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Interview
Barrierefreiheit ist ein Grundrecht, kein Prestigeprojekt
Das Inklusive Queere Zentrum ist ein Raum für beHinderte und andere von Ableismus betroffene Queers in Berlin. Wir sprachen mit Leiterin Jeanette Roche über Diskriminierung, Sichtbarkeit und Selbstbestimmung in Szene und Gesellschaft.

Archivbild: Rollifahrerin beim CSD Dessau 2023 (Bild: IMAGO / ZUMA Press Wire / Yauhen Yerchak)
- Von Marcel Malachowski
7. Juli 2026, 07:15h 5 Min.
Nach einer langen Geschichte der Kämpfe für die Rechte von lesbischen Frauen hat sich der Verein RuT – Rad und Tat: Offene Initiative Lesbischer Frauen e.V. in Berlin-Neukölln mit dem Inklusiven Queeren Zentrum (IQZ) in den letzten Jahren immer mehr auch den Themen Inklusion, Altersdiskriminierung, Ableismus und sozialen Fragen zugewendet.
Aus der Selbstbeschreibung für Veranstaltungen im IQZ heißt es: "Du kannst Gleichgesinnte in einem sichereren Raum treffen. Es ist ein Raum für Austausch, Zugehörigkeit und Vernetzung. Wir wollen es uns gemütlich machen! Und wir wollen über Themen sprechen, die uns gerade beschäftigen. (…) Wir freuen uns über Teilnehmende unabhängig von Alter, Geschlecht, Art der Behinderung, Erkrankung, Erfahrung, kultureller Prägung, Herkunft, Religion, Klasse und weiteren Kategorien, in denen Menschen unterdrückt werden."
Wir sprachen mit RuT-Gesamtleiterin Jeanette Roche über "BeHinderung" von Disabled Queers durch die Mehrheitsgesellschaft, über Selbstbestimmung und Sichtbarkeit in der Szene, die politische Hetze gegen Marginalisierte und Selbstbestimmung durch Teilhabe und Solidarität.
Wofür steht denn das RuT heute?
RuT steht heute für einen Ort der Begegnung, Beratung, Kultur und politischen Teilhabe. Unsere Wurzeln liegen in der lesbischen Selbstorganisierung – insbesondere älterer und beHinderter Lesben – und diese Geschichte prägt uns bis heute.
Gleichzeitig möchten wir uns als einen Raum, der Vielfalt ernst nimmt und Inklusion aktiv lebt, verstehen. Mit dem Einzug in das queere Soziokulturelle Zentrum in der Berolinastraße im August 2026 wird dieser Anspruch noch stärker sichtbar. Im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen die Lebensrealitäten von Menschen, die aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung, Alter, BeHinderung oder anderen Faktoren Diskriminierung erfahren.
Neben Beratungs-, Sozial- und Kulturangeboten engagiert sich RuT für gesellschaftliche Teilhabe, selbstbestimmtes Leben, Sichtbarkeit und Solidarität. Wir möchten Brücken zwischen Generationen, Lebensrealitäten und Erfahrungen bauen, die Geschichte lesbischer Selbstorganisation sichtbar halten und zugleich Antworten auf die Herausforderungen und Bedarfe der Community von heute entwickeln.
Ihr seid ja in Eurer Tätigkeit mittlerweile sehr vielfältig aufgestellt. Wie hat sich die queere und die lesbische Szene denn Eurer Beobachtung nach verändert?
Zunächst wäre zu klären, über welchen zeitlichen Bezugspunkt wir sprechen. Insgesamt lässt sich jedoch feststellen, dass Vielfalt innerhalb der lesbischen und queeren Community sichtbarer geworden ist. Fragen von Intersektionalität spielen heute eine größere Rolle als noch vor einigen Jahrzehnten.
Gleichzeitig erleben wir, dass Lesben – insbesondere ältere – in öffentlichen Debatten teilweise weniger sichtbar geworden oder Räume weggebrochen sind. Deshalb halten wir es für wichtig, unterschiedliche Erfahrungen nicht gegeneinander auszuspielen, sondern gemeinsam Räume zu schaffen, in denen verschiedene Generationen und Identitäten miteinander ins Gespräch kommen können. Gerade dieses generationenübergreifende Miteinander gehört seit der Gründung zu den Kernideen von RuT.
