https://queer.de/?58664
Interview
Maren Kroymann: "Humor kann immer eine Form von Widerstand sein"
Vor dem Kinostart der Doku "Was haben wir gelacht" sprachen wir mit der Kabarettistin Maren Kroymann über die Gockelhaftigkeit von Gottschalck und Co., das Internet als Hoffnungsträger und ihre Freude über den Hamburg Pride Award.

Maren Kroymann erhält am 25. Juli den Hamburg Pride Ehren Award 2026 (Bild: IMAGO / Future Image)
- Von
6. Juli 2026, 05:05h 5 Min.
Sie gehört zu den besten Humor-Arbeiter*innen der Republik: Mit der Familienserie "Oh Gott, Herr Pfarrer" gab Maren Kroymann an der Seite von Robert Atzorn anno 1988 ihren TV-Einstand. Zwei Jahre danach übernahm sie die Titelrolle in "Vera Wesskamp", gefolgt von ihrer eigenen Satiresendung "Nachtschwester Kroymann". Ihr lesbisches Coming-out im Magazin "Stern" sorgte 1993 für Furore.
Seit März 2017 ist die Schauspielerin und Kabarettistin mit der Satiresendung "Kroymann" im Ersten zu erleben. Für die feinsinnig clevere Komik gab es zweimal den Deutschen Fernsehpreis sowie zwei Grimme-Preise in Folge. In diesem Jahr wird die 76-Jährige auch mit dem Hamburg Pride Award geehrt (queer.de berichtete).
Aktuell plaudert Maren Kroymann in "Was haben wir gelacht" gemeinsam u.a. mit Hella von Sinnen und Bettina Böttinger über Machos und miese Pointen im deutschen Unterhaltungsfernsehen der 1990er Jahre. Der Dokumentarfilm von Eva Müller und Isabel Schneider gehörte in der vergangenen Woche zu den queeren Highlights beim Filmfest München (queer.de berichtete).
Vor dem Kinostart am 16. Juli hatten wir die Gelegenheit, uns mit Maren Kroymann zu unterhalten.
Frau Kroymann, zu Ihren jüngsten Auszeichnungen gehören das Bundesverdienstkreuz am Bande, der Dieter-Hildebrandt-Preis, der Grimme-Preis. Andere Leute züchten im Alter Rosen, Sie sammeln Preise?
Von den staatsbürgerlichen Preisen habe ich früher bereits einige bekommen. Die aktuellen Auszeichnungen hängen mit der "Kroymann"-Sendung im Ersten zusammen. Da habe ich einfach Schwein gehabt, dass ich diese Sendung wieder machen durfte. Als alte Frau, die es im Fernsehen eigentlich gar nicht mehr gibt. Ich bin mir bewusst, dass ich eine Ausnahme bin und dass ich Glück hatte. Solche Bestätigungen sind großartig. Nie im Leben dachte ich, einen Grimme-Preis zu bekommen. Ich wusste, ich gehöre zu denen, die nie einen kriegen. Deswegen ist das etwas ganz Besonderes.
Als jüngster Preis kommt der Hamburg Pride Award hinzu. Welche Bedeutung hat das für Sie?
Dass man sich an mein Coming-out vor mittlerweile 34 Jahren erinnert, finde ich wunderbar. Diese Würdigung von Wegbereiter-Biografien gefällt mir sehr gut. Die Jüngeren kennen meine Arbeiten von damals wahrscheinlich gar nicht mehr. Da ist es natürlich besonders schön, dass im neuen Film "Was haben wir gelacht" einige zu sehen sind. Zum Glück gibt es im Internet eine Art Parallelexistenz mit Kroymann-Sketchen. Und deswegen kennen mich vielleicht doch mehr, als ich vermute.
In "Was haben wir gelacht" sagen Sie zum Auftakt: "Die erste lustige Frau in meinem Leben war meine Mutter." Wie hat sich dieser Humor ausgedrückt?
