Mit Benjamin "Champagne" Song ist auch eine nichtbinäre Person darunter.


Verurteilt zu jeweils 50 Jahren Haft: Autumn Hill (l.) und Meagan Morris (Bilder: privat)

Was an diesem Abend geschah

Nach Darstellung der Angeklagten und ihrer Unterstützer*innen handelte es sich um eine "noise demonstration" – eine Lärm-Kundgebung zur Solidarität mit den im Center inhaftierten Migrant*innen. Ein Teil der Demonstrierenden zündete Feuerwerkskörper, beschädigte Fahrzeuge und eine Wachhütte und besprühte Wände mit Parolen. Als die örtliche Polizei eintraf, fielen Schüsse.

Wie es dazu kam, ist umstritten. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft traf Benjamin Song, welche*r als "leader" der Gruppe bezeichnet wird, einen Beamten der Polizei von Alvarado am Hals. Die Verteidigung schildert es anders: Lt. Thomas Gross habe unprovoziert seine Waffe auf den Rücken zweier fliehender, unbewaffneter Demonstrierender gerichtet, woraufhin Schüsse in den Boden abgegeben worden seien, um die Situation zu deeskalieren. Auch das Ausmaß der Verletzung ist strittig. Während die Behörden von einem Halsschuss sprechen, ist laut Verteidigung lediglich ein Streifschuss an der Schulter belegt, medizinische Unterlagen wurden nie veröffentlicht. Übereinstimmend wird berichtet, dass Gross das Krankenhaus nach wenigen Stunden wieder verließ und sich vollständig erholte. Song wurde wegen versuchten Mordes zu 100 Jahren verurteilt.

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In einem Statement erklärt Song, es habe sich um einen Akt der Verteidigung gehandelt:

When I saw Lt. Thomas Gross stop pursuing and point his gun at the back of a running, unarmed protester, like he testified, I was terrified. As a firearms instructor and a United States Marine Corps veteran, I understood what I was seeing. I knew what it meant for someone to lean forward into a gun, like he testified, to prepare for recoil.

(Als ich sah, wie Lt. Thomas Gross die Verfolgung abbrach und seine Waffe auf den Rücken eines fliehenden, unbewaffneten Demonstranten richtete, so wie er es selbst ausgesagt hat, bekam ich es mit der Angst zu tun. Als Waffen-Ausbilder und Veteran des US Marine Corps wusste ich, was ich da sah. Ich wusste, was es bedeutet, wenn sich jemand in die Waffe lehnt, wie er selbst ausgesagt hat, um den Rückstoß abzufangen.)

Vor Gericht konnte Song sich auf diese Darstellung allerdings nicht stützen. Der zuständige, von Trump ernannte Bundesrichter Mark Pittman gab mitten im Verfahren einem Antrag der Staatsanwaltschaft statt, der es allen Angeklagten untersagte, sich auf Notwehr oder Nothilfe zu berufen.


Benjamin Song und Ehepartnerin (Bild: privat)

Entscheidend für die Bewertung des Falls ist, was die übrigen Verurteilten mit diesem Schuss zu tun hatten. Keine*r von ihnen hat geschossen. Meagan Morris etwa saß zum Zeitpunkt der Schüsse bereits im Auto und fuhr davon. Verurteilt wurden sie dennoch zu Jahrzehnten – wegen "Beihilfe zu Terrorismus".

Die Konstruktion einer "Antifa-Zelle"

Es ist das erste Mal in der US-Geschichte, dass Menschen wegen Antifa-"Terrorismus" verurteilt wurden – möglich erst, seit Präsident Trump im Herbst 2025 per Dekret Antifa zur "inländischen Terrororganisation" erklärte. Der juristische Kniff dahinter: Der Tatbestand der "Beihilfe zu Terrorismus" verlangt keine tatsächliche Verbindung zu einer real existierenden Terrororganisation. Es genügt der Nachweis, dass jemand eine bestimmte Straftat unterstützen wollte.

Entsprechend wurde die "Zelle" konstruiert: aus schwarzer Kleidung, der Nutzung der Messenger-App Signal, beschlagnahmten Zines und allgemeinen Gesprächen über Waffen. Mehrere der Angeklagten kannten sich vorher nicht und trafen sich erst bei der Demo. Dass die Strafen zudem konsekutiv statt parallel verhängt wurden – also Anklagepunkt auf Anklagepunkt addiert -, ließ aus einzelnen Vorwürfen Jahrzehnte werden. Rechtsexpert*innen warnen, der Fall solle Protest insgesamt abschrecken.

