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Hans Werner Henze
Richard Wagner hielt er für abstoßend heterosexuell
Heute vor 100 Jahren – am 1. Juli 1926 – wurde der schwule Komponist, Rebell und Bourgeois Hans Werner Henze geboren. Über seine musikalische Bedeutung hinaus gilt er als bedeutender Repräsentant der queeren Emanzipationsgeschichte.

Hans Werner Henze (vorn) und sein langjähriger Lebensgefährte Fausto Moroni im Jahr 2000 in Leeds (Bild: Hans Werner Henze-Stiftung)
- Von Roland H. Dippel
1. Juli 2026, 05:09h 5 Min.
Die Queerness bzw. das Schwulsein oder die Homosexualität von Hans Werner Henze heute zu erörtern hieße Eulen nach Athen tragen. Der in Gütersloh am 1. Juli 1926, damit eine Woche nach seiner "Lebensfreundin" Ingeborg Bachmann geborene und am 27. Oktober 2012 in Dresden verstorbene Komponist gehört neben seiner musikalischen Bedeutung zu den wesentlichen Repräsentanten der queeren Emanzipationsgeschichte im Deutschland des 20. und frühen 21. Jahrhunderts.
Dabei gab es so gut wie keine Berührungspunkte Henzes mit Frontmännern der Bewegung wie dem Sexualwissenschaftler Martin Dannecker oder dem Ethnographen Hubert Fichte. Rainer Werner Fassbinder und Henze markieren in München zwei Generationen queerer Lebensstile, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, wobei der fast zwanzig Jahre jüngere Filmemacher – wie auch der damals in München umtriebige Freddie Mercury zur älteren und eher aufmüpfigen Sichtbarmachung ihrer Lebensform gehörten. Fassbinder versammelte seine Entourage in der legendären Glockenbach-Wirtschaft "Deutsche Eiche".
Lebensgefährte Fausto Moroni immer im Hintergrund
Als Fassbinder erste Erfolge einheimste, hatte der in den frühen 1950ern nach Italien emigrierte Henze allerdings schon wesentliche (nicht-queere) Skandale hinter sich: Den Bruch mit der Avantgarde-Trias Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez und Luigi Nono bei den Musiktagen Donaueschingen und die Aufführungen der gekürzten Fassung von "König Hirsch" an der Städtischen Oper West-Berlin.
Als Henze in München die 1988 erstmals stattfindende Biennale für neues Musiktheater, noch heute eines der wichtigsten Uraufführungsfestivals, gründete, war er – immer mit seinem Lebensgefährten Fausto Moroni im Hintergrund – eines der Idole, die für den Switch vom katholischen Lederhosen-Kontinent zum Image einer weltoffenen, modern ausgerichteten Kulturmetropole standen. Eine Anzahl von Freunden Henzes wurden Opfer von HIV, ihnen widmete er ein formal bemerkenswertes "Requiem". In der Filmdokumentation "Operndiven – Operntunten" (2020) von Rosa von Praunheim setzt die legendäre Sopranistin Edda Moser kritische Worte über Henzes Umgang mit jungen Männern.
Italien-Sehnsucht contra deutscher Kultur-Reichtum
Henze, über den die Hans Werner Henze-Stiftung eine bildmächtige Website anbietet, könnte man als einen der ersten Postmodernen benennen. Vor dem "Pasolinihaften", womit er exzessive Anfechtungen, Begierden und selbstzerstörerische Hemmungslosigkeit meinte, schreckte er zurück. Bezeichnend ist, dass Henzes sich zwar die Rechte zur Vertonung von Pasolinis bourgeois-erotischem Untergangsmysterium "Teorema" sicherte, diese aber an Giorgio Battistelli weitergab.
Henze liebte italienische Oper und lehnte den von vielen queeren Menschen im mittleren 20. Jahrhundert exzessiv goutierten Richard Wagner ab, den er für abstoßend heterosexuell hielt. Henze schuf in seinem dritten Violinkonzert drei Klangporträts von Figuren aus dem symbolisch-satirischen Roman "Doktor Faustus" von Thomas Mann und mit der Figur des Gregor Mitterhofer in der Oper "Elegie für junge Liebende" eine böse Persiflage auf die Dichterfürsten des frühen 20. Jahrhunderts. Er wertschätzte die für das deutsche Wirtschaftswunder-Establishment ikonische Dirigierlegende Herbert von Karajan, und er vertonte den Gefängnis-Text "Le miracle de la rose" des schwulen Underdog-Genies Jean Genet in einem hybriden Konzertstück.
