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Kinotipp
Der schwule tote Onkel und die lesbische Nichte
Lilia reist von Paris nach Tunesien zur Beerdigung ihres Onkels. Ihre Partnerin ist dabei, soll die Familie aber nicht treffen. Im Drama "Mit leiser Stimme" kommen mehrere Lebensgeheimnisse ans Licht – mit Folgen für eine ganze Familie.

Die lesbische Lilia (Eya Bouteraa, r.) reist zur Beerdigung ihres Onkels nach Tunesien (Bild: Unite)
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8. Juli 2026, 05:10h 5 Min.
In manchen Momenten hilft ein selbstgemixter Mojito. Lilias Tante scheint den Cocktail immer dann zu servieren, wenn man ihn gerade braucht. So auch am ersten Abend, den Lilia wieder in Tunesien verbringt. Die junge Ingenieurin kam heute aus Paris, weil ihr Onkel Daly gestorben ist.
Gerade telefoniert sie auf dem Balkon mit ihrer Partnerin Alice. Die kam zwar mit nach Tunesien, übernachtet aber in einem Hotel. Denn die Familie darf nicht wissen, dass Lilia (gespielt von der Newcomerin Eya Bouteraa) lesbisch ist. Fast schon heiter tritt ihre Tante auf den Balkon, schneidet die Minze ab und bietet der Nichte einen Drink an.
Auf einmal klingelt die Polizei
Die Reise wird anstrengend, das ist Lilia klar. Der Todesfall, ihre trauernde Mutter und Großmutter, dazu das Doppelleben, das sie hier leben muss. Die Fragen nach Kindern und Partnern. Doch der Aufenthalt in der Hafenstadt Sousse, 130 Kilometer südlich der Hauptstadt Tunis, wird ihr noch näher gehen, als sie dachte.
Denn plötzlich stehen zwei Polizisten vor der Tür. Dass Onkel Daly halbnackt tot aufgefunden wurde, kommt den Beamten komisch vor. Es gibt zwar keine Spuren von Gewalt. Doch, drucksen die Ermittler herum, man habe etwas über die Sexualität des Toten herausgefunden. Dass er schwul war, rücke den Fall in ein ganz anderes Licht.
Die nicht verschickten Briefe

Poster zum Film: "Mit leiser Stimme" startet am 9. Juli 2026 bundesweit im Kino
Lilia wusste das nicht, die anderen wohl schon. Der Konflikt um die Homosexualität des Onkels spaltet auch nach dessen Tod die Familie. Lilia möchte jetzt mehr über Daly, den sie nicht gut kannte, erfahren. Sie betrachtet alte Fotos, liest nicht verschickte Briefe, fragt ihre Mutter aus – und blickt jetzt mit anderen Augen auf sie.
Das französisch-tunesische Drama "Mit leiser Stimme" erkundet, wie sich Dynamiken in Familien verändern, wie Konflikte teils ein Leben lang bestehen, aber auch unvorhergesehen umschlagen können. Was die einzelnen Verwandten denken, ist vielschichtig und weit weg von Klischees.
Die Großmutter, eine eiserne Matriarchin
Das zeigt schon die Mojito servierende Tante, für die Alkohol kein Problem ist, in anderen Fragen aber deutlich konservativer denkt. Oder die Tatsache, dass Lilias geschiedener Vater mehr von ihr weiß als ihre Mutter. Gerade die Großmutter Néfissa ist als eiserne Matriarchin eine Figur voller Reibung, die sowohl herzlich umarmt als auch gnadenlos abstraft – in Blicken wie in Taten.
"Mit leiser Stimme" zeigt darüber hinaus eine Gesellschaft, in der queeres Leben nach wie vor tabuisiert und kriminalisiert wird. Auf die Polizei ist kein Verlass, die staatlichen Stellen sind korrupt und beeinflussbar. Wer nach Gerechtigkeit sucht, muss selbst handeln – so wie Lilia.
Die kleine queere Community
Sie sucht nach alten Bekannten ihres Onkels, um sein berührendes Schicksal zu ergründen. Dabei taucht sie auch in die kleine queere Subkultur von Sousse ein. Denn natürlich leben auch hier queere Menschen, versteckt, aber stolz. Für sie ist "Vagina" ein Kompliment und sie machen sich lustig über französische – also unbeschnittene – Schwänze. Sassy und schamlos – das gibt es auch hier. Diese Szenen gehören zu den besten des Films, gerade weil sie so überraschen.
Ansonsten stützt sich die tunesische Regisseurin Leyla Bouzid für ihren dritten Spielfilm auf bekannte Muster queerer Coming-of-Age- und Coming-out-Geschichten. Die Konflikte von Lilia und ihrer Partnerin Alice gehören zu den eher erwartbaren Teilen. Doch weil die Stimmung so manche Anleihen an einem Thriller nimmt, bleibt "Mit leiser Stimme" spannend.
Die Dornen sind nicht der einzige Schmerz
Auch visuell überzeugt der Film: Ein Museumsbesuch führt zu antiken Mosaiken, etwa von Medusa, die mit ihren Schlangenhaaren auch für weibliche Wut und Widerstand steht. Das kleine Haus der Großmutter – inspiriert vom Haus, in dem die Regisseurin ihre Sommer verbrachte – ist ein lebendiger, familiärer, fast museumswürdiger Ort voller Wärme. Das cleane Hotelzimmer, in dem Alice unterkommt, bildet einen starken Kontrast dazu – der Gegensatz aus Alteingesessenen und Tourist*innen, die vielleicht ein Stück Moderne ins Land bringen.
Viele Bilder tragen zudem einen hohen Symbolgehalt in sich: Insbesondere die Farben stehen für Abneigung oder Zugehörigkeit. Und wenn Lilias Mutter ihr Dornen aus der Hand zieht, ist das nicht der einzige Schmerz, von dem sie ihre Tochter befreit.
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"Diese beiden verliebten Frauen in Tunesien existieren nicht"
Es ist auffällig, dass das französischsprachige Kino nach "Die jüngste Tochter" erneut weibliche Homosexualität in einer muslimischen Kultur behandelt. Die Hauptfiguren beider Filme emanzipieren sich, ohne ihre Herkunft zu vergessen.
"Mit leiser Stimme" mag vielleicht keine visionäre Form der Erzählung finden, doch der politische Gehalt ist nicht zu unterschätzen – was man schon daran merkt, wie schwierig es war, Darsteller*innen für den Film zu finden.
Oder wie es Regisseurin Leyla Bouzid ausdrückt: "Diese beiden verliebten Frauen in Tunesien existieren nicht. Sie existieren auch nicht in Darstellungen oder in Filmen, die in arabischen Ländern gedreht werden. Konfrontiert mit Dalys unerfüllter, frustrierter Liebe, werden sie Licht bringen, zu ihrer Liebe stehen und sanft ihre Revolution vollziehen."
Mit leiser Stimme. Drama. Frankreich, Tunesien 2026. Regie: Leyla Bouzid. Cast: Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau, Fériel Chammari, Salma Baccar, Lassaad Jamoussi, Karim Rmadi. Laufzeit: 113 Minuten. Sprache: Originalfassung in Arabisch und Französisch mit deutschen Untertiteln. FSK 0. Verleih: Neue Visionen. Kinostart: 9. Juli 2026
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine auf der Homepage von Neue Visionen
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