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Ausstellungstipp

Anleitungen zur queeren Selbstfeier

Lust, Körperlichkeit, Sexualität – das waren beliebte und ausgiebig erkundete Arbeitsfelder von Erwin Olaf. Die Berliner Galerie f3 widmet dem 2023 gestorbenen niederländischen Fotografen eine große Werkschau.


Squares, Joy, 1985 © Erwin Olaf (Courtesy: Galerie Ron Mandos, Amsterdam)

Wer kennt nicht dieses Foto mit dem unverschämt gutaussehenden nackten jungen Mann, der, leicht nach hinten gebeugt, eine Flasche an seinen Unterleib presst, aus der eine Fontäne weißschäumenden Champagners herausschießt? Ausgedacht hat sich dieses Foto der niederländische Fotograf Erwin Olaf 1985, und er gab ihm mit dem Titel "Joy" wohl ein beabsichtigtes Understatement mit auf den Weg. Ein Werbefoto für eine Champagner-Marke? Wohl kaum, dafür eine treffsichere fotografische Pointe für etwas, das man in Frankreich "le petite mort" nennt.

Dieses Foto und viele weitere gehören zu einer Serie, die Olaf nach dem Aufnahmeformat "Squares" benannte. Was sich in diesen Quadraten alles hineinpacken ließ, ist in seinem überbordenden Erfindungsreichtum oft von einer Staunen machenden Bizarrheit. So auch das mit "Alandus" betitelte Foto: Ein junger Mann wie eine Skulptur, mit vorgestrecktem Unterleib und nach hinten gebogenem Oberkörper, eingehüllt in einem enganliegenden gestreiften Stoffschlauch, als wüchse die Figur als florales Ornament buchstäblich aus dem Boden.


Squares, Alandus, 1990 © Erwin Olaf (Courtesy: Galerie Ron Mandos, Amsterdam)

Der undefinierbare Blick von Alandus trifft uns als Betrachtende direkt ins Auge. Sinnlichkeit kann auch ein Rätsel sein – ein schönes und herausforderndes auf jeden Fall.

Alles dreht sich um Schönheit

Die Tatsache, dass dem 1959 in Hilversum geborenen und 2023 viel zu früh verstorbenen Fotografen Erwin Olaf erst jetzt eine Ausstellung in Berlin gewidmet ist, überrascht dann doch. Die Kunsthalle in München war tatsächlich schneller und zeigte 2021 eine Werkschau unter dem Motto "Unheimlich schön". Die Doppeldeutigkeit von "unheimlich" war beabsichtigt und sie ist auch in der Berliner Bildauswahl präsent und in seiner Ambivalenz erfahrbar.

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Der Kreuzberger Galerie f3 – freiraum für fotografie ist es in Kooperation mit der Foundation Erwin Olaf und mit Unterstützung der niederländischen Botschaft zu danken, dass wesentliche Aspekte in Olafs Werk sichtbar gemacht werden konnten.

Eigentlich dreht sich dabei alles um Schönheit – so auch in Motiven, die in konventioneller Sichtweise eine idealisierte Schönheit klar verfehlen. Etwa wenn es um alte und dicke Menschen geht, um Krankheit und Vergänglichkeit. Und doch enthalten auch diese, stets minutiös inszenierten Fotos nichts Denunziatorisches. Im Gegenteil. Sinnlichkeit kennt keine Grenzen, aber sie braucht mindestens ein Publikum mit einem entsprechend grenzoffenen Sensorium.

Emanzipiertes queeres Selbstbild

Denn Makellosigkeit ist bei Olaf eigentlich nicht ohne Irritation zu haben und nicht selten verbunden mit Provokation. Die scheinbar glatten Oberflächen dieser super gestylten Körper kümmern sich in ihrer Queerness nicht um Schranken gesellschaftlicher Konventionen. Genau das unterstreicht ihre unüberbietbare Schönheit – das Queersein samt dem Stolz, der darin liegt.

Ein besonderes Gewicht haben in der Berliner Werkschau die Schwarz-weiß-Porträts, die in der queeren Community in den Niederlanden entstanden – eine Serie betitelte er mit "Muses". Seine Musen stehen wie auch in zahlreichen Porträts aus der Serie "Squares" für ein emanzipiertes queeres Selbstbild. Auf diese Weise wurde Olaf nicht nur zum Pionier einer queeren Sichtbarkeit, sondern seine Fotos sind – wenn man so will – zugleich Anleitungen der Selbstfeier. Und nicht zuletzt dokumentieren sie die Community bei der Eroberung sozialen Raums.


First Aids Benefit Club Flora Palace Amsterdam, I, 1983 © Erwin Olaf (Courtesy: Galerie Ron Mandos, Amsterdam)

Lust, Körperlichkeit, Sexualität – das waren beliebte und fotografisch ausgiebig erkundete Arbeitsfelder von Erwin Olaf, der sich als ein Meister ebenso provozierender wie erotischer, so witzig surrealer wie distanziert-kühler Inszenierungen erwies. Die Fantasie scheint darin unerschöpflich zu sein, und das Fotografieren selbst erscheint wie ein lustvoller Akt und war wohl doch hochkonzentrierte Arbeit, die nichts dem Zufall überließ. Dass darin außerdem auch noch politische Energie steckt, das versteht sich angesichts einer nach wie vor aggressiven Queerfeindlichkeit fast von selbst. Die Botschaft: Wir sind schön so, wie wir sind – und das nimmt uns niemand.

Die Ausstellung "Erwin Olaf – Muses" ist noch bis zum 6. September 2026 zu sehen.

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