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Berlin

Lederers Appell zum Abschied: "Berlin muss um seine queeren Orte kämpfen"

Nach 23 Jahren verabschiedet sich der linke Ex-Kultursenator Klaus Lederer aus dem Berliner Abgeordnetenhaus. Wir dokumentieren seine Abschiedsrede zur World-Pride-Bewerbung – eine queere Geschichtsstunde über die "Stadt der Freiheit".


Mit dem Ende der Legislaturperiode verabschiedet sich Klaus Lederer nach über zwei Jahrzehnten aus der Berliner Landespolitik (Bild: IMAGO / Bernd Elmenthal)

Frau Präsidentin! Meine verehrten Damen und Herren! Die World Pride, der internationale CSD sozusagen, passt zu Berlin wie das Stadtfest zur Motzstraße, wie die Lederkombi zu Folsom, Chantals zum Donnerstag, der Südblock zum Kotti und Charlotte zu Mahlsdorf.

Denn Berlin war schon offen queer, bevor wir dieses Wort überhaupt kannten, und Berlin war schon offen homosexuell und lesbisch, schwul und trans, bevor diese Worte in Gebrauch kamen. Dass "Stadt der Freiheit" nicht nur ein abgegriffener Marketingslogan, sondern da wirklich etwas dran ist, daran hat Berlins queere Community einen riesigen Anteil, und zwar seit mindestens 150 Jahren.

Hier gründete Magnus Hirschfeld 1897 eine erste Bewegung zur Gleichstellung des sogenannten dritten Geschlechts, schuf 1919 das Institut für Sexualwissenschaft und begriff sexuelle und Geschlechtsidentität als Spektrum mit Zwischenstufen. Hier blühte in Weimarer Zeiten eine einzigartige queere Kultur mit einer wohl dreistelligen Zahl lesbischer und schwuler Lokale, von der Eckkneipe bis zum berühmten Eldorado. Die 1920er Jahre, die der Stadt Berlin ihren "Weltaugenblick" bescherten, um es mit Jens Bisky zu sagen, waren davon geprägt, dass queere Menschen hier ihre Freiheit suchten und lebten.

Die Nationalsozialisten zerstörten jenes queere und liberale öffentliche Leben, inhaftierten Zehntausende, zumeist schwule Männer, aber auch Lesben, in Gefängnissen und Konzentrationslagern, was viele von ihnen nicht überlebten.

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Nach 1945 daran anzuknüpfen, an die zerstörte Vielfalt, war schwer. Die Repression ging weiter. In der BRD galt die verschärfte NS-Fassung des Paragrafen 175 sogar bis 1969. In jenem Jahr, 1969, markiert auch Stonewall in New York einen Wendepunkt queerer Emanzipation, zunächst in den USA, bald darauf auch in Europa und in Deutschland. 1971 erschien Rosa von Praunheims bahnbrechender Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". Zwei Jahre später sieht in einer Ostberliner Wohnung eine Gruppe von Freunden diesen Film und ist so begeistert, dass sie die "Homosexuelle Interessengemeinschaft Berlin" gründet. Daraus wird die erste queere Initiative Ostberlins, anfangs oft im Keller bei Charlotte von Mahlsdorf und seit den Achtzigern – Community sei Dank – bis heute als Sonntags-Club. Auch im Westen der Stadt wirkte Praunheims Film als Initialzündung. 1971 gründet sich die Homosexuelle Aktion Westberlin, aus der das Lesbische Aktionszentrum Westberlin hervorgeht. 1974 die AHA, die Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft. Die gibt es heute noch. Sie ist gefährdet. Und aus der HAW ging das SchwuZ hervor, das, wie Sie alle wissen, vergangenes Jahr schließen musste und im Moment um einen Neustart kämpft.