Prairieland steht dabei nicht allein. In Alabama wurde zwei Menschen "Beihilfe zu Terrorismus" vorgeworfen, weil sie nach einem Black-Lives-Matter-Protest einen Einkaufswagen in einem Walmart angezündet haben sollen. In Minneapolis klagte die Staatsanwaltschaft diesen Monat eine Gruppe von ICE-Gegner*innen als terroristische Verschwörung an. In diesen Fällen werden vornehmlich symbolische Handlungen so über den Terror-Begriff zu Zwecken der Repression aufgebläht.

Wenn aus Stimmungsmache Urteile werden

Hier liegt die queere Dimension des Falls. Schon im September 2025 hatte die christlich-nationalistische Heritage Foundation das FBI aufgefordert, eine "von Transgender-Ideologie inspirierte" Form des Extremismus offiziell als Terrorismus einzustufen (queer.de berichtete). Fox News prägte dafür das Kofferwort "Transtifa", das deutsche Portal "Nius" sprach von "neuem Trans-Terror". Noch verläuft die Verurteilung über die Antifa- und ICE-Schiene, nicht über eine eigene "Transgender-Extremismus"-Kategorie. Doch sie fällt in ein Klima, in dem trans Identität und linker Protest rhetorisch ohnehin schon ineinandergeschoben werden.

Nun wurden mehrere trans Personen auf der Anklagebank versammelt. Autumn Hill, 30, ist eine von ihnen; ihre Frau Lydia Koza beschreibt die Gruppe als alles andere als eine Terrorzelle. In einem Bericht des "Guardian" bezeichnet Koza sich und ihren Freundeskreis als "a bunch of fucking nerds‟.

Bei Meagan Morris stellt sich der Fall komplizierter dar: Sie sagte als Kronzeugin aus und war beim Vorbereitungstreffen am Vorabend anwesend, ihre Rolle lässt sich nicht auf die einer bloßen Zuschauerin reduzieren. Beide sollen derzeit im Männertrakt eines Gefängnisses in Johnson County festgehalten werden. Das DFW Support Committee berichtet zudem, den beiden Frauen seien in der Haft Hormonpräparate sowie die Möglichkeit, sich zu rasieren, verweigert worden. Diese Angaben lassen sich von außen nur schwer überprüfen. Sicher ist: Als trans Frau Jahrzehnte in einem texanischen Männergefängnis abzusitzen, bringt ein Maß an Vulnerabilität mit sich, welches mit dem Strafmaß allein nicht beschrieben ist. Gerade in einem Bundesstaat, dessen Regierung trans Existenzen mit besonderer Härte sanktioniert und zunehmend unter Generalverdacht stellt.

Bestraft wird die Solidarität

Das DFW Support Committee, das sich für die Verurteilten einsetzt, nennt das Urteil eine Bestrafung der Solidarität selbst. Die Angeklagten hätten nichts falsch gemacht und würden für den Rest ihres Lebens weggesperrt; nicht die Beweise belegten ihre Schuld, sondern das Vorgehen von ICE und Bundesregierung im vergangenen Jahr belege umgekehrt, wie berechtigt ihr Protest gewesen sei. Man werde weiterkämpfen, bis die Verurteilten frei seien.

Everyday, Texans face increasing repression by both the federal and state governments. Those on the front lines especially are being met with this repression despite our constitutional right to protest and dissent. Instead of listening to us, the government is arresting protestors, creating false narratives about their actions, and wholly ignoring their own obligation to due process.

(Tag für Tag erfahren die Menschen in Texas wachsende Repression durch die Bundes- wie die Landesregierung. Besonders jene an vorderster Front bekommen diese Repression zu spüren, trotz unseres verfassungsmäßigen Rechts auf Protest und Widerspruch. Statt uns zuzuhören, verhaftet die Regierung Demonstrierende, erfindet falsche Erzählungen über ihr Handeln und ignoriert dabei ihre eigene Pflicht zu rechtsstaatlichem Verfahren.)

Der Blick über die USA hinaus macht nachdenklich. Bereits 2023 stufte Russland "die internationale LGBT-Bewegung" als extremistisch ein; es folgten Razzien in queeren Clubs und immer härtere Repressionen (queer.de berichtete). Hier Antifa als Terror, dort die queere Bewegung als Extremismus – ein global zunehmend vertrautes Muster, in dem Staaten dieselbe Vokabel benutzen, um unliebsame Opposition wegzusperren und dabei rechts-konservative Narrative zu bedienen. Die Berufung im Fall Prairieland läuft, die Chancen auf Strafmilderung bleiben unklar.

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