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Fantasy
Sohn des Hades liebt Sohn des Apollo
Die "Nico & Will"-Reihe von Rick Riordan und Mark Oshiro ist als queere Erweiterung des "Percy Jackson"-Kosmos – trotz einiger Schwächen – bemerkenswert wichtig. Jetzt ist der zweite Band "Das Gericht der Toten" erschienen.

Symbolbild: Zu "Nico & Will" findet sich im Netz jede Menge Fanfiction (Bild: Pinterest)
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28. Juni 2026, 08:06h 8 Min.
"Nico di Angelo, erzähl mir eine Geschichte." Gorgyra aus der Unterwelt besitzt ein magisches weißes Kanu, das stets zu ihr zurückkehrt, wenn sie es anderen Reisenden leiht. Während ihrer Reise durch den Tartarus begegnen Nico und Will der Nymphe. Um ihre Hilfe zu erhalten, müssen sie ihr eine Geschichte erzählen. Also berichten die beiden Halbgötter von ihrem Kennenlernen und vom langsamen Aufflammen ihrer Liebe – der Beziehung zwischen dem Sohn des Hades und dem Sohn des Apollo.
Auch wenn diese Einschübe nur wenig zum eigentlichen Handlungsfortschritt beitragen, ermöglichen sie Nico etwas, das ihm in den übrigen Büchern des "Percy Jackson"-Kosmos lange verwehrt blieb: Er tritt aus der Rolle der queeren Nebenfigur heraus. Über viele Bände hinweg war seine Homosexualität vor allem über sein heimliches Anschmachten von Percy Jackson definiert. Hier wird er endlich zur Hauptfigur seiner eigenen Geschichte. Will Solace bleibt dagegen trotz Titelnennung überraschend blass. Warum er neben Nico als gleichberechtigter Protagonist vermarktet wird, erschließt sich nur bedingt.
Dennoch gefällt mir das grundsätzliche Vorhaben von Starautor Rick Riordan. Gemeinsam mit Kolleg*in Mark Oshiro schreibt er Figuren, die lange am Rand des Universums standen, aktiv ins Zentrum der Erzählung hinein. Queere Jugendliche werden nicht mehr nur mitgedacht, sondern erhalten ihren Platz innerhalb eines der erfolgreichsten Fantasy-Kosmen der Gegenwart. 2023 erschien mit "Reise ins Dunkel" (Amazon-Affiliate-Link ) der erste Band, nun folgte mit "Das Gericht der Toten" (Amazon-Affiliate-Link ) die Fortsetzung.

Starautor Rick Riordan (r.) hat sich für die "Nico & Will"-Reihe mit Mark Oshiro zusammengetan (Bilder: Zoraida Córdova / Becky Riordan)
Wer die Vorgeschichte nicht kennt, bleibt häufig außen vor
Im ersten Teil reisen Nico und Will gemeinsam in den lebensgefährlichen Tartarus, um den gefangenen Titanen Bob zu retten. Dabei müssen sie sich der Urgöttin Nyx stellen und lernen, die Dunkelheit beziehungsweise das Licht des jeweils anderen anzunehmen. Gerade hier zeigt sich jedoch eines der zentralen Probleme des Romans: Für Leser*innen, die nicht bereits tief im "Percy Jackson"-Universum verankert sind, gestaltet sich der Einstieg ausgesprochen schwierig. Ein Großteil von Nicos Charakterisierung erfolgt über Rückblenden und Verweise auf frühere Ereignisse. Die Bücher wollen einer Figur mehr Raum geben, die bislang im Schatten anderer stand, setzen dafür aber einen enormen Wissensstand voraus. Das queere Einschreiben in ein bestehendes Narrativ funktioniert deshalb nur eingeschränkt: Wer die Vorgeschichte nicht kennt, bleibt häufig außen vor.
Auch der Tartarus selbst erweist sich als erstaunlich spannungsarm. Obwohl er permanent als ultimative Verkörperung des Bösen beschrieben wird, verliert er viel von seinem Schrecken, weil immer wieder betont wird, dass Nico diesen Ort bereits überlebt hat. Die narrative Fallhöhe sinkt dadurch erheblich. Daran ändert auch das ständige Hochskalieren der Gegnerschaft wenig. Die Antagonistin ist natürlich nicht bloß eine olympische Gottheit, nicht einmal ein Titan, sondern gleich ein Protogenos – ein noch älteres und mächtigeres Urwesen. Die Bedrohung wächst auf dem Papier, emotional bleibt sie jedoch abstrakt.
"Wo ist Lil Nas X, wenn man ihn braucht?"
