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Serientipp

Plötzlich Vaterpflichten statt schwuler Orgien

Als seine Schwester überraschend stirbt, muss ein junger Partyschwuler sich um seine kleine Nichte kümmern. Die polnische HBO-Miniserie "Proud" zeigt Filips allmählichen Wandel – und sein Ringen mit den zutiefst konservativen Adoptionsbehörden.


Filip (Ignacy Liss) kümmert sich um Tosia (Alicja Lewczuk), die Tochter seiner verstorbenen Schwester (Bild: HBO Max)

Filip (Ignacy Liss) ist jung, sieht gut aus und lässt es gerne krachen. Ein bisschen Geld verdient als er Model, ansonsten hat er Spaß an Partys, mit Drogen und reichlich Sex. Da er notorisch knapp bei Kasse ist, lässt seine Schwester Anka (Sylwia Boron) ihn bei sich und ihrer kleinen Tochter Tosia (Alicja Lewczuk) wohnen. Aber weil Filip sich auch dort um nichts kümmert, hat die alleinerziehende Mutter schließlich die Nase voll und wirft ihn raus.

Filip kann das zuerst nicht recht glauben, denn die beiden sind als Waisen in einem Heim aufgewachsen, und seine ältere Schwester hat ihn sozusagen mitgroßgezogen. Die jedoch meint es ernst. Was ihn allerdings nicht daran hindert, auch die nächste Nacht durch die Clubs zu ziehen bis ihn am frühen Morgen ein Anruf aus einer Klinik erreicht: Seine Schwester sei gerade dort eingeliefert worden und eben gestorben.

Der Nichte das Waisenhaus ersparen


Die achtteilige Dramaserie "Proud" kann seit 12. Juni 2026 bei HBO Max gestreamt werden. Jede Woche erscheint eine neue Episode

Die flüchtige Partybekanntschaft Pawel (Mateusz Wieclawek) fährt den schockierten, immer noch berauschten Filip zur Klinik, wo man ihm Ankas Leiche zeigt und ihm ihre persönlichen Gegenstände übergibt. Danach geht er halb betäubt nach Hause, löst den Babysitter ab und sitzt mit seiner Nichte Tosia allein da.

Die folgenden Tage sind chaotisch: Filip muss sich um Tosia kümmern, eine Beerdigung organisieren und plötzlich unbedingt auch Geld verdienen. Zum Glück haben er und seine verstorbene Schwester einen Kreis von Freund*­innen, die helfen, wo sie können. Filip versucht zuerst, Tosias Vater davon zu überzeugen, seine Tochter aufzunehmen, doch der lehnt dies rundweg ab: Er habe nie ein Kind gewollt, dies sei ganz allein Ankas Entscheidung gewesen. Damit droht Tosia das Waisenhaus oder eine Fremdadoption. Beides Szenarien, die Filip ihr nicht antun will – aus schmerzhafter eigener Erfahrung.

Behördliches Spießrutenlaufen

Zudem realisiert er allmählich, wie sehr er es mag, sich um die Kleine zu kümmern. So beschließt er, Tosia offiziell zu adoptieren – für einen schwulen Single im konservativen Polen ein nahezu aussichtsloses Unterfangen. Eine Anwältin versucht, ihn auf das behördliche Spießrutenlaufen vorzubereiten, und bringt das Problem so auf den Punkt: "Wenn du in diesen Gesprächen ehrlich bist, hast du keine Chance. Denn jeder Idiot kann ein Kind zeugen und ein Elternteil werden – eine Adoption hingegen ist exklusiv für Engel reserviert, auch wenn die nicht existieren." Und keinesfalls dürfe er zugeben, schwul zu sein. Doch dieses geplante Täuschungsmanöver geht schon beim ersten Besuch einer Sozialarbeiterin schief. Was nun?

"Eine solche Serie hat es in Polen noch nie gegeben", sagte Hauptdarsteller Ignacy Liss in einem Interview. "Proud" habe das Potenzial, verschiedene Sichtweisen zu beleuchten und zu zeigen, "dass man miteinander reden kann – und sollte." Im Idealfall kann diese eindrückliche, berührende Serie im konservativen Polen fruchtbare Diskussionen auslösen.

Kein Schutz für Regenbogenfamilien in Polen

Es gibt dort für gleichgeschlechtliche Paare noch keine rechtliche Regelung – die aktuelle Regierung möchte dies jedoch ändern (queer.de berichtete). Erst kürzlich hat ein Standesamt in Warschau nach jahrelangem Rechtsstreit erstmals eine in Deutschland geschlossene Ehe zweier Männer offiziell eingetragen (queer.de berichtete). Die Grundlage dafür waren Gerichtsurteile, unter anderem eines des Europäischen Gerichtshofs. Ebenso schwierig bleiben Adoptionen, auch wenn laut Schätzungen in Polen rund 50.000 Kinder in Regenbogenfamilien aufwachsen, allerdings konfrontiert mit vielen Vorurteilen und bisher ohne rechtlichen Schutz.

Das gesellschaftliche Timing von "Proud" ist also ideal. Und die Serie schreckt auch nicht davor zurück, das hedonistische schwule Partyleben realistisch abzubilden, auch wenn das für das polnische Mainstream-Publikum wohl eher ungewohnt sein dürfte: Schon in den ersten fünf Minuten der ersten Folge gibt's eine kleine Orgie.

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Preise – und Kontroversen

Doch "Proud" zeigt eben auch, wie die neue Verantwortung Filip verändert – und wie aus dem wilden, selbstbezogenen Partyboy nach und nach ein Mensch wird, der alles dafür gibt, seiner kleinen Nichte ein liebevolles Umfeld und einen guten Start ins Leben zu bieten, egal wie viele Steine ihm in den Weg gelegt werden. Zudem scheinen sich zwischen Filip und Pawel, der flüchtigen Partybekanntschaft aus der Todesnacht, nach und nach Gefühle zu entwickeln. Entsteht da gerade eine neue Regenbogenfamilie?

Die für Polen revolutionäre Serie hat dieses Jahr am Series Mania Festival in Lille, Europas wichtigstem TV-Festival, den Hauptpreis gewonnen; Ignacy Lyss wurde zudem zum Besten Hauptdarsteller gekrönt. In Polen selbst löste "Proud" gemischte Reaktionen aus. Aber Kontroversen um queere Filme oder Serien haben schon in einigen Ländern eine Bewegung in die richtige Richtung ausgelöst – gut möglich, dass im Rückblick auch "Proud" einen Beitrag zur dringend nötigen Liberalisierung in Polen geleistet haben wird.

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