Henze fand zwar in Marino bei Rom sein Lebensdomizil, schätzte aber den Reichtum und die Vielfalt der deutschen Musiktheater- und Orchesterlandschaft. Er war mit Luchino Visconti befreundet und suchte bis zu dessen Tod die Anerkennung von Luigi Nono.
Wenige Hommagen im Jubiläumsjahr
Angesicht des immensen künstlerischen, publizistischen und persönlichen Vermächtnisses betrübt die relativ geringe Präsenz von Werken Henzes im Jubiläumsjahr etwas. Ein gewichtiger Akzent ist die CD-Veröffentlichung aller zehn Sinfonien (Amazon-Affiliate-Link ) Henzes mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und dem Dirigenten Marek Janowski.
An den zahlreichen deutschen Opernhäusern herrscht nach einem Boom von "Die Bassariden", die der konservative Dirigenten Karl Böhm als eine der wenigen an Richard Strauss heranreichenden Opern nach 1945 bezeichnete, Henze-Flaute. Die Bayerische Staatsoper delegierte ihren Henze-Tribut mit dessen Bürgersatire-Oper "Die englische Katze" im Herbst 2025 an das Opernstudio. Die Henze-Hochburgen München und Berlin feiern ihn vor allem mit Konzerten, die Salzburger Festspiele am 20. August mit einer konzertanten Aufführung von Henzes Kleist-Oper "Der Prinz vom Homburg".
Ein ehrliches Porträt mit Brüchen und Wertschätzung
Aber es gibt eine überaus spannende Buchpublikation, in der Henzes Queerness als wesentlichen Motor seines künstlerischen Schaffens und privaten Lebens thematisiert und damit als essenzieller, aber nicht dominierender Teil dieses Musiker- und Gesellschaftslebens deutlich wird. In vier bisher unveröffentlichten Aufsätzen des bedeutenden Musikjournalisten Hans-Klaus Jungheinrich (gestorben 2018) entsteht ein ehrliches Porträt mit Brüchen und Wertschätzung, wie es sie häufiger geben sollte. Veröffentlicht sind sie im frisch erschienenen Band "Der neue wilde Wohlklang" (Amazon-Affiliate-Link ) des Wolke Verlags mit weiteren Beiträgen von Wolfgang Molkow und Rainer Peters.
Die Texte setzen einen profunden, kritischen und affirmativen Beitrag auch in Reflexion von Henzes eigenen Schriften über ein nobles abenteuerliches Leben zwischen Dolce vita, politischen Manifestationen und einem lebenslangen Bemühen um Anerkennung. Henzes Oeuvre in fast allen tradierten Gattungen führen zu der allzu einfachen Versuchung, ihn "nur" als einen der letzten wesentlichen Repräsentanten von Komponisten mit traditionellem Verständnis zu betrachten.

Hans Werner Henze und Fausto Moroni ca. 2000 in Marino (Bild: Hans Werner Henze-Stiftung)
Künstlerische Visionen Henzes leben weiter
Das frühere Skandalstück "Das Floß der Medusa", ein Oratorium über das berühmte Schiffsunglück, wurde zum Publikumserfolg – zum Beispiel mit der Komischen Oper Berlin im Flughafen Tempelhof 2023. Alles eine Frage des Blickwinkels: Deutschland würdigt den Orchesterkomponisten, das italienische Festival Chigiana in Siena setzt mit Henzes "Requiem" am 7. Juli und "Le miracle de la rose" am 9. Juli ohne großes konzeptionelles Federlesen queere Aspekte.
Künstlerische Visionen Henzes leben heute in Komponierenden wie Olga Neuwirth, Jörg Widmann, Giorgio Battistelli, Jan Müller-Wiegand und anderen fort. Stars wie der Pianist Igor Levit und die für ihren Einsatz in anspruchsvollen Partien bewundernswerte Sopranistin Vera-Lotte Boecker treten regelmäßig in Werken Henzes auf. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen für eine nachhaltige Präsenz im Konzert- und Musiktheaterleben.
Erst am 8. August um 23:15 Uhr sendet Arte die Dokumentation und Hommage "Hans Werner Henze: Komponist, Kommunist, Dandy" von Holger Preusse und Philipp Quiring. Der fast einstündige Film kann allerdings bereits ab heute in der Arte-Mediathek gestreamt werden.