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Seit 1979 feiert Berlin CSDs. Am Anfang waren es wenige Hundert Menschen. Es waren seit Jahren vor allem diese Vereine, Kollektive, Initiativen und Institutionen, die für ihre Rechte kämpften und die Grundsteine legten für das queere Leben, das heute so einen Weltruhm genießt. Sie alle haben gemeinsam dafür gesorgt, dass Berlin für Queers weltweit heute ein Symbol von Freiheit ist. Man könnte zusammenfassen: In vielerlei Hinsicht ist die queere Kultur Berlins das wesentliche und hervorstechendste Element der Stadt, ihr Bindemittel und ihre Würze. Das war so in den Zwanzigern und in Westberlin vor dem Mauerfall, und das ist bis heute noch so. Und bevor Sie mir Übertreibung vorwerfen, diese Sätze stammen aus dem New Yorker vom März 2014, und sie lesen sich ganz ähnlich wie das, was Magnus Hirschfeld 1904 schon in seiner Einleitung des Buchs "Berlins drittes Geschlecht" schrieb.

Das ist alles kein Selbstläufer. In Berlin verändert sich vieles. Es gibt massiven Verdrängungsdruck, queerfeindliche Angriffe nehmen zu. Aber politische Unterstützung beschränkt sich allzu oft auf gönnerhafte Gesten, die nichts kosten. Nett, dass am U-Bahnhof Nollendorfplatz jetzt Regenbogenkiez steht. Gegen die Gefährdung und Verdrängung queerer Orte, gerade in diesem Kiez, ist damit exakt nichts getan.

Eine World-Pride-Bewegung Berlins zu unterstützen, muss deshalb heißen, Verantwortung zu übernehmen. Berlin muss um seine queeren Orte kämpfen, muss sich als sicherer Hafen für queere Geflüchtete verstehen, sich dafür einsetzen, dass diese, vielerorts mit Haft bis zur Todesstrafe bedroht, in Deutschland und Berlin Schutz und Aufnahme finden können. Die World Pride ist kein Projekt des Stadtmarketings. Es ist eine Frage des Selbstverständnisses, sie zu unterstützen, Berlin als Stadt den queeren Menschen in aller Welt zu signalisieren: Ihr seid nicht allein. Berlin ist ein Ort, an dem ihr willkommen seid. Hier könnt ihr so leben und für euer Recht kämpfen. – Die World-Pride-Bewegung ist daher eine Chance für unsere Stadt, in der längst nicht alles paletti ist. Ich hoffe, dass wir heute hier beschließen – und zwar in Direktabstimmung, denn Versenken im Ausschuss heißt, der Antrag ist de facto erledigt -, dass wir diese World-Pride-Bewegung unterstützen.

Zum Schluss noch ein paar persönliche Worte. Auch bei mir ist es mutmaßlich, wie bei meiner Kollegin Anne Helm, die letzte Rede. Ich war seit 2003 hier im Parlament und dann auch einige Jahre da drüben auf der Senatsbank, wo ich einiges für die Gestaltung der Berliner Kultur tun konnte. Ich möchte mich bei allen bedanken, mit denen ich währenddessen kollegial zusammenarbeiten konnte und die in der Sache vorankamen. Wir stehen wirklich vor schweren Zeiten. Anne Helm hat es gesagt. Denjenigen, die in den demokratischen Fraktionen ab Herbst weiter dabei sein werden, möchte ich mitgeben: Gehen Sie unkonventionelle Wege! Machen Sie es, wie es im Motto der Berliner Stadtmission heißt: Suchet der Stadt Bestes! Es geht um die Sache, nicht um Abgrenzungsrituale und Social Media. Und zum Schluss sage ich mit dem Kollegen und Kolumnisten Leo Fischer: Ciao, scusi, stracciatella!

Für seine Rede erhielt Klaus Lederer anhaltenden Beifall bei der Linken, der CDU, der SPD und den Grünen. Der Antrag von Grünen und Linken zur Unterstützung der World-Pride-Bewerbung des Berliner CSD e.V. wurde an den Ausschuss für Integration, Frauen und Gleichstellung, Vielfalt und Antidiskriminierung verwiesen. Der Antrag der Linken auf sofortige Abstimmung wurde abgelehnt.

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