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Interview

"Unser Ziel war kein Protest, sondern ein Geschenk an die Stadt"

Siep de Haan und Peter Kramer haben 1996 den ersten Amsterdam Pride organisiert. Heute sind sie über die politische Entwicklung besorgt: "Vor dreißig Jahren hätten wir nicht gedacht, dass wir jemals wieder vorsichtig sein müssten."


Siep de Haan (l.) und Peter Kramer in ihrem Wohnzimmer (Bild: Barbara Driessen / NBTC)

Hunderttausende Menschen entlang der Amsterdamer Grachten, Regenbogen­fahnen in der ganzen Stadt und Boote voller tanzender Partygäste: Der Amsterdam Pride hat sich in dreißig Jahren zu einem weltweiten Symbol für Freiheit und Sichtbarkeit entwickelt. Was nur wenige Menschen wissen: Die Veranstaltung entstand einst aus der Idee dreier Freunde – eines Mathematiklehrers, eines Finanzdirektors und eines Veranstalters aus der Amsterdamer Schwulenszene. Sie wollten der Stadt ganz einfach ein Geschenk machen.

Siep de Haan (68) arbeitete viele Jahre als Mathematiklehrer in Utrecht, Peter Kramer (67) war Finanzdirektor bei einer Wohnungsbaugesellschaft in Den Helder und Ernst Verhoeven war in der Amsterdamer Gay-Szene aktiv. 1996 standen sie gemeinsam am Ursprung des Amsterdam Pride. Keiner von ihnen kam ursprünglich aus Amsterdam. Gerade deshalb blickten sie mit Staunen auf die Freiheit und Offenheit, die sie in der Stadt vorfanden. Diese offene Atmosphäre wollten sie nicht nur für die schwule Community sichtbar machen, sondern für alle.

Das zeigte sich bereits bei der ersten Ausgabe des Amsterdam Pride. "Von welcher Brücke aus kann man diese nackten Jungs am besten sehen?" Die Frage kam nicht von einem jungen Partygänger aus Amsterdam, sondern von älteren Damen aus Limburg, die vor dreißig Jahren massenhaft bei der Organisation des allerersten Amsterdam Pride anriefen. Siep de Haan muss bis heute darüber lachen. "Ich fand das eigentlich die gelungenste Form von Emanzipation."

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Warum Amsterdam vergleichsweise spät einen CSD bekam

Als Peter Kramer und Siep de Haan Anfang der 1990er Jahre nach Amsterdam zogen, gab es in Städten wie New York, Berlin und Paris bereits seit Jahren Pride-Veranstaltungen. Nur Amsterdam hatte noch keine. Das fanden sie seltsam, gerade weil die Stadt international als relativ frei und tolerant gegenüber Homosexuellen galt. "Wir lebten hier unglaublich gut", erzählt Peter Kramer. "Also wollten wir der Stadt als Gay-Community eigentlich ein Fest schenken."

In New York und anderen Städten entstanden Pride-Events vor allem als Protest gegen Diskriminierung und Polizeigewalt. Amsterdam wählte bewusst einen anderen Ton. "Wir nannten es auch nicht Gay Pride", sagt de Haan. "Sondern wirklich Amsterdam Pride. Stolz auf die Stadt, stolz auf alle Bewohner." Die Organisatoren wollten nicht nur Schwule und Lesben ansprechen, sondern bewusst die gesamte Stadt einbeziehen, inklusive Heteros, Familien und Tourist*innen.

Eine Parade auf dem Wasser

Daher entwickelten sie auch ein Konzept, das es nirgendwo sonst gab: keine Parade auf der Straße, sondern auf den Grachten. Der Canal Parade war geboren. Im ersten Jahr kamen 20.000 Besucher*innen. Ein Jahr später waren es bereits 80.000, im dritten Jahr eine Viertelmillion. Besonders internationale Medien griffen das Konzept auf. CNN filmte jahrelang, auch wenn die Bilder für das amerikanische Fernsehen manchmal "ein wenig zensiert" wurden, wie de Haan lachend erzählt. "Nach dem Königstag ist es das größte Event der Stadt."

Trotzdem wollten die Gründer ausdrücklich keinen "Blumenkorso". Eine spielerische, freche Atmosphäre gehörte dazu, aber mit klaren Grenzen. In Zusammenarbeit mit der Polizei wurde sogar eine offizielle Sittlichkeitserklärung erstellt, in der unter anderem festgelegt wurde, dass sexuelle Handlungen auf den Booten verboten sind. "Wir wollten Nacktheit mit einem Augenzwinkern", sagt de Haan. "Subtil. Familien sollten sich ebenfalls willkommen fühlen."