Überhaupt häufen sich die erzählerischen Schwächen. Die lebensfeindliche Umgebung des Tartarus soll die Figuren mit ihren größten Ängsten konfrontieren, doch selten hat dies tatsächliche Konsequenzen. Die Monster bleiben erstaunlich harmlos. Oft genügt es, dass Will leuchtet, schreit oder seine Heilkräfte einsetzt, um die Situation zu lösen. Auch die psychologischen Konflikte laufen sich schnell fest. Die Beziehung zwischen Nico und Will wird immer wieder hinterfragt, analysiert und überdacht, gerät jedoch nie ernsthaft in Gefahr. Aus emotionalen Konflikten wird häufig bloß weiteres Grübeln. "Reise ins Dunkel" hätte problemlos hundert Seiten kürzer sein können.
Dazu kommt ein Schreibstil, der stellenweise irritierend plump wirkt. Wenn Will nach einer Verletzung wieder zu sich findet, wird er mit einem Auto verglichen, das nach einem Unfall wieder anspringt. Riesige Monster freuen sich darauf, mit ihren Angriffen "viral" zu gehen. Und während die Protagonisten beinahe einen Wasserfall hinabstürzen, fragen sie: "Wo ist Lil Nas X, wenn man ihn braucht?" Solche popkulturellen Verweise mögen zeitgemäß wirken wollen, stehen aber seltsam quer zu einem ohnehin bereits überfrachteten Mythologie-Mix.
Gleichzeitig liegen die interessantesten Aspekte des Romans ausgerechnet dort, wo die Handlung innehält. Camp Half-Blood erscheint als "riesige dysfunktionale Familie" – eine klassische Wahlfamilie, die sich problemlos als queere Metapher lesen lässt. Viele der jungen Halbgötter wurden von ihren Eltern verlassen, vergessen oder missverstanden und finden erst hier Zugehörigkeit.
Zahlreiche queere Figuren und Motive
Auch die queeren Figuren und Motive sind zahlreich. Ein Dämon lebt in einer Beziehung mit einem männlichen Riesen. Epiales, Dämon*in der Albträume, bezeichnet die Vorstellung von nur zwei Geschlechtern als "vollkommen archaisch". Nico reflektiert sein unfreiwilliges Coming-out und die ausbleibende Homophobie einiger unsterblicher Wesen, die "schon so lange leben". Besonders interessant wird es dort, wo die Grenzen zwischen Körpern, Identitäten und Seinsformen verschwimmen: "Die Grenzen zwischen fest und körperlos schienen hier zu verschwimmen." Hier berührt der Roman Fragen, die sich durchaus als trans Lesarten verstehen lassen.
Der Titan Bob möchte nicht länger Iapetos sein. Sein früheres Selbst wurde im Fluss Lethe ausgelöscht, seine Erinnerungen verschwanden, ein neuer Name und eine neue Identität entstanden. Die Bücher lesen diesen Prozess als Befreiung und Selbstbestimmung. Gleichzeitig wirken manche dieser Metaphern etwas grob gearbeitet und unangenehm didaktisch. Nicht jede queere Allegorie fügt sich organisch in die Geschichte ein; manches fühlt sich eher wie eine Lektion als wie eine Erzählung an.
Am überzeugendsten gelingt dem Roman letztlich die Auseinandersetzung mit Nicos innerem Konflikt. Die Kakodämonen verkörpern seine verdrängten Gefühle: Trauer, Schuld, Eifersucht, Einsamkeit. Statt sie zu bekämpfen, muss er lernen, sie anzuerkennen und Verantwortung für sie zu übernehmen. Hier findet die Reihe tatsächlich zu einer emotionalen Wahrheit, die über Mythologie und Abenteuer hinausweist. Dass sich Nico dabei mit Piper als Teil eines "verdammten queeren Haufens Chaos" versteht, gehört zu den sympathischsten Momenten des Buches.

Die beiden Bände von "Nico & Will sind im Carlsen Verlag erschienen
Wahlfamilie der verfolgten Mythenwesen
Mit dem zweiten Band, "Das Gericht der Toten", finden Riordan und Oshiro jedoch deutlich stärker zu sich selbst. Die Neuerscheinung funktioniert eigenständiger, stringenter und kurzweiliger. Statt erneut vor allem die inneren Ängste der Protagonisten zu verhandeln, entwickelt der Roman einen konkreten Konflikt, der sowohl erzählerisch als auch thematisch trägt. Nico und Will folgen einem Hilferuf nach Camp Jupiter, dem römischen Gegenstück zu Camp Half-Blood. Dort bittet Nicos Halbschwester Hazel um Unterstützung, denn schutzsuchende Unterweltwesen verschwinden spurlos. Schnell zeigt sich, dass hinter den Entführungen eine dunkle Macht steckt, die diese Kreaturen vor ein grausames Tribunal zerrt. Die sogenannten Monster hatten in Camp Jupiter Zuflucht gesucht, um friedlich leben und sich verändern zu können, anstatt für immer auf die Rolle reduziert zu werden, die ihnen ihre Herkunft zuschreibt.
