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Kinotipp
"Bleibt nicht im letzten Jahrhundert hängen"
In einer Zeit des globalen Angriffs auf die körperliche und politische Selbstbestimmung von Frauen und trans Menschen hat der schöne, schlaue und zärtliche Spielfilm "Virginia Woolf's Night & Day" von Tina Gharavi einiges zu sagen. Ab 9. Juli im Kino!

Haley Bennett als Katharine Hilbery in "Virginia Woolf's Night & Day" (Bild: Woolf Comedy Productions Ltd.)
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5. Juli 2026, 07:04h 5 Min.
"Night and Day" (Nacht und Tag) gilt als der klassischste Roman der ansonsten eher für ihren experimentellen Stil bekannten queeren Schriftstellerin Virginia Woolf (1882-1941). Dementsprechend ergibt es nur Sinn, dass Tina Gharavis Verfilmung sich als recht konventionelle historische Dramen-Komödie präsentiert. "Virginia Woolf's Night & Day" handelt von der Astronomin Katherine Hilbery (Haley Bennett), die sich als ernstzunehmende Wissenschaftlerin in einem von Männern kontrollierten Feld zu behaupten versucht.
Direkt ins Auge sticht das überzeugende Set- und Kostümdesign. Ein äußerst lebendiges und farbenfrohes London des frühen 20. Jahrhunderts lässt uns als Zuschauer*innen schnell in die Geschichte der jungen Katherine eintauchen, die sich auch Kit nennt und zuweilen als Mann ausgeben muss, um Zugang zu für sie verbotenen Orten wie der Astronomischen Gesellschaft zu erlangen. Diese wird als "ernsthafte Institution für ernsthafte Männer" beschrieben, wobei uns die Albernheit der männlichen Dominanzfantasien schnell vor Augen geführt wird.
Die "Gentlemen" der Gesellschaft hegen Zweifel daran, dass die Anwesenheit von Frauen einen sinnvollen Beitrag für das menschliche Wissen über das Universum leisten könnte. Hierin zeigt sich eines der Hauptmotive des Films: Das spezifische Setting – Kits Kampf um Anerkennung und die Freiheit, ihren eigenen Weg zu gehen – wird in größere, zeitgemäße Zusammenhänge gestellt.
Randnotizen der Romantik

Poster zum Film: "Virginia Woolf's Night & Day" startet am 9. Juli 2026 bundesweit im Kino
In einem Gespräch mit ihrem Cousin Cyril (Misia Butler) fragt Kit, was das größte Problem sei, mit dem wir heute konfrontiert seien. "Armut, Vorurteil, drohender Krieg in Europa?", antwortet dieser, worauf Kit ihm entgegnet, dass wir unseren eigenen Platz im Universum nicht verstünden: "Wer sind wir? Wo sind wir? Sind wir das Zentrum von allem oder nur die Nadelspitze eines Systems, so groß, dass wir es nicht überblicken können?" Gerade in solchen wiederkehrenden Momenten spricht der Film über das scheinbar Konkrete, verbindet es jedoch darüber hinaus mit Fragen, die über einhundert Jahre nach dessen Handlung nichts an Aktualität verloren haben.
Einen eigenen Ton findet der Film in seinen Darstellungen von romantischen Beziehungen und vor allem im Fokus, den die Regisseurin dabei setzt. Der Poet William (Jack Whitehall) möchte Kit dazu bringen, ihn zu heiraten, obwohl diese höchstens strategisches Interesse an einer Ehe hat. Die romantische Beziehung zwischen ihr und Ralph (Elyas M'Barek) findet mehr im Hintergrund statt, anstatt lang und bemüht auserzählt zu werden. Entgegen dieser Erwartung gibt Gharavi der transgressiven Beziehung Cyrils eine überraschende Bühne.