Canal Pride in Amsterdam (Bild: Edwin van Eis)

Absurde Diskussionen mit der Polizei

Manchmal führte das zu absurden Diskussionen. So gab es einmal ein Boot mit Männern in hautfarbenen Anzügen und auffällig gefüllten Socken, sodass es aus der Entfernung so wirkte, als wären die Männer vollständig nackt auf dem Boot. Die Polizei wusste nicht genau, ob sie eingreifen sollte. "Wir fanden, dass dieser Junge ausreichend bekleidet war", erzählt de Haan lachend über eines dieser Auswertungsgespräche.

Die Stadt Amsterdam unterstützte die Initiative von Beginn an. Bürgermeister Patijn lud bereits im ersten Jahr zu einem offiziellen Empfang ein. Die Behörden arbeiteten laut Kramer außergewöhnlich gut mit der Organisation zusammen. Während der Pride-Wochenenden kam es sogar zu weniger Vorfällen als an normalen Wochenenden in der Stadt. "Das Publikum, das zum Pride kommt, ist einfach ein sehr liebes Publikum", sagt er.

Dreißig Jahre später blicken die Gründer jedoch mit gemischten Gefühlen auf die heutige Zeit. Obwohl der Pride größer und internationaler geworden ist – dieses Jahr findet sogar der WorldPride in Amsterdam statt – sorgen sie sich über die gesellschaftliche Verhärtung. Besonders Zahlen über Jugendliche treffen sie stark. Laut einer aktuellen Studie akzeptieren nur noch 43 Prozent der Amsterdamer Schüler*innen Homosexualität vollständig.

"Dann werden wir zum Ziel"

De Haan, der vierzig Jahre lang als Mathematiklehrer gearbeitet hat, erlebt diese Veränderung täglich. "Früher wollten Schüler unbedingt nach Amsterdam kommen, um Dragqueens zu treffen", sagt er. "Das wäre heute ganz anders." Auch Jugendliche selbst wirken vorsichtiger. Bei Schüler*innen-Booten während des Utrecht Pride trauen sich teilweise nur noch ein oder zwei Jugendliche pro Schule, sichtbar mitzufahren. "Jungs sagen ganz offen: Wenn wir uns einer solchen Gruppe anschließen, werden wir zum Ziel."

Trotzdem überwiegt bei den Gründern kein Zynismus, sondern eher Wachsamkeit. Sie sehen den Pride weiterhin als einen Ort, an dem Freiheit sichtbar wird, gerade in einer Zeit, in der diese Freiheit nicht mehr selbstverständlich ist. "Vor dreißig Jahren hätten wir nicht gedacht, dass wir jemals wieder vorsichtig sein müssten", sagt Kramer. "Auf dem Papier ist in den Niederlanden alles gut geregelt. Aber man weiß nicht, was in den Köpfen der Menschen passiert." "Die Geschichte ist offenbar nie abgeschlossen", sagt de Haan. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum der Canal Parade noch immer so viele Menschen anzieht: nicht nur wegen der Boote, der Musik oder der Regenbogenflaggen, sondern weil Amsterdam jedes Jahr aufs Neue zeigt, wie eine offene Stadt aussehen kann.

Im Folgenden das komplette Interview mit Siep de Haan und Peter Kramer:

Wie seid ihr eigentlich auf die Idee für den Amsterdam Pride gekommen?

Peter Kramer: Alle anderen Prides gab es eigentlich schon früher. New York natürlich, Berlin, Paris. Und dann dachten wir: Warum hat Amsterdam eigentlich keinen Pride? Das war doch absurd.

Siep de Haan: Amsterdam war ja schon sehr frei. Deshalb war es vielleicht weniger selbstverständlich. Wir mussten hier nicht wirklich um Raum kämpfen. Die Gay Community bewegte sich einfach durch die Stadt.

Peter: In anderen Städten musste man an einer Schwulenbar klingeln und erst ging ein kleines Fenster auf, um zu sehen, wer hereinkommt. In Amsterdam standen die Menschen einfach draußen auf der Straße mit einem Bier. Das hat sich alles miteinander vermischt.

Siep: Und wir selbst kamen nicht einmal aus Amsterdam. Ich komme aus Friesland. Ich fand Amsterdam zuerst ziemlich einschüchternd. Aber als wir hier lebten, entdeckten wir, wie offen die Stadt war – Künstler, Dragqueens, alle möglichen Nationalitäten. Alles lief durcheinander.

Ihr habt euch also ganz bewusst dafür entschieden, etwas anderes als die klassischen Prides zu machen?

Peter: Ja. Die meisten Prides waren ein Protest – von wegen: Wir fordern gleiche Rechte. Aber wir haben eigentlich genau das Gegenteil gemacht.

Siep: Wir wollten ein Fest.

Peter: Ein Geschenk an die Stadt Amsterdam. Weil wir fanden, dass wir hier so gut leben konnten.

Siep: Deshalb haben wir es auch nicht "Gay Pride" genannt, sondern "Amsterdam Pride". Stolz auf die Stadt. Stolz auf alle Bewohner.