Gerade hier wird die queere Allegorie des Romans am deutlichsten. Die verfolgten Mythenwesen wollen nichts weiter, als akzeptiert zu werden und ein sicheres Leben zu führen, ohne ständig als gefährlich oder "unnatürlich" markiert zu werden. Viele von ihnen wurden verstoßen oder ausgeschlossen und bilden nun eine Art queere Wahlfamilie.
"Namen haben Macht" als zentrales Motiv
Das titelgebende Gericht befindet sich in einem verborgenen unterirdischen Komplex unter San Francisco. Dort urteilen drei grausame historische und mythologische Figuren über die verschleppten Wesen. Ihre Überzeugung: Niemand kann seine wahre Natur ändern. Wer als Monster geboren wurde, wird immer ein Monster bleiben. "Dieses Gericht wurde als Bollwerk gegen genau deine Art von degeneriertem Verhalten gegründet", erklärt der selbsternannte Richter Peirithoos. Die Parallelen zu rechten Ideologien, die Identität als unveränderliches Schicksal begreifen, sind kaum zu übersehen. Da die Richter selbst auf ewig für ihre Taten verdammt wurden, ertragen sie den Gedanken nicht, dass andere Wesen Vergebung oder eine zweite Chance erhalten könnten.
Das funktioniert auch deshalb besser als im ersten Band, weil echte Reibung entsteht. Selbst die Halbgötter begegnen den Mythenwesen zunächst mit Skepsis. Schließlich wurden sie ihr Leben lang darauf trainiert, genau diese Kreaturen zu bekämpfen. "Namen haben Macht", wird dabei zu einem zentralen Motiv. Will muss lernen, den Minotaurus als Asterion anzusprechen, statt ihn auf seine monströse Rolle zu reduzieren. Die Bewohner von Camp Jupiter sprechen bewusst von "Mythenwesen" statt von "Monstern". Hinter dieser sprachlichen Verschiebung steckt die Frage, wer andere benennen darf – und welche Macht solche Zuschreibungen besitzen.
Es geht um Zugehörigkeit und Selbstbestimmung
Allerdings zeigt sich auch hier eine Schwäche, die bereits den Vorgänger geprägt hat. Riordan und Oshiro vertrauen ihren Metaphern oft nicht genug und erklären sie lieber noch einmal explizit. Besonders deutlich wird das an Johan, einem der Mythenwesen, dessen Konflikt mit einem rücksichtslosen Halbgott letztlich vor allem dazu dient, die Botschaft des Romans noch einmal auszusprechen. Solche Momente wirken etwas überdidaktisch und nehmen der Geschichte ihre Ambivalenz.
Trotzdem gelingt "Das Gericht der Toten" etwas, woran "Reise ins Dunkel" häufig scheiterte: Die queeren Themen ergeben sich hier organischer aus dem Konflikt selbst. Es geht um Zugehörigkeit, Selbstbestimmung und die Frage, ob Menschen – oder Mythenwesen – mehr sind als die Rolle, die ihnen von außen zugeschrieben wird. So bleibt die "Nico & Will"-Reihe insgesamt ein etwas widersprüchliches Projekt: als Fantasy oft zu didaktisch und gelegentlich zu langatmig, als queere Erweiterung des "Percy Jackson"-Kosmos jedoch bemerkenswert wichtig. Gerade "Das Gericht der Toten" zeigt, wie gut Riordan und Oshiro dann sind, wenn sie ihre Botschaften nicht erklären, sondern erzählen.
Rick Riordan, Mark Oshiro: Nico und Will – Reise ins Dunkel. Übersetzt von Gabriele Haefs. 512 Seiten. Carlsen Verlag. Hamburg 2023. Gebundenes Buch: 18 € (ISBN 978-3-551-58526-4). Taschenbuch: 12 € (ISBN 978-3-551-32257-9). E-Book: 11,99 €
Rick Riordan, Mark Oshiro: Nico und Will – Das Gericht der Toten. Übersetzt von Gabriele Haefs. 496 Seiten. Carlsen Verlag. Hamburg 2025. Gebundenes Buch: 18 € (ISBN 978-3-551-58673-5). E-Book: 12,99 €
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