Der Berliner Senat wirbt ja nun auch mit den Paralympics für Olympia. Gleichzeitig sind ständig Aufzüge und Rolltreppen im ÖPNV außer Betrieb. Wie passt das zusammen?
Inklusion zeigt sich nicht in großen Symbolen oder einzelnen Sportereignissen, sondern im Alltag. Für beHinderte Menschen entscheidet sich gesellschaftliche Teilhabe oft daran, ob sie selbstbestimmt zur Arbeit, zu Freund*innen, zu Kultur- und Freizeitveranstaltungen oder zu Beratungsstellen gelangen können.
Wenn Barrierefreiheit schon in diesem minimalen baulichen Sinne im Alltag nicht zuverlässig funktioniert, entsteht ein Widerspruch zwischen politischen Leitbildern und der Lebensrealität vieler Menschen. Aus Sicht von RuT wäre deshalb entscheidend, dass Barrierefreiheit im umfassenden Sinne als Grundrecht verstanden wird – nicht als Prestigeprojekt, sondern als dauerhafte Verpflichtung für eine aktive Schaffung einer möglichst inklusiven Gesellschaft auf allen Ebenen.
Wie wichtig ist denn die Sichtbarkeit von "Minderheiten in der Minderheit", vor allem von Disabled in der queeren Community?
Sie ist zentral. Menschen sind nie nur lesbisch, nur queer oder nur beHindert. Viele erleben gleichzeitig unterschiedliche Formen von Diskriminierung und Ausgrenzung.
RuT entstand gerade deshalb, weil beHinderte und ältere Lesben selbst innerhalb bestehender Strukturen unsichtbar blieben. Sichtbarkeit bedeutet nicht nur Repräsentation, sondern auch die Möglichkeit, Angebote, Politik und Gemeinschaft aus den eigenen Erfahrungen heraus mitzugestalten. Echte gesellschaftliche Teilhabe aller entsteht nur, wenn diejenigen, um die es geht, tatsächlich mit am Tisch sitzen.
Und warum ist aber auch Neurodivergenz ein wichtiges Thema?
Neurodivergente Menschen begegnen häufig Barrieren, die weniger sichtbar sind als eine Treppe vor einem Gebäude. Dazu gehören unter anderem Kommunikationsformen, gesellschaftliche Erwartungen oder fehlendes Verständnis für unterschiedliche Wahrnehmungsweisen.
Ein inklusiver Ansatz bedeutet, Vielfalt auf allen Ebenen des menschlichen Seins in der Welt zu denken. Wenn wir über Teilhabe sprechen, sollten wir deshalb immer fragen, welche Menschen durch bestehende Strukturen ausgeschlossen werden – unabhängig davon, ob diese Barrieren sichtbar oder unsichtbar sind.
Die Gesellschaft wirkt aggressiver, soziale Leistungen stehen unter Druck. Viele Disabled leben von Grundsicherung. Wie betrachtet Ihr solche Debatten?
RuT beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen Frauenarmut, Alter, BeHinderung und gesellschaftliche Teilhabe. Menschen, die ohnehin strukturell benachteiligt sind, dürfen nicht die Leidtragenden politischer Kürzungsdebatten sein.
Aus einer menschenrechtlichen und sozialpolitischen Perspektive sollte das Ziel immer sein, ein selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Wenn Debatten dazu führen, dass Menschen gegeneinander ausgespielt werden oder Armut als individuelles Versagen dargestellt wird, verstärkt das Ausgrenzung statt gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Was würdet Ihr Euch für ein noch besseres Miteinander innerhalb der queeren Community wünschen?
Wir würden uns wünschen, dass innerhalb der Community weniger Energie in Abgrenzungsdebatten und mehr Energie in gemeinsame Anliegen fließt. Die Community ist vielfältig, Lebensrealitäten sind unterschiedlich, aber bei Themen wie Teilhabe, Barrierefreiheit, sozialer Absicherung und dem Schutz vor Diskriminierung gibt es viele gemeinsame Interessen, Bedarfe und Anliegen, auf denen Solidarität und Zusammenarbeit aufbauen kann. Besonders im momentanen politischen Klima sollten wir mehr daran arbeiten, als Community zusammenzustehen, Ressourcen zu teilen und uns wohlwollend zu begegnen.
Die Geschichte queerer Bewegungen zeigt, dass Fortschritt oft dann entstanden ist, wenn Solidarität größer war als die Unterschiede.














