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Wahl zum Abgeordnetenhaus
Wird Berlin bald wieder schwul regiert?
Nach dem Rückzug von Kai Wegner soll Finanzsenator Stefan Evers die Berliner CDU in den Wahlkampf führen. Mit Werner Graf haben auch die Grünen einen schwulen Kandidaten für das Amt des Regierenden Bürgermeisters.

Archivbild: Berlins Finanzsenator Stefan Evers (CDU) hisst die Regenbogenflagge zum IDAHOBIT 2023 (Bild: Senatsverwaltung für Finanzen)
- 11. Juli 2026, 05:29h 5 Min.
Der Berliner Finanzsenator Stefan Evers soll CDU-Spitzenkandidat für die Wahl zum Abgeordnetenhaus im September werden. Darauf einigten sich die CDU-Kreisvorsitzenden am Freitagabend, wie CDU-Fraktionschef Dirk Stettner am Rande des Treffens sagte. Sie sprachen sich für Evers als Nachfolger von Kai Wegner aus, der die Kandidatur nach wachsender Kritik an seinem Krisenmanagement während des Stromausfalls im Januar aufgegeben hatte (queer.de berichtete). Endgültig über die Spitzenkandidatur entscheidet der CDU-Landesvorstand voraussichtlich am Montag.
Mit der Nominierung von Evers verdoppeln sich die Chancen, dass Berlin künftig wieder schwul regiert wird. Die Grünen hatten bereits im vergangenen November ihren schwulen Fraktionsvorsitzenden Werner Graf als Kandidaten für das Amt des Regierenden Bürgermeisters aufgestellt (queer.de berichtete). Mit dem SPD-Politiker Klaus Wowereit stand von 2001 bis 2014 erstmals ein offen homosexueller Politiker an der Spitze des Berliner Senats.
Evers und LSU bedanken sich bei Kai Wegner
Stefan Evers will seine Partei im Wahlkampf wieder nach vorn bringen. Die CDU werde bis zur Wahl am 20. September viel erreichen können, wenn sie sich geschlossen, motiviert und mit Blick auf das Wesentliche präsentiere, sagte er am Abend nach der Sitzung der CDU-Kreisvorsitzenden. "Ich bin bereit, diese Verantwortung zu übernehmen."
Er freue sich, dass die Kreisvorsitzenden geschlossen hinter ihm stünden, so Evers. Er übernehme die Spitzenkandidatur und kommissarisch auch den CDU-Landesvorsitz in einer ausgesprochen schwierigen Situation.
"Wir arbeiten, wir machen Fehler", sagte Evers, der Wegner für dessen "erfolgreiche Arbeit" dankte. "Wenn ein Punkt erreicht ist, an dem die Diskussion über Fehler aber den Blick auf das Wesentliche verstellt, dann muss man sich gemeinsam darüber klar werden, wie wir es schaffen, dass wir in dieser Stadt wieder über das sprechen, worauf es ankommt." Für die CDU gelte es nun, den Blick nach vorn zu richten.
In einer Pressemitteilung bedankte sich auch der Landesverband der Lesben und Schwulen in der Union bei Kai Wegner. Seinen Rückzug nehme man "mit großem Respekt" zur Kenntnis. "Wir, aber auch ich ganz persönlich, danken Kai Wegner für die vertrauensvolle Zusammenarbeit der vergangenen Jahre", erklärte der Landesvorsitzende René Powilleit. "Er hat sich gegenüber der LSU und ihren Anliegen jederzeit offen, fair und konstruktiv verhalten. Gemeinsam konnten wir vieles bewegen und wichtige Impulse für Berlin setzen."
In der CDU blickt Evers auf eine lange Parteikarriere zurück
Bei der Frage, wer in der Berliner CDU für noch höhere Ämter geeignet wäre, fiel in der Vergangenheit schon häufig der Name Stefan Evers. Allerdings muss der 46-Jährige in den kommenden drei Monaten eine Aufholjagd hinlegen, die auch deshalb nicht einfach werden dürfte, weil der Finanzsenator bislang nicht zu den prominentesten Landespolitiker*innen zählt. Andererseits trauten viele in der CDU Wegner nicht mehr zu, die Partei aus dem Umfragetief zu führen, und setzen nun große Erwartungen in den neuen Spitzenkandidaten. Evers hat den Vorteil, mit keinem der Vorwürfe gegen Wegner in Verbindung zu stehen.

