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Buchkritik

Ein Herz für TERFs

Themenvielfalt ist nicht gleichbedeutend mit Meinungsvielfalt – das zeigt mal wieder das neue "Jahrbuch Sexualitäten 2026" der Initiative Queer Nations. Herausgeber Jan Feddersen besuchte die transfeindliche Aktivistin Faika El-Nagashi in Wien.


Die ehemalige Grünen-Abgeordnete Faika El-Nagashi ist – neben der rechtsextremen FPÖ – Österreichs bekannteste Kämpferin gegen trans Rechte. Jan Feddersen beehrte sie mit einem Besuch in Wien (Bild: Parlamentsdirektion /​ Arman Rastegar)

"Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; und jeder geht zufrieden aus dem Haus." Das rät der Theaterdirektor dem Autor in Goethes Vorspiel zum "Faust". Doch geht diese Rechnung wirklich auf? Reicht ein buntes Sortiment, um alle zufriedenzustellen? Das soeben im Wallstein Verlag erschienene und von der Initiative Queer Nations (IQN) herausgegebene "Jahrbuch Sexualitäten 2026" bringt in der Tat vieles und knausert nicht mit thematischer Vielfalt.

Das Inhaltsverzeichnis ist gut gefüllt mit Beiträgen, deren Themen einen großen Bogen spannen von Thomas Mann (Wie schwul war er wirklich? Oder doch eher bisexuell?) über den Schlagertexter Bruno Balz ("Kann denn Liebe Sünde sein"), den Paragraf 175 samt einem historischen Blick auf die Strafverfolgungspraxis bis 1969 und schließlich über die Akzeptanz von LSBTIQ in der deutschen Wissenschaft (lesenswert, aber ein erschreckender Befund) bis hin zu Judith Butlers "Wer hat Angst vor Gender?". Schwul dominiert – wie so oft.

Die Kunst kommt nicht zu kurz

Auch die Kunst kommt nicht zu kurz – und so werden uns drei Gegenwartsmaler aus Polen als homosexuelle Künstler vorgestellt, die sich auf "mann-männliche Lust" verstehen und selbst "gleichgeschlechtlich lieben" (ach herrje, man achte auf das Wording) und schließlich noch ein ausführlicher Bericht von der wirklich wunderbaren Ausstellung "Fünf Freunde – John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg, Cy Twombly", die im letzten Jahr zuerst in München und dann anschließend in Köln zu sehen war. Ein paar Buchbesprechungen gibt es als Dessert.

Doch das ist längst nicht alles, was das aktuelle Jahrbuch auf 300 Seiten zum Besten gibt. Till Randolf Amelung kann die Schadenfreude über das Scheitern des gender-affirmativen Ansatzes in der trans Medizin der USA in "Kinder als Sollbruchstelle" nur schlecht verbergen, und Jan Feddersen zeigt mit dem Gespräch mit der in Wien lebenden Faika El-Nagashi wieder einmal sein Herz für TERFs.

Auch ein buntes Sortiment kann ziemlich eintönig sein

Und damit komme ich nun endlich auf den am Anfang geäußerten Zweifel zurück, ob denn die Rechnung von Goethes Theaterdirektor wirklich immer aufgehe. Wobei ich nicht daran zweifle, dass das Jahrbuch sein Stammpublikum gefunden hat und dass es bisher stets zuverlässig bedient wurde und weiterhin bedient wird. Aber das heißt eben auch, dass Themenvielfalt nicht gleichbedeutend mit Meinungsvielfalt ist. So weit geht der Pluralismus dann doch nicht – ganz abgesehen von der schwulen Dominanz.

Wer sich trotzdem auf die Lektüre einlässt, dürfte am Ende freilich feststellen, dass ein buntes Sortiment ziemlich eintönig sein kann. Nein, dass dabei alle zufrieden nach Hause gehen, schafft dieses Jahrbuch so wenig wie die Vorgänger-Ausgaben. Das dürfte auch kaum Absicht gewesen sein, man weiß schließlich, was man seinem Publikum und sich selbst als diejenigen, die so stolz gegen den "Mainstream" schwimmen (aber wohin eigentlich?), schuldig ist.

Die Hohe Warte ist's, der hochtrabende Anspruch – dieses "nur wir wissen wirklich Bescheid", "nur wir haben den Durchblick". Sie fordert geradezu heraus, sich genauer das Verhältnis von Anspruch und Wirklichkeit anzuschauen.

Ist die neue Thomas-Mann-Biografie zu "unterleibslastig"?


Das "Jahrbuch Sexualitäten 2026" ist Ende Juni im Wallstein Verlag erschienen

Starten wir mit Thomas Mann und Hans Rudolf Vagets Verriss der Mann-Biografie, die Tilmann Lahme im letzten Jahr bei dtv veröffentlichte. Vaget, ebenfalls Mann-Experte, moniert nicht unbedeutende Lektürelücken, reklamiert dazu Fehldeutungen, und überhaupt sei diese Biografie viel zu "unterleibslastig".

Gut, dass Thomas Mann etwas mit schwul zu tun hat, pardon mit Homosexualität, war und ist so oder so nicht neu. Vaget plädiert nicht allzu dezidiert, aber immerhin und mit Fragezeichen für einen bisexuellen Thomas Mann. Lassen wir den Schriftsteller, der nicht nur von Männern geträumt hat, endlich ruhen. Ich würde mir nur wünschen, dass seine Frau Katia, geborene von Pringsheim, die immerhin sechs Kinder zur Welt gebracht hat, mal ab und an auch ein wenig Beleuchtung abbekäme (Stichwort: Geschlechter­gerechtigkeit).

