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Kinotipp
Die Macht des Gelächters
Mit Hella von Sinnen, Maren Kroymann, Bettina Böttinger und weiteren TV-Pionierinnen erzählt die Doku "Was haben wir gelacht" die Geschichte des deutschen Unterhaltungsfernsehens neu – und beleuchtet den mühsamen Kampf um Sichtbarkeit gegen hartnäckige patriarchale Strukturen.

Hella von Sinnen und Thomas Gottschalk in der ZDF-Show "Wetten, dass…?" vom 2. März 1991. Mehr Szenenbilder zeigen wir in der unten verlinkten Galerie (Bild: ZDF-Archiv)
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12. Juli 2026, 10:56h 5 Min.
Schon wer nicht mitlacht, macht sich verdächtig und gilt schnell als Spielverderberin. Wie viel schwieriger muss es da erst sein, selbst auf die Bühne zu treten – und dem geifernden Publikum nicht das zu geben, was es erwartet?
Wer das deutsche Fernsehen der 1980er und 1990er Jahre nicht selbst erlebt hat, mag sich heute kaum mehr vorstellen können, wie sehr Frauen gerade im Unterhaltungsbereich an den Rand gedrängt wurden oder allenfalls als schmückendes Beiwerk mit von der Partie waren. Der Dokumentarfilm "Was haben wir gelacht" der beiden Regisseurinnen Eva Müller und Isabel Schneider führt dies mit erschreckender Deutlichkeit vor Augen.
In rascher Folge ziehen Szenen mit Harald Schmidt, Stefan Raab oder dem mittlerweile für seine übergriffigen Zudringlichkeiten berüchtigten Thomas Gottschalk in "Wetten, dass..?" vorbei. Der Film will dabei allerdings nicht nur zeigen, wie tief der Chauvinismus selbst in der eigentlich familientauglichen Samstagabendunterhaltung verankert war, sondern auch welche Folgen derlei allgemein akzeptierte Bilder haben.
Wut, Schmerz und Analyse
Denn was immer wieder als unterhaltsam, charmant oder auch nur "harmlos" gezeigt wird, prägt unweigerlich auch den Blick auf Männer und Frauen und das Verständnis davon, welche Rollen sie einzunehmen haben. Vor allem Maren Kroymann weist daraufhin, dass Unterhaltung eben nie bloß Unterhaltung ist, sondern gesellschaftliche Erwartungen und Machtverhältnisse fortschreibt.
Die mittlerweile mehrfach mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Kabarettistin ist eine von fünf Kommentatorinnen, die Eva Müller und Isabel Schneider zu Wort kommen lassen. In einem schwarzen Studio sehen sie sich besagte Fernsehausschnitte noch einmal an, reagieren darauf und werden immer wieder mit den Einschätzungen ihrer Kolleginnen konfrontiert. So entsteht, obwohl die Frauen nie gemeinsam vor der Kamera sitzen, ein indirektes Gespräch.
Ein kluger Kniff, denn die unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven verleihen "Was haben wir gelacht" eine zusätzliche Tiefe. Wo Hella von Sinnen vor allem Wut empfindet, analysiert Bettina Böttger die Mechanismen dahinter; und wo Gaby Köster in gewohnt schlagfertiger Manier kommentiert, rufen die Szenen bei Esther Schweins noch immer schmerzliche Erinnerungen hervor.
Eine Existenz, die provoziert

Poster zum Film: "Was haben wir gelacht" startet am 16. Juli 2026 bundesweit im Kino. Vorab gibt es in einigen Städten Previews
Mindestens ebenso sehr, wie dieser Film mit den frauenfeindlichen Mechanismen des deutschen Unterhaltungsfernsehens abrechnet, ist er auch Hommage an dessen weibliche Pionierinnen, die sich unter diesen Bedingungen behaupteten – und Räume öffneten, in denen andere später selbstverständlich auftreten konnten.
Ganz besonderen Respekt ringt dabei der Werdegang von Hella von Sinnen ab, die schon während ihrer Ausbildung als "Putzfrau Schmitz" im Karneval auftrat und davon berichtet, wie die Herren im Saal nahezu automatisch den Saal verließen, um ihr Kölsch vor der Tür zu trinken, sobald sie die Bühne betrat. Wer keine Zoten riss und sich nicht den Erwartungen an eine derbe Männerunterhaltung anpasste, fand erst gar kein Gehör, schildert die Komikerin.
Mehrere Talkshow-Ausschnitte mit ihr machen aber noch etwas Gewichtigeres sichtbar: Wie sehr Hella von Sinnen allein durch ihre schiere Präsenz bei nicht Wenigen unverhohlene Aggression hervorrief. Wer Frauen nur als gefällig, zurückhaltend und lieb lächelnde Staffage akzeptieren konnte, empfand offenbar bereits ihre bloße Anwesenheit als Provokation.
Es wäre allerdings zu bequem, derlei tiefliegende Misogynie für ein überwundenes Phänomen zu halten. Ein Blick in das Fernsehprogramm genügt, um festzustellen, dass die Spielregeln erstaunlich restriktiv geblieben sind: Sichtbarkeit wird Frauen noch immer deutlich leichter zugestanden, wenn sie den gängigen Erwartungen an tradierte Weiblichkeit entsprechen.
Der Backlash folgt sofort
Überhaupt liegt hierin eine der größten Stärken des Ansatzes von Eva Müller und Isabel Schneider: "Was haben wir gelacht" erzählt die Geschichte weiblicher Emanzipation im deutschen Unterhaltungsfernsehen nicht als geradlinige Erfolgsgeschichte – und schon gar nicht als abgeschlossenes Projekt.
Nachdem auffällig viele lesbische Künstlerinnen wie Hella von Sinnen, Maren Kroymann oder auch Bettina Böttinger, die als Talkmasterin neue Akzente setzte, die Möglichkeiten weiblicher Präsenz im Fernsehen erweiterten, folgte prompt eine Art "Gegenbewegung", als zu Mitte der 1990er Jahre das vermeintlich naive "Dummchen" ein erstaunliches Comeback erlebte.
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Verona Pooth etwa wurde mit Formaten wie "Peep!" zum Paradebeispiel einer Medienkultur, die sich zwar als modern und emanzipiert verstand, im Kern aber vor allem mit patriarchalen Vorstellungen weiblicher Unterordnung kokettierte. Besonders bemerkenswert ist es, dass der Film seine eigenen Protagonistinnen an dieser Stelle nicht zu unfehlbaren Kronzeuginnen stilisiert, sondern Raum für (Selbst-)Kritik lässt.
Eine ebenso kluge wie überraschend zeitgemäße Doku
So reflektiert Maren Kroymann etwa, wie sie sich selbst einst an Witzen über Verona Pooth beteiligte. Damit