Stefan Evers ist seit April 2023 Bürgermeister sowie Senator für Finanzen und seit April 2026 zudem Senator für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt des Landes Berlin (Bild: Paul Schneider)
Stefan Evers wurde in Herdecke in Nordrhein-Westfalen geboren, lebt aber bereits seit 1999 in Berlin. Er studierte Rechtswissenschaften an der Universität Potsdam und arbeitete anschließend als Referent im Deutschen Bundestag. In der CDU blickt er auf eine lange Parteikarriere zurück: Seit 2011 ist er Mitglied des Landesparlaments und startete dort gleich als stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Von 2018 bis 2023 war er parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion, von Dezember 2016 bis Herbst 2023 Generalsekretär der Landespartei. Bei der Wiederholungswahl im Februar 2023 holte er mit 32,7 Prozent das Direktmandat im Wahlkreis Treptow-Köpenick 3 (queer.de berichtete). Wegner holte ihn daraufhin in sein Regierungsteam. Im Landesvorstand der CDU ist Evers bislang einer der Stellvertreter.
Gerade in Wahlkämpfen hat sich Evers profiliert, nicht zuletzt durch scharfe Attacken auf politische Gegner*innen. Er gilt als jemand, der den Finger in die Wunde legt – auch wenn es anderen wehtut. Sein Ruf: fachlich kompetent, schnell im Denken und im Reden. Regierungschef Wegner kennt ihn schon lange und konnte sich auf seine Loyalität verlassen. Inhaltlich lagen beide meist auf einer Linie, weshalb von Evers kein größeres Umsteuern bei den politischen Zielen zu erwarten ist – abgesehen davon, dass er als Finanzsenator regelmäßig lauter als andere darauf hinwies, dass Geld nicht auf den Bäumen wächst.
Ein CDU-Queerpolitiker ohne Berührungsängste
In den vergangenen Jahren prägte Stefan Evers auch die Queerpolitik der Berliner CDU. Zu Zeiten der früheren Großen Koalition legte er 2015 zusammen mit seinem SPD-Kollegen Tom Schreiber den politischen Grundstein für das später an der Community gescheiterte Elberskirchen-Hirschfeld-Haus (queer.de berichtete). Beim Mitgliederentscheid der Berliner CDU zur Ehe für alle kämpfte er im selben Jahr innerhalb seiner Partei vergeblich für eine rechtliche Gleichstellung von Lesben und Schwulen (queer.de berichtete).
In einem Gastkommentar auf queer.de forderte Evers 2017 mehr Videoüberwachung als Maßnahme gegen queerfeindliche Gewalt. Die Bekämpfung von Hasskriminalität bezeichnete er auch vor der jüngsten Wahl als Schwerpunktthema der Union. Darüber hinaus wolle er "auch kaum beachtete Themen wie das queere Leben im Alter" stärker in den Fokus rücken.
Zu Berlins eher linker LGBTI-Community pflegt der CDU-Politiker ein sehr entspanntes Verhältnis. So war er im vergangenen Jahr zu Gast in der queeren Talkshow "Margot Schlönzkes Schattenkabinett". Zum CSD oder IDAHOBIT ließ Evers mehrfach Pride-Fahnen vor seiner Senatsverwaltung aufziehen.
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Der Senator ist ein Fan von Ades Zabel
Aufgrund seiner Körpergröße ist der Finanzsenator stets schwer zu übersehen. Dass er im Berliner Senat nicht nur für Finanzen, sondern seit Mai – nach dem Rücktritt von Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson (parteilos) wegen einer Fördermittelaffäre – auch für die Kultur zuständig ist, gilt als ungewöhnliche Kombination. Der Sparfuchs wacht damit selbst über die finanziellen Kürzungen bei Theatern und Museen. Bislang läuft das recht geräuschlos.
Evers ist verheiratet und nicht nur beruflich, sondern auch privat kulturinteressiert. Das queere Theaterstück "Wenn Ediths Glocken läuten" von und mit Ades Zabel im BKA-Theater nannte er im Mai als einen seiner letzten Theaterbesuche – was in der Berliner Presse als positives Zeichen für seine Verbundenheit zur freien Kulturszene gewertet wurde.
Evers gilt zudem als Filmfan und als Tierfreund: Der "Berliner Morgenpost" verriet er, der Tierpark Friedrichsfelde sei für ihn ein magischer Ort, den er schon lange kenne. Seine Favoriten leben in der Himalaya-Anlage: "Für die Roten Pandas komme ich immer gerne her." (mize/dpa)
Links zum Thema:
» Homepage von Stefan Evers