Meine Mutter hat ganz viel nachgemacht. Sie konnte perfekt eine Tante imitieren, die ein bisschen hochnäsig war und dabei nicht besonders schlau. Mit zittriger Stimme hat sie diese leichte Arroganz nachgespielt, und wir haben alle gelacht. Was Kabarett oder Komödie ist, wusste ich da noch gar nicht. Über Humor wurde nicht geredet, der wurde gemacht. Mein Vater hat gerne gelacht, er mochte zum Beispiel Kästner und Tucholsky sehr. In der ganzen Familie wurde viel gelacht.
|
Es gibt ja die Geschichte vom traurigen Clown. Wahrheit oder Mythos? Sind Sie so lustig wie Ihre Mutter?
Meine Mutter war nicht immer lustig, sie konnte einfach gezielt parodieren. Sie war nicht das, was man eine Frohnatur nennt. Ich selbst bin auch keine Frohnatur, ich bin meistens gut gelaunt und versuche freundlich zu sein, aber ich bin nicht immer lustig drauf. Ich habe Phasen, in denen ich stark an mir selbst zweifle. Es gibt absolut die Momente, in denen ich gar nicht nach außen gehen will, in denen ich mehr introvertiert bin. Als traurigen Clown würde ich das jedoch nicht bezeichnen. Ich bin keine traurige Person, aber ich habe absolut verschiedene Seiten.
In der Doku wird die Gockelhaftigkeit von Gottschalk und Co. vorgeführt. Ist das sexistischer Schnee von gestern? Oder sehen Sie eine Aktualität für heute?
Das ist absolut aktuell. Deswegen ist es so wichtig, dass es diesen Film gerade in diesem Moment gibt, um zu zeigen, wie viele Anknüpfungspunkte es bis heute gibt. Ich glaube, ein Großteil der männlichen Comedians wird schlucken, wenn sie diesen Film sehen. Und sie werden sich überlegen, ob sie sich darüber lustig machen oder ob sie es annehmen und selbst reflektieren. Es wird eine Ablehnung von den alten Macho-Comedians geben, gerade weil es eine große Aktualität gibt, siehe ganz aktuell Dieter Nuhr.
Hat sich die Lage für kreative Frauen nicht insofern verbessert, dass über soziale Medien ein Publikum sehr einfach zu erreichen ist? Die männlichen Windmühlen Ihrer Karriere gibt es nicht mehr.
Da hat sich sehr viel verändert. Da ist eben nicht mehr irgend so ein machomäßiger Fernsehchef, der auswählt und sagt: Die nehmen wir, die sieht gut aus, die lassen wir jetzt mal was machen. Alle können posten, alle können Videos online stellen, es gibt ein so viel breiteres Spektrum an Frauentypen, die sich jetzt äußern. Das ist ein Riesenfortschritt. Was bin ich darüber froh. Auf einmal sieht man viel mehr Frauen, die sich zu verschiedenen Themen äußern, die schreiben und die spielen können. Klar – da sind viele Kanäle, in denen es darum geht, wie man die Nägel pflegt und ob man sich die Lippen aufspritzen lässt. Aber trotzdem sind auch genug da, die politisch sind. Die ganze Generation Fridays for Future etwa ist durch das Internet bekannt geworden. Das gibt mir einfach Hoffnung.
Aktuell feiert das Phänomen der Mannosphäre enorme Erfolge. Wie weit kann da Humor eine Form von Widerstand sein?
Humor kann immer eine Form von Widerstand sein – wenn man das Thema ernst nimmt. Dazu muss man aber erstmal das Problem erkennen, dann haben wir die Chance, unsere Gegenstimmen zu erheben. Ich hoffe, dass dieses Phänomen auf einen bestimmten Kreis beschränkt bleibt und nicht die ganze Gesellschaft ergreift. Dazu ist es wichtig, dass wir alle unsere Haltung, zum Beispiel zur Frage der Geschlechterrollen, weiter vertreten.
Um zum Anfang zurückzukehren: Ein Preis fehlt noch: der Eintrag ins Goldene Buch von Tübingen, wo Sie aufgewachsen sind.
Das fände ich super. Das kann ich ja mal anregen. (lacht)
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
Fr, 01:45h, BR:
The Whale
Darren Aronofskys Film über einen schwer übergewichtigen schwulen Englischlehrer wurde mit drei Oscars ausgezeichnet.
Spielfilm, USA 2022- 5 weitere TV-Tipps für Freitag »














