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Musikprojekt KAMERA

Weichheit als Gegenmittel zu Lieblosigkeit

Die zehn Songs auf "Cyborg Love", dem ersten Album von KAMERA, verbinden Soul, Art-Pop und Hip-Hop und schicken diese Mischung mit sanftem Nachdruck einmal durch die Maschinen.


Felix Reisel verwandelt mit KAMERA kleine Bühnenstücke und Konzerte in performative Räume: eine eigenständige Mischung aus Indie-Pop, Soul, elektronischer Klangästhetik und Theater (Bild: Manja Herrmann)

Mit der Stimme von Felix Reisel kommt die Musik von KAMERA angeschwebt – mal in einen Vocoder eingehüllt, mal im Falsett, manchmal auch im Sprechgesang. Zuerst entsteht der Eindruck von Weichheit. Und dann aber auch, dass das bei aller Softness ganz schön doll groovet und bounct. Die zehn Songs auf "Cyborg Love", dem ersten Album von KAMERA, verbinden Soul, Art-Pop und Hip-Hop und schicken diese Mischung mit sanftem Nachdruck einmal durch die Maschinen.

Dutzende Mixer, Filter, Synthies, Sampler und Beat-Generatoren bilden so etwas wie eine Band und sorgen dafür, dass nie der Eindruck entsteht, hier würde ein Soloalbum laufen. KAMERA ist eine Ein-Mann-Band aus Geräten, bedient von einem Künstler, der das Menschliche nicht automatisch mit dem Klang einer Akustikgitarre verbindet und das Künstliche nicht automatisch mit dem Maschinellen. Solche gelernten Zuschreibungen lassen sich auflösen, durcheinanderbringen und neu mischen – in diesem Fall im Sound. KAMERAs Musik ist betont künstlich, ohne dadurch technisch, distanziert oder kühl zu wirken. Die Synthies sind analog, die Maschinen voll Seele. Keine tiefe deutsche Seele, sondern "Soul", und dabei der Körper stets auf dem (Dance)Floor. Am direktesten zeigt sich das im Track "DJ", einer musikalisch komplex gebauten Feier des Nachtlebens in all seinen Ambivalenzen.

Entfremdung und Sehnsucht nach Ankommen


"Cyborg Love" ist als CD und digital erschienen

Die Songs von KAMERA singt eine alien-artige und zugleich sehr menschliche Kunstfigur – straight from the heart. Stimmtonalität und Outfit sind fluide. "Ein paar aus meiner Crew, Daddy / wurden von ihren Daddies hart gemacht / aber du, Daddy / du kannst der sein, der das anders macht" und "Ich liebe deine Softness" heißt es in der ersten Singleauskopplung "Softness". Ähnlich gestimmt ist "Safe Space", in dem eine bei aller Vocoder-Androgynität dann doch als männlich lesbare Stimme endlich einmal bekundet, Sicherheit im anderen zu suchen und zu brauchen: "Bist du mein Safe Space?" Dazu schichten sich langsam Gitarren übereinander, die klarmachen, dass der Safe Space hier kein Wohlfühlraum ist, sondern ein existenzielles Bedürfnis.

Genauso verletzlich zeigt sich der der Welt entrückte Außerirdische in "Tränentattoo", einem Sprechgesang über einen minimalen Beat und einen weichen, tiefen Bass: "Cry me a river / Lieferando bringt Pizza / Ich esse und sitz da". Und weiter: "Will nicht wissen / wie ich ausseh / wenn ich rausgeh / um Menschen aus dem Weg zu gehen". Entfremdung, bei gleichzeitigem Wunsch, mal irgendwo anzukommen, klingt selten schöner. Überhaupt, die Unsicherheit: Die Kunstfigur KAMERA verkörpert das Gefühl, sich unter den Normalen wie ein immer wieder staunendes Alien zu fühlen – der Welt zugewandt und trotzdem in Distanz zu ihr.

Direktlink | Offizielles Video zu "Softness"
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Der Titeltrack "Cyborg Love" ist ein wunderschön androgynes R'n'B-Stück, eine Hommage an ein geliebtes, undefinierbares Wesen – eine deutschsprachige Anknüpfung an Björks legendäre Hymne an die Liebe des Künstlichen und Maschinellen, "All Is Full of Love". Das ist durchaus programmatisch: Fast alles auf diesem Album dreht sich um eine Liebe, die nichts Eroberndes mehr zu haben braucht. Die Erleichterung an dieser Stelle ist groß. Dass man als liebender Mensch immer auch bedürftig und verletzbar ist, gehört dazu ("Wie ein Junkie den Schuss braucht / so brauch ich dich"). Softness in ganz verschiedenen Formen ist in dieser Musik die Voraussetzung für Soul, und der Soul kommt aus der Maschine: mittels Sound auf der Suche nach der Liebe, in all ihrer Vielfalt, in den Apparaten. "Cyborg Love" (Amazon-Affiliate-Link ) ist eine Art Manifest, das Weichheit als Gegenmittel zu Lieblosigkeit und Härte postuliert. (dd/pm)

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