Judith Kessler räumt in ihrem lesenswerten Beitrag über "Hitlers Hit-Schreiber" Bruno Balz (1902-1988) mit einer Menge Legenden auf. Man muss halt nur in die staubigen Archive eintauchen, um hinterher klarer zu sehen und die Verdrehungen der fantasiereichen Erben zu erkennen. Zur Erinnerung für die Jüngeren: Balz war ein erfolgreicher Schlagertexter vor und nach 1945, der nicht nur Hits für Zarah Leander schrieb wie "Kann denn Liebe Sünde sein" oder "Davon geht die Welt nicht unter".

Ein fragwürdiger Blick auf den Paragrafen 175

Ebenfalls lesenswert ist Matthias Gemählichs Beitrag "Von ihrer Vergangenheit eingeholt", der sich die Biografien von schwulen KZ-Überlebenden genauer angeschaut hat, die auch nach 1945 in Konflikt gerieten mit der jetzt bundesrepublikanischen Strafverfolgung in Sachen Paragraf 175. Unfassbar, was der Autor zu Tage fördert. Er konzentrierte sich auf die Rechtsprechung von Frankfurter Gerichten, um festzustellen, dass ehemalige KZ-Häftlinge in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung im Schnitt mit höheren Strafmaßen zu rechnen hatten, weil sie als "unbelehrbare Wiederholungstäter" galten. KZ-Überlebender zu sein, war ein strafverschärfend wirkender Makel.

Auch Alexander Zinn geht in "Eine freiere Atmosphäre?" der Reformdebatte und Strafverfolgung in Sachen Paragraf 175 nach. Von einer regelrechten Prozesswelle in den 1950er Jahren in Frankfurt abgesehen, stellte Zinn für die 1960er Jahre statistisch gesehen mildere Strafen und mehr Freisprüche fest, um hier von einer "Liberalisierung" zu sprechen. Das publizierte Recherchematerial beeindruckt, aber die Schlussfolgerung irritiert dann doch – und nicht zuletzt mit Blick auf Gemählichs Beitrag.

Verdächtig, weil fragwürdig erscheint mir allemal, wenn von Liberalisierung mit Blick auf die generelle Strafbarkeit von Homosexualität gesprochen wird. Gut, es mag diese milderen Strafmaße gegeben haben, aber es waren Bestrafungen, die nicht unerhebliche soziale Auswirkungen haben konnten.

Dass Zinn so argumentiert, hat auch damit zu tun, dass er eine Art Zwei-Klassengesellschaft der Schwulen entwirft: Hier die unsichtbare, nicht betroffene Mehrheit der "gewöhnlichen Homo­sexuellen", die unbehelligt lebte, dort diejenigen, die in die Fänge der Justiz gerieten. Und was ist das für eine Argumentation, der Paragraf 175 sei erforderlich gewesen, um Homosexualität zu normalisieren? Erst die Bestrafung ermöglichte die Einsicht, dass man keine Strafe brauche. Wie bitte?

Strategische Bereitschaft zum absichtlichen Missverständnis

Dass Judith Butler im "Jahrbuch" nicht gut wegkommt, war und ist vorhersehbar. Dass ich aber triftige Argumente in Alex Grübers Text gegen Butler fand, kann ich nicht behaupten – zumindest nicht, wo es um "Wer hat Angst vor Gender" geht. Generell ist in der Kritik an Butler eine strategische Bereitschaft zum absichtlichen Missverständnis zu beobachten. Und wenn Butler außerdem noch, wie von Grüber vorgebracht, Abgehobenheit und Unverständlichkeit vorgeworfen wird, dann würde ich mir Kritiker*innen wünschen, die nicht abgehoben und unverständlich antworten.

Till Randolf Amelungs Ablehnung der trans Medizin bei Minderjährigen ist bekannt. Was ich jedoch auch diesmal wieder vermisse, das wäre zur Abwechslung mal eine konstruktive Kritik, die eine Antwort versucht, wie mit trans Kids und Jugendlichen denn besser umzugehen sei. Dass es sie gibt, ist ja wohl eine Tatsache, und wir werden auch nicht erst mit der Volljährigkeit trans. Darüber würde ich gerne mal von Amelung was lesen wollen.

Jan Feddersen zu Besuch bei einer TERF

Und dann der Auftritt von Jan Feddersen, der sich in Wien mit Faika El-Nagashi zu einem Gespräch getroffen hat. El-Nagashi war einmal Grünen-Politikerin in Österreich, aber irgendwann passten ihre Einstellungen nicht mehr zum Programm der Grünen. Sie hat Probleme mit FLINTA und mit dem Sternchen sowieso. Sie definiert Frau als reine Bio-Ware und lässt nur Vulva, Vagina und Uterus als Merkmale gelten.

Die von ihr gegründete "Denkfabrik" mit dem Namen Athena-Forum macht mir allerdings mit Blick auf das dort tätige Team keine Angst. Mehr als Ausschussware dürfte aus dieser Fabrik nicht kommen. Das verspricht jedenfalls das so beschriebene Programm: "Wir sind die erste Organisation auf europäischer Ebene, die das Geschlecht schützt als eine biologische Realität."

Dass sie deshalb als TERF bezeichnet wird, empfindet sie als Beschimpfung, aber es zu sein, ist für sie wiederum normal. Was soll man dazu sagen?

Infos zum Buch

Jahrbuch Sexualitäten 2026. Herausgegeben von Jan Feddersen, Rainer Nicolaysen, Till Randolf Amelung, Jörg Jungmayr Miguel. 304 Seiten. Wallstein Verlag. Göttingen 2026. Gebundene Ausgabe: 34 € (ISBN 978-3-8353-6177-5). E-Book: 33,99 €

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