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Schwuler Kinderbuchautor
Warum man die Verdrängung von James Krüss' Schwulsein nicht hinnehmen darf
Anlässlich des 100. Geburtstags von James Krüss findet in München eine große Tagung statt. Dabei wird die Homosexualität des Kinderbuchautors weitgehend ausgeklammert.

Vor kurzem noch konnte die Krüss-Erbengemeinschaft kein Foto von James Krüss (r.) mit seinem langjährigen Lebensgefährten Dario Pérez zur Verfügung stellen – immerhin das hat sich inzwischen geändert (Bild: Erbengemeinschaft James Krüss / privat)
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2. Juli 2026, 03:13h 5 Min.
Am 31. Mai 2026 wäre James Krüss hundert Jahre alt geworden (queer.de berichtete). Dass der Autor von "Timm Thaler" und Gedichten wie "Ein Junge namens Monika" schwul war, Deutschland aufgrund des homophoben Klimas der 1960er Jahre verließ und über Jahrzehnte mit seinem Lebenspartner Dario Pérez auf Gran Canaria zusammenlebte, zählt inzwischen zu den unbestrittenen Fakten seiner Biografie. Doch die Folgen, die der gesellschaftliche Umgang mit seiner Homosexualität für sein Leben und sein Werk hatte, bleiben weitgehend ausgeblendet. Offenbar wird sich daran auch vorerst nichts ändern.
Im Programm einer Jubiläumskonferenz, die am 3. und 4. Juli an der Internationalen Jugendbibliothek in München stattfindet, bleibt Krüss' Schwulsein eine auffällige Leerstelle. Auf Nachfrage verweist die Organisatorin und James-Krüss-Expertin Ada Bieber darauf, dass sich die Tagung "vorrangig auf das kinderliterarische Werk konzentrieren" möchte. Doch schon der Titel des Kongresses weist darüber weit hinaus: "100 Jahre James Krüss: Narrative und Perspektivierungen zu Werk und Autor im Kontext von Geschichte, Sprache und den Künsten".
Über Krüss' Homosexualität wird kein Wort verloren
Dazu finden sich im Programm Vorträge über Krüss' Umgang mit der NS-Zeit, sein Erwachsenenwerk und seine Beziehung zu Gran Canaria. Nur über jene Erfahrungen, die an sein gleichgeschlechtliches Begehren geknüpft sind, wird kein Wort verloren – dabei bilden sie den biografischen Horizont, der diese Themen wie ein roter Faden verbindet.
Spricht man Ada Bieber darauf an, streitet sie die Bedeutung von Krüss' gleichgeschlechtlichem Begehren keineswegs ab – sie wünscht sich lediglich, dass es "in der Zukunft" in ein "größeres Forschungsprojekt" eingebettet wird. Dabei stellt sich jedoch zwangsläufig die Frage: Wann sollte der Anstoß dazu erfolgen, wenn nicht jetzt? Schließlich berührt das Thema nicht nur Krüss' individuelles Leben und Werk, sondern auch einen Teil deutscher Geschichte.
Die Helgoländer Homosexuellenprozesse

Kaum jemand hat so umfassend zur Kulturgeschichte Helgolands geforscht wie Eckhard Wallmann. Von ihm stammen die Bücher "Helgoland. Eine deutsche Kulturgeschichte" und "Eine Kolonie wird deutsch: Helgoland zwischen den Weltkriegen" (Bild: privat)
Die sich ab 1938 anbahnenden Helgoländer Homosexuellenprozesse dürften den damals zwölfjährigen James Krüss weit nachhaltiger geprägt haben, als dies bislang in der Krüss-Forschung berücksichtigt wird. Dabei handelte es sich um eine der größten Verfolgungswellen im Nationalsozialismus, von der nahezu jede Familie auf der Insel betroffen war. Der Helgoland-Chronist Eckhard Wallmann schildert dies ausführlich in seinem Buch "Eine Kolonie wird deutsch – Helgoland zwischen den Weltkriegen". Nach seinen Recherchen wurden auch der junge James und sein Vater Ludwig – ein überzeugter Nationalsozialist – in unterschiedlichen Fällen beschuldigt, gegen den Paragrafen 175 verstoßen zu haben.
Die von der Hamburger Kripo eingeleitete Großaktion dauerte mehrere Monate. Der homophobe Exzess nahm nicht zuletzt deshalb solche Ausmaße an, weil es dem NS-Regime auch darum ging, den von Teilen der Widerstandsbewegung gestreuten Gerüchten um einen kausalen Zusammenhang zwischen Nationalsozialismus und Homosexualität endgültig Einhalt zu gebieten. Helgoland gehörte zu den Orten, an denen ein Exempel statuiert wurde – offenbar ein sehr nachdrückliches.
Was die Familie Krüss betraf, ist nach Ansicht von Wallmann hinsichtlich der Vorwürfe "nicht viel vorgefallen". So gingen die Ermittlungen für Vater und Sohn auf den ersten Blick glimpflich aus: Ludwig Krüss verlor vorübergehend sein Parteiamt, während James vor allem aufgrund seines Alters nicht weiter verfolgt wurde. Dennoch dürfte das Geschehen für die Familie einschneidend gewesen sein. Für Eckhard Wallmann liegt darin ein Kern seiner Recherchen: "Mir ist nur wichtig, dass James Krüss schon sehr früh klar gemacht wurde, dass Homosexualität etwas ganz Schreckliches war."
"James Krüss hat bewusst eine Idylle konstruiert"
So gesehen lässt sich die historische Verfolgungserfahrung nicht von James Krüss' Biografie trennen – und damit auch nicht vom Verständnis seines Werks. Gerade deshalb reicht es nicht, seine Homosexualität als biografische Randnotiz zu erwähnen. Es ist an der Zeit, dass die Forschung der Frage nachgeht, wie die Stigmatisierung, das lange Schweigen in der Nachkriegszeit und die Angst vor Ausgrenzung sein Schreiben, seine Themen und seine literarischen Figuren geprägt haben – und möglicherweise auch die Verklärung seiner Heimat Helgoland, die in seinem Werk immer wieder als heile Welt in der Zeit vor dem Nationalsozialismus erscheint.
"James Krüss hat bewusst eine Idylle konstruiert", sagt Eckhard Wallmann. Und dennoch habe er sich "doch deutlich von den Helgoländern abgesetzt, erst nach München, dann in den Süden." Welche Rolle dabei seine Homosexualität spielte, kann Wallmann nicht im Detail beantworten: "Es gab so vieles, worüber man lieber nicht sprach, da war seine Sexualität nur eines von vielen Dingen. Wer James Krüss' Bücher liebt, liebt oft auch diese Helgolandidylle. Wer über ihn forscht, müsste nun an diese Idylle ran, aber warum soll man sich das antun?"
Darin liegt die eigentliche Herausforderung: Nur so lässt sich James Krüss in seiner ganzen literarischen und menschlichen Bedeutung verstehen. Wer sich mit seinem Werk beschäftigt, wird sich früher oder später auch jenen Facetten seiner Biografie stellen müssen, die lange im Schatten geblieben sind und von manchen bis heute als unbequem empfunden werden.
Ein Jahrhundert nach seiner Geburt ist es dafür höchste Zeit.
In unserem Beitrag zum 100. Geburtstag von James Krüss vom 31. Mai 2026 spielte der semibiografische Roman "Der Harmlos" (1988) eine zentrale Rolle, da er als verschlüsseltes Coming-out gelesen werden kann. Das Werk ist seit Jahren vergriffen. Auf Nachfrage erklärte Ulrike Schuldes, Vertreterin der James-Krüss-Erbengemeinschaft: "Wir würden uns sehr freuen, wenn eine Nachauflage zustande käme. Leider haben wir momentan keine Kapazitäten, uns selbst um einen Nachdruck zu kümmern."
Eine Leserin machte uns darauf aufmerksam, dass der ebenfalls im Jubiläumsbeitrag erwähnte und auf YouTube entfernte Dokumentarfilm "James Krüss oder Die Suche nach den glücklichen Inseln" von Martina Fluck direkt über die Yucca Filmproduktion bezogen werden kann.
Die Jubiläumstagung "100 Jahre James Krüss: Narrative und Perspektivierungen zu Werk und Autor im Kontext von Geschichte, Sprache und den Künsten" findet am 3. und 4. Juli 2026 in München statt.
Mehr zum Thema:
» James Krüss zum Hundertsten: Queerness zwischen den Zeilen (31.05.2026)
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