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Queere Intellektuelle
Anmerkungen zu Susan Sontag im Schwulen Museum
Erkenntnis als offener Prozess: Wie das Schwule Museum Berlin mit der Ausstellung "Susan Sontag: Sehen und gesehen werden" den Blick weitet.

Susan Sontag am 18. März 1993 im Hotel Savoy, Berlin (Bild: Ekko von Schwichow)
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4. Juli 2026, 05:53h 6 Min.
Wie hätte Susan Sontag darauf reagiert, ihr Leben und ihr Werk im Schwulen Museum Berlin ausgestellt zu wissen? Eine – wie sich zeigen wird – durchaus berechtigte Frage. Tatsächlich gibt es Grund zur Annahme, dass sie sich als zeit ihres Lebens ungeoutete Lesbe mit einer solchen Präsentation nicht wohlgefühlt hätte. Das legt zumindest die Reaktion des Journalisten Kenny Fries nahe, der Susan Sontag kannte und mit ihr Ende der 1980er Jahre ausführlich über schwules Leben in Zeiten von Aids sprach. Er selbst ist es, der die Frage in den Raum stellt – in einem Gespräch, das das Schwule Museum Berlin mit ihm eigens für die neue Ausstellung "Susan Sontag: Sehen und gesehen werden" aufgenommen hat.
Das Videointerview ist Teil der Schau, die von der Bonner Kunsthalle nicht nur übernommen, sondern für das Schwule Museum Berlin von den Kuratorinnen Birgit Bosold und Kristina Jaspers erweitert wurde. Neben dem Berlin-Bezug rückt die Ausstellung die Bedeutung der US-amerikanischen Intellektuellen für queere Kulturgeschichte in den Mittelpunkt – und eröffnet damit durchaus neue Perspektiven auf Susan Sontag.
Sontags Buch "Aids und seine Metaphern"
Was bedeutete HIV für die queere Community in der Entstehungszeit von Susan Sontags Buch "Aids und seine Metaphern"? Der aus New York City stammende Fries erzählt eindrücklich von einer Epoche, die heute "unvorstellbar" erscheint – eine Zeit, die von Leid, Angst und Hysterie geprägt war: Der positive HIV-Status ist nicht nur ein Todesurteil, sondern ein gesellschaftliches Stigma. Manche Betroffene werden von den Eltern verstoßen, andere von ihren Vermieter*innen auf die Straße gesetzt; es gibt keine staatliche Unterstützung, und innerhalb kürzester Zeit sterben massenhaft Menschen, die noch keine dreißig Jahre alt sind. Fries erinnert an die damalige Hilflosigkeit: "Mir fällt keine Entsprechung in der heutigen Welt ein."
Susan Sontag reagiert, wie alle anderen um sie herum, zunächst fassungslos – und bringt mit ihrem Buch sprachliche Klarheit in ein von Sünde, Strafe und Schuld vernebeltes Weltbild. Für Sontag ist Aids an sich keine Metapher, sondern schlicht eine Krankheit, die von der Gesellschaft metaphorisch aufgeladen wird. Dagegen schreibt sie an, um die Betroffenen von Schuldzuweisungen und anderen moralischen Zuschreibungen zu befreien.
Auch innerhalb der Schwulenszene gibt es mitunter abstruse Vorstellungen davon, wer vom Virus befallen wird und wer nicht. Doch davon scheint Susan Sontag laut Kenny Fries erstaunlich wenig zu wissen. Er klärt sie auf, als er sich mit ihr 1989 zum Interview für ein schwules Magazin in einem Hotel trifft: "Viele dachten, dass die Passiven beim Sex diejenigen waren, die sich mit HIV und Aids infizierten – was nicht stimmte."
Sontag zeigt sich an solcherlei Informationen höchst interessiert, obgleich ihr Essay "Aids und seine Metaphern" damals längst veröffentlicht war. Dass sie sich darüber zuvor nicht bei den Betroffenen kundig machte, deutet auf eine bemerkenswerte Unbedarftheit gegenüber der konkreten Lebensrealität schwuler Männer hin – obwohl sie ihnen eng verbunden war und einige zu ihren engsten Freunden zählten. Im Schwulen Museum wird diese persönliche Nähe durch großformatige Fotografien von Susan Sontag mit Peter Hujar eindrucksvoll veranschaulicht.

Susan Sontag während der Veranstaltung "Drei Amerikaner in Berlin", Akademie der Künste, Berlin, September 1976 (Bild: Renate von Mangoldt)
"Zu schwulen Männern war sie netter als zu Frauen"
"Zu schwulen Männern war sie netter als zu Frauen", sagt Kenny Fries. "Nicht nur zu mir. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass sie auf seltsame Weise im Schrank blieb. Jeder wusste es, aber es war keine öffentliche Angelegenheit. Das hatte mit Macht zu tun." In einem anderen Video, das für das Schwule Museum aufgenommen wurde, erklärt die lesbische US-Aktivistin Joan Nestle Sontags Zurückhaltung im öffentlichen Umgang mit ihrer Homosexualität als Klassenfrage. Ihre Begegnung beschreibt Nestle als "sehr kurz und eher missglückt": Sontag habe die Distanz zu ihr spüren lassen, und zwar, weil sie – im Unterschied zu einer "Working Class Bar Dyke" – offenbar nie auf die Solidarität und Schutzräume einer queeren Gemeinschaft angewiesen gewesen sei.
Susan Sontag ist damals die bekannteste Intellektuelle der USA, die Fotografin Annie Leibovitz ihre Lebensgefährtin. Während Sontag gegen die metaphorische Überhöhung von Aids anschreibt, engagiert sich Leibovitz mit einer Porträtserie für die San Francisco AIDS Foundation. Die im Schwulen Museum ausgestellten Fotografien zeigen HIV-positive Menschen, die ihrer Krankheit selbstbewusst begegnen – als Gegenbild zu gesellschaftlicher Ausgrenzung und der Zuweisung einer Opferrolle.
Sontag durchdrang die gesellschaftliche Mechanik der Stigmatisierung bis ins Detail, und mit ihrem 1964 erschienenen Aufsatz "Anmerkungen zu Camp" hatte sie sich bereits als brillante Analytikerin schwuler Ästhetik erwiesen. Zugleich blieb sie den konkreten Erfahrungswelten homosexuellen Lebens in gewisser Weise fremd und ließ die Öffentlichkeit über ihr eigenes Lesbischsein im Unklaren.
Diese Spannung macht einen wesentlichen Teil der Ausstellung aus. Sie würdigt Susan Sontag als unverzichtbaren Teil der queeren Kulturgeschichte, ohne sie einfach nur als Superstar zu feiern. Dabei wird das Publikum herausgefordert, sich zwischen dem Anspruch auf queere Sichtbarkeit und historischer Empathie zu positionieren – ohne dabei Sontags außergewöhnliches Engagement gegen die Stigmatisierung von Homosexualität aus dem Blick zu verlieren.
Bereitschaft, die eigenen Positionen infrage zu stellen
Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, sich in die handschriftlichen Notizen von Sontag zu vertiefen, die in Vitrinen ausgestellt sind. Sie entstanden während ihrer eigenen Krebserkrankung als Tagebuch und flossen später in "Krankheit als Metapher" ein – lange bevor sich Sontag mit Aids auseinandersetzte. Die Aufzeichnungen vermitteln eine Ahnung davon, wie sehr Sontag mit sich selbst rang, sich mitunter als Teil des von ihr beschriebenen Problems erkannte und ihr Denken immer weiter präzisierte. So schrieb sie als Krebspatientin: "Ich fühlte mich wie der Vietnamkrieg. Imperialismus, Invasion, Kolonisierung."
Die Bereitschaft, die eigenen Positionen infrage zu stellen, prägt auch ihren Blick auf Bilder – nicht umsonst heißt es im Titel der Schau: "Sehen und gesehen werden". So zeigt die Ausstellung nachdrücklich, wie intensiv sich Sontag mit Fotografie, Selbstinszenierung und den Mechanismen des Sehens beschäftigte – obwohl sie das Fotografiertwerden vor der Kamera als unangenehm empfand, weil sie den dabei erlebten Kontrollverlust durch gesteigerte Kontrolle zu kompensieren versuchte. In der Schau sehen wir Porträts, die Peter Hujar, Annie Leibovitz und Andy Warhol von ihr aufnahmen.
Besonders deutlich wird ihr intellektueller Anspruch an der Auseinandersetzung mit den Bildern Leni Riefenstahls: Hatte sie deren Filme in den 1960er Jahren noch als formal herausragend gewürdigt, rückte sie zehn Jahre später in ihrem Essay "Fascinating Fascism" die faschistische Ästhetik von Unterwerfung, Schmerz und Gehorsam in den Mittelpunkt. Damit scheute sie sich nicht, frühere Einschätzungen zugunsten neuer Erkenntnisse zu revidieren.
Bemerkenswert ist dabei weniger, dass Susan Sontag ihre Meinung änderte, sondern dass sie den Mut hatte, dies öffentlich zu dokumentieren. So gesehen hat sie sich nie als unfehlbare Intellektuelle präsentiert, sondern als eine Person, die Erkenntnis als offenen Prozess verstand: eine Haltung, die heutigen Debatten guttun würde.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung auf der Homepage des Schwulen Museums
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