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Griechische Mythologie

Als sich Dionysos in Ampelos verliebt

In einem neuen Essayband beschäftigt sich Martin Schnick neben Goethe auch mit homoerotischem Begehren in griechischen Mythen. Als Leseprobe veröffentlichen wir das Kapitel "Die Hybris des Ampelos".


Dionysos beobachtet junge Satyrn beim Bad (Bild: Martin Schnick / KI)

Abgesehen von den Sterblichen und Unsterblichen wimmelt es in den griechischen Mythen von Nymphen, Sirenen, Zyklopen und anderen Wesen mit halb menschlicher, halb tierischer Gestalt. Zu diesen Mischwesen zählen auch die Satyrn. Sie haben pferdeartige Schwänze, Ohren und Beine. Außerdem sind sie allesamt wilde Lüstlinge, die oft mit erigiertem Penis dargestellt werden. Unter den Fabelwesen sind sie die Nichtsnutze, die sich nur dem Suff, dem Tanz und ihrer Geilheit hingeben. Sie durchstreifen die Wälder, vornehmlich auf der Suche nach Nymphen, um diese zu begatten. Damit sind sie die prädestinierten Begleiter von Dionysos, dem Gott des Weines, der Ekstase und der Fruchtbarkeit.


Das Buch "Die Lieblinge der Götter / Wie queer war Goethe?" ist am 30. Juni 2026 bei tredition erschienen

Während Eros alle Aspekte der Liebe umfasst, reduziert sich das dionysische Begehren, um es mit Freud zu sagen, allein auf den Sexualtrieb. Auch Dionysos liebt polyamourös. An einem heißen Sommertag beobachtet der Gott junge Satyrn beim Baden in einem Fluss. Dabei erregt einer von ihnen seine Leidenschaft. Ampelos ist sein Name. So berichtet es der spätantike Autor Nonnos in seinen Dionysiaka. Dionysos, der auch den Beinamen Bacchus trägt, erfreut sich an seiner "rosengesichtigen Gestalt". Ampelos "hatte noch keinen schönen Bartflaum am rosigen Kinn, und bartlos war noch das Rund der schneeweißen Wange gezeichnet, die goldene Blüte der Jugend … Und die spiralförmigen Trauben seiner nach hinten fallenden Haarmähne liefen auf die silbern glänzenden Schultern, ungeflochten, und durch einen heftigen Windstoß schlugen sie zusammen und wurden durch einen Luftzug emporgeweht … Und aus dem rosigen Mund floss eine Stimme von süßem Hauch. Aus den Gliedern strahlte ganz und gar der Frühling hervor."

Bei der Beschreibung von Ampelos, dem Sohn einer Nymphe und eines Satyrs, greift Nonnos auf traditionelle Stereotype zurück. Auch deutet er dessen künftige Metamorphose in eine Weinrebe an, indem er die Locken des Jünglings mit Trauben vergleicht. Dionysos ist sofort vernarrt in den jungen Satyr und fordert ihn zum Ringkampf heraus. Nonnos schildert diese Szene auf eine Weise, die den sportlichen Zweikampf deutlich erotisiert. Die Körper der beiden verschlingen sich wie eine Rebe um einen Stamm. Dionysos genießt sichtlich diesen "honigsüßen Ringkampf" und setzt seine Kraft nur schonend ein:

"Da wand Bakchos die Hände um den Körper des Jünglings, drückte mit den liebestollen Händen dessen Körper und hob Ampelos hoch; dem aber gelang es, mit dem Fuß in seine Kniekehle zu schlagen. Und Bakchos lachte süß, als er vom zarten Fuß des jugendlichen Göttergleichen getreten wurde, und glitt durch eine Drehung um sich selbst rücklings im Sand aus. Und als Bakchos willig am Boden lag, da setzte sich der Knabe von oben auf seinen entblößten Bauch. Aber er freute sich, als er, die Glieder in alle Richtungen gestreckt, auf der Erde lag und mit dem Bauch die süße Last trug … Als beide sich im Sand wälzten, floss ihnen als Vorbote der Erschöpfung der Schweiß herab."