Was dabei klar wird: Viele der männlichen Figuren leiden ebenso unter den patriarchalen Erwartungen der Gesellschaft und scheitern zuweilen daran. Gerade William und Ralph erscheinen im Laufe der Handlung eher als dezentrierte Verbündete, anstatt sich im Stil einer klassischen romantischen Komödie in den Mittelpunkt zu drängen. Diese Beiläufigkeit der männlichen Figuren und ihrer Liebesinteressen wirkt nicht nur erfrischend, sondern geradezu erleichternd. Nur allzu leicht hätte ein romantischer Handlungsfaden der Hauptfigur Kit die Bühne rauben können.
Eine "(un)romantische Komödie"
Katherine bleibt stets Mittelpunkt der "(un)romantischen Komödie", wie es in der Pressemitteilung heißt, wobei Haley Bennetts schauspielerische Präsenz durchgehend überzeugt. Ein besonderer Höhepunkt des Films ist ihre Rede vor den großen Männern der Cambridge University. Darin pocht Kit darauf, dass wir Menschen nichts als Staubkörner im großen Mysterium des Universums seien und reibt sich ganz schön mit der patriarchalen Hybris.
Auch hier entstammt der Inhalt ihrer Rede der Zeit und Situation, überschreitet sie aber ebenso sehr. Vor allem wenn die Männer die Toiletten als Argument des Ausschlusses hervorbringen – es gibt in Cambridge einfach keine Frauenklos – scheint es sich um einen durchaus gezielten, schnippischen Hinweis auf zeitgenössische Politik zu handeln. "Bleibt nicht im letzten Jahrhundert hängen", sagt sie den Professoren und verdeutlicht damit das programmatische, wiederkehrende Argument des gesamten Films.
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Staubkorn im Mysterium
Die Kameraarbeit der BAFTA-nominierten Regisseurin ist gekonnt, präzise und oft von einer berührenden Sinnlichkeit geprägt – etwa direkt am Anfang, wenn Kit nachts in einem See liegend auf die Sterne blickt: ein Staubkorn im Mysterium. Die Stimmung des Films wechselt oft zwischen Humor und emotionaler Tiefe.
Die Relevanz der darin verhandelten politischen Motive ist unmissverständlich. Es geht um die anonymen Beiträge von Frauen in Kunst und Wissenschaft lange vor deren Anerkennung, den Kampf ums Wahlrecht, die Verweigerung, einzig auf den Status einer Ehefrau reduziert zu werden – vor allem aber geht es um das Recht, dem eigenen Weg folgen zu können. In einer Zeit des globalen Angriffs auf die körperliche und politische Selbstbestimmung von Frauen und trans Menschen hat "Virginia Woolf's Night & Day" einiges zu sagen, wobei vieles unausgesprochen zwischen den Zeilen mitschwingt.
Zuletzt noch mein liebstes Zitat des Films:
Die Wahrheit ist nicht singulär. Niemand kann sie besitzen… Eines jeden Wahrheit ist das Haus, in dem er lebt. (Meine Übersetzung)
Truth is not singular. No one owns it… Everyone's truth is the house they live in. (Original)
Überzeugendes Schauspiel
"Virginia Woolf's Night & Day" feiert am 9. Juli seine Premiere in den deutschen Kinos. Es ist ein schöner, schlauer und zärtlicher Film über eine Wissenschaftlerin, die die verbohrten Einstellungen ihrer Zeit und die für sie darin vorgesehene Rolle in Frage stellt. Die gesamte Besetzung liefert überzeugendes Schauspiel ab. Humor, Charme und emotionale Tiefe finden eine gute Balance.
Tina Gharavi und Drehbuchautorin Justine Waddell ist es gelungen, den 442 Seiten schweren Roman in eine Laufzeit von 95 Minuten zu packen, wobei sie sich sicherlich einige kreative Freiheiten herausnehmen – die Akzente jedoch genau so setzen, dass die politischen Dimensionen des Werkes nicht verloren gehen. Eine klare Empfehlung.
Virginia Woolf's Night & Day. Literaturverfilmung. Großbritannien, Deutschland 2025. Regie: Tina Gharavi. Cast: Haley Bennett, Elyas M'Barek, Lily Allen, Jack Whitehall, Jennifer Saunders, Timothy Spall. Laufzeit: 95 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 6. Verleih: Wild Bunch Germany. Kinostart: 9. Juli 2026
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