Peter: Und wir wollten ausdrücklich, dass auch Heterosexuelle kommen. Es sollte kein In-Crowd-Event werden.

Siep: Das war wirklich unsere Formel: ein emanzipatorisches Fest für die ganze Stadt.

Und dann kam die Idee mit den Booten?

Peter: Bei fast jedem Pride gibt es eine Straßenparade, wie in Köln mit Wagen und so. Dann dachten wir: Wir machen es anders. Wir gehen auf die Grachten.

Siep: Das gab es nirgendwo.

Peter: Im ersten Jahr kamen 20.000 Besucher. Im zweiten Jahr schon 80.000. Im dritten Jahr eine Viertelmillion. CNN kam filmen – jahrelang. Nur mussten sie die Bilder für Amerika manchmal etwas zensieren.

Aber ihr wolltet auch nicht, dass es zu brav wird?

Siep: Nein, absolut nicht. Wir wollten keinen Blumenkorso. Diese freche Note gehörte dazu. Aber eher subtil. Familien mussten sich auch willkommen fühlen.

Peter: Wir hatten sogar zusammen mit der Polizei eine Art Sittlichkeitserklärung erstellt: keine sexuellen Handlungen, keine echte Nacktheit.

Das musste wirklich offiziell auf Papier?

Siep: Ja! Die Polizei kam selbst damit.


Peter Kramer (l.) und Siep de Haan mit der "Sittlichkeitserklärung" (Bild: Barbara Driessen / NBTC)

Peter: Aber die Leute wurden natürlich kreativ. Wir hatten eine Boot mit Männern in hautfarbenen Anzügen und großen gefüllten Socken. Aus der Ferne sah es aus, als wären sie nackt.

Siep: Und dann hatten wir danach Diskussionen mit der Polizei: Soll man hier eingreifen oder nicht?

Peter: Wir sagten dann: Dieser Junge ist ausreichend bekleidet.

Wie finanziert man so ein Event am Anfang?

Peter: Sehr vorsichtig. In den ersten Jahren bekamen wir keine Subventionen. Nur Sponsoring – Heineken zum Beispiel. Und ein paar große Gastronomen standen finanziell dahinter.

Siep: Aber genau das fanden wir spannend: mit fast nichts trotzdem etwas Riesiges aufbauen.

Peter: Im ersten Jahr haben wir sogar Gewinn gemacht – 30.000 Gulden.

Echt?

Peter: Ja. Aber wir waren extrem vorsichtig mit Geld.

Wie haben Gemeinde und Polizei reagiert?

Peter: Von Anfang an sehr positiv. Bürgermeister Patijn hat sofort einen offiziellen Empfang angeboten.

Siep: Und die Polizei hat fantastisch mitgearbeitet.

Peter: Während des Pride kamen hunderttausende zusätzliche Menschen in die Stadt, aber es gab weniger Zwischenfälle als an einem normalen Wochenende.

Siep: Schwule haben offenbar eine beruhigende Wirkung auf Heteros. (lacht)

Peter: Nein, aber ernsthaft: Die Menschen haben sich auch einfach angepasst. Wenn die Polizei sagte "alle links gehen", dann gingen alle links.

Ihr klingt etwas besorgt darüber, wie es heute ist.

Peter: Ja. Die Gesellschaft ist härter geworden.

Siep: Das merken wir besonders bei jungen Menschen.

Peter: Vor 30 Jahren hätten wir nicht gedacht, dass wir jemals wieder vorsichtig sein müssen.

Also achtet ihr heute mehr auf die Straße?

Peter: Im Zentrum von Amsterdam nicht. Aber in manchen Außenbezirken laufen wir nicht mehr Hand in Hand.

Das ist eigentlich ziemlich heftig.

Siep: Ja. Besonders für junge Menschen ist das schwierig geworden.

Peter: Stell dir vor, du sitzt in der Schule und weißt, dass die Hälfte deiner Klasse dich nicht akzeptiert.

Siep: Beim Utrecht Pride gibt es jetzt Schülerboote. Aber Jungs sagen uns: Wenn wir uns einer solchen Gruppe anschließen, werden wir ein Ziel.

Peter: Das hätten wir uns vor 30 Jahren wirklich nicht vorstellen können.

Seid ihr trotz allem optimistisch?

Siep: Ja. Aber man sieht, dass Freiheit nicht selbstverständlich bleibt.

Peter: Auf dem Papier ist in den Niederlanden alles gut geregelt. Aber man weiß nicht, was in den Köpfen der Menschen passiert. Die Geschichte ist offenbar nie abgeschlossen. Deshalb bleibt Pride wichtig – nicht nur als Fest, sondern auch als sichtbares Zeichen dafür, dass jeder hier er selbst sein können muss.

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