Die Kampfszene ist erotisch aufgeladen und ähnelt eher einem Liebesspiel. Am Ende lässt der Erastēs Dionysos seinen Erōmenos zum Sieger küren. Im Anschluss bestreiten beide noch einen Wettlauf und ein Wettschwimmen, die Ampelos ebenfalls gewinnt. Doch die geschenkten Siege lassen den Jüngling übermütig werden. Wie einst Ikarus, der sich mit seinen Flügeln zu sehr der Sonne näherte und damit seinen tödlichen Sturz ins Meer einläutete, so wird auch Ampelos Opfer seiner Hybris.


Ampelos reitet auf einem wilden Stier (Bild: Martin Schnick / KI)

Als er eines Tages in der Wildnis auf einem wilden Stier reitet, schickt die Mondgöttin Selene eine Bremse, die das Tier sticht und aufschreckt. Zunächst versucht Ampelos noch, den wild gewordenen Stier mit flehentlichen Worten zu beschwichtigen. Doch das ungestüme Tier ist nicht zu bändigen. Der Stier "warf den Jüngling mit dem Kopf voran von seinem Rücken. Und er überschlug sich und stürzte hinunter. Er fiel auf den Wirbelknochen, und mit einem zarten Knacken brach der Nacken hinten entzwei. Und er wirbelte ihn wieder und wieder über den Boden und warf ihn mit der scharfen Spitze seines Horns kopfüber hinab."

Ein Satyr entdeckt den im Staub liegenden Leichnam und überbringt Dionysos die Hiobsbotschaft. "Und der Gott vernahm es und lief schnell wie die Winde. Und den im Staub liegenden Knaben beklagte er im Glauben, dass er noch lebte. Und er bekleidete ihn, den Leblosen, mit einem Mantel, über die Schulter zog er das Hirschfell auf die erkaltete Brust, und obwohl er bereits tot war, band er die Schuhe an seine Füße. Nichts von seiner Schönheit war verschwunden, auch wenn er tot war."


Dionysos trauert um den tödlich verwundeten Ampelos (Bild: Martin Schnick / KI)

In seiner tiefen Verzweiflung ruft Dionysos Zeus an und wird sogleich Zeuge einer Verwandlung: "der liebreizende Tote erhob sich kriechend wie eine Schlange, Ampelos änderte spontan seine Gestalt und wurde zu einer Labsal bringenden Pflanze."

Der Körper des toten Jünglings verwandelt sich in einen Rebstock und seine Locken in Weintrauben. Dieser Mythos erzählt somit vom Ursprung des Weinkultes. Dem Wein wurde nicht nur eine berauschende, sondern auch eine heilende Wirkung zugeschrieben. Was den Göttern ihr Nektar ist, das ist den Menschen fortan der Wein.

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Nicole Kröll gelangt in ihrer Untersuchung "Der junge Dionysos" (2016) zu folgendem Schluss: "Erst mit dem Tod seines Lieblingssatyrn erhält Dionysos sein ureigenstes Wesen zugeschrieben, und erst mit der Wiederauferstehung des Ampelos verfügt er über seine effektivsten Waffen, Weinstock und Wein."

Der Tod des Ampelos markiert zugleich die Geburt des Dionysos als mächtige Gottheit. Erst durch den Wein wurde er zum Herrscher über Rausch und Ekstase. Fortan wurde Bacchus in den sogenannten Dionysien kultisch verehrt. Weingenuss berauscht nicht nur, sondern führt insbesondere bei Heranwachsenden oft zu Übermut. Man kann darin ein Vermächtnis des Ampelos sehen, dessen Hybris posthum durch die gekelterten Trauben an die kommenden Generationen weitergereicht wird.

Alle Zitate aus dem Buch "Die Jugend des Dionysos" von Nicole Kröll (2016).

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Infos zum Buch

Martin Schnick: Die Lieblinge der Götter / Wie queer war Goethe? Homo­erotisches Begehren in griechischen Mythen und bei Goethe. Essays. 136 Seiten. tredition. Ahrensburg 2026. Taschenbuch: 24 € (ISBN 978-3-384-91060-8)
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