https://queer.de/?58650
New Queer Cinema
Warum mich die Neufassung von "Freier Fall" nicht überzeugt
Das queere Liebesdrama "Freier Fall" mit Hanno Koffler und Max Riemelt begeisterte 2013 die Community. Nun ist eine neu montierte Fassung erschienen – mit verändertem emotionalem Aufbau und bislang unveröffentlichten Szenen.

Szene aus dem Originalfilm: Hanno Koffler und Max Riemelt in "Freier Fall" (Bild: Salzgeber)
- Von
4. Juli 2026, 12:06h 4 Min.
"Ich soll kein Drama machen?", fragt Bettina wütend, die Blicke der anderen sind längst auf sie gerichtet. Ihre Empörung ist berechtigt: Ihr Freund und der baldige Vater ihres Kindes hat sie bei der Schwangerschafts-Gymnastik sitzen lassen. Statt Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen, verschließt sich Marc – wie so oft – hinter seinem mahlenden Kiefer und seinem Schweigen.
"Freier Fall" zählt zu den einflussreichsten deutschen Beiträgen des zeitgenössischen New Queer Cinema. Es war 2013 das Langfilmdebüt des Essener Regisseurs Stephan Lacant. Dreizehn Jahre später präsentiert er nun gemeinsam mit Cutter Dirk Grau eine neu montierte Fassung – mit verändertem emotionalem Aufbau, neuer musikalischer Gestaltung und bislang unveröffentlichten Szenen.
Zwei verliebte Polizisten

Poster zur Neufassung: "Freier Fall – Wer du bist" ist bei Q Studios Berlin im Streaming verfügbar
Im Mittelpunkt steht Marc (Hanno Koffler), der seine Polizeiausbildung absolviert und sich gleichzeitig auf die Geburt seines ersten Kindes vorbereitet. Gemeinsam mit seiner Freundin Bettina (Katharina Schüttler) richtet er das gemeinsame Haus ein. Doch während sein Leben scheinbar immer klarere Konturen annimmt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Auf einer Fortbildung lernt er den Kollegen Kay (Max Riemelt) kennen – und mit ihm das Erwachen seiner eigenen Bisexualität.
Marc reagiert darauf nicht mit Offenheit, sondern mit Verdrängung. Er stößt Kay immer wieder von sich weg und lässt Nähe nur in kurzen Momenten zu. Diese zwischen Anziehung und Abwehr oszillierende internalisierte Homophobie schlägt immer wieder in Aggression um. Zärtlichkeit bleibt lange die Ausnahme. Stattdessen bestimmen Sex, Zigaretten, schweigende Blicke in die Ferne und körperliche Gewalt ihre Beziehung – gegeneinander und durch das Umfeld.
Homophobie prägt den Alltag
Die Polizeiausbildung bildet dafür den passenden Resonanzraum. Sie erscheint als hypermaskuliner Ort, dessen vermeintliche Offenheit sich auf halbherzige Hinweise beschränkt, Diskriminierung werde nicht toleriert. Tatsächlich wird Homophobie offen ausgelebt und vom System kaum aufgefangen. Der Film zeigt zwar klischeehafte Szenen – Gespräche unter der Dusche über Frauen als Sexualobjekte, Witze übers "Anschwulen" oder die berühmte heruntergefallene Seife -, macht aber zugleich deutlich, wie tief solche Männlichkeitsbilder den Alltag prägen.
Zwischen Bettina, die sich einen verlässlichen Partner und Vater ihres Kindes wünscht, und Kay, der endlich einen Mann möchte, der sich nicht für ihn schämt, zerreibt sich Marc zunehmend. Er versucht gleichzeitig der perfekte Polizist, Familienvater und Liebhaber zu sein – und bleibt doch emotional vollkommen verschlossen. Dass ausgerechnet er als angehender Polizist selbst Drogen konsumiert, exzessiv trinkt, gewalttätig wird und Grenzen überschreitet, ohne ernsthafte Konsequenzen befürchten zu müssen, verweist zudem auf eine bemerkenswerte Doppelmoral innerhalb des Films.
Ehe mit Bettina oder Beziehung zu Kay
So überzeugend das Ensemble miteinander spielt, so eindimensional bleiben leider viele Frauenfiguren. Bettina ist vor allem misstrauische Partnerin, schwangere Mutter und verletzte Verlassene, ihre Mutter darf vor allem Kälte und Homophobie verkörpern. Andere Frauenfiguren existieren kaum über ihre Beziehung zu den Männern hinaus.
Am stärksten polarisiert "Freier Fall" jedoch dort, wo er seinen zentralen Konflikt selbst unnötig verengt. Immer wieder wird Marc vor die Entscheidung gestellt: Ehe mit Bettina oder Beziehung zu Kay. Als gäbe es für einen bisexuellen Mann nur diese beiden Möglichkeiten. Ausgerechnet der Zweittitel der Neufassung – "Wer du bist" – verstärkt diesen identitären Essentialismus noch, statt ihn aufzubrechen.
|
Neu hinzugefügte Musik wirkt überinszeniert
Auch der neue Schnitt überzeugt nicht durchgehend: Die neu hinzugefügte Musik wirkt häufig überinszeniert und emotional manipulativ – von "Outro" von M83 über "A New Error" von Moderat bis hin zu "Roads" von Portishead. Hinzu kommen zahlreiche Zeitlupen und Parallelmontagen, die zwar einzelne Szenen aufwerten, den Film insgesamt aber eher künstlich emotionalisieren und die Zuschauer*in paradoxerweise weiter von Marc entfernen.
Seit Juni ist die Neufassung bei Q Studios Berlin im Streaming verfügbar. Zugleich macht das Ende keinen Hehl daraus, wohin die Reise gehen soll: Über das Streaming sollen Gelder für eine geplante "Freier Fall"-Trilogie gesammelt werden. Ob dieses Vorhaben aufgeht, bleibt abzuwarten.
Freier Fall – Wer du bist. Drama. Deutschland 2026. Regie: Stephan Lacant. Cast: Hanno Koffler, Max Riemelt, Maren Kroymann, Stefanie Schönfeld, Oliver Bröcker, Shenja Lacher, Katharina Schüttler, Britta Hammelstein, Luis Lamprecht. Laufzeit: 123 Minuten. Sprachen: deutsche Originalfassung, englische Synchronfassung. FSK 16. Als Video on Demand bei Q Studios Berlin
Links zum Thema:
» "Freier Fall – Wer du bist" bei Q Studios Berlin anschauen
Mehr zum Thema:
» Christian Scheuß über den Originalfilm: "Freier Fall" – Brokeback Mountain in Uniform (23.05.2013)
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
22:15h, rbb:
Below her mouth
In dem erotischen Drama brilliert das androgyne Model Erika Linder als Dachdeckerin, die eine Affäre mit einer bislang heterosexuellen Modejournalistin beginnt.
Spielfilm, CDN 2016- 3 weitere TV-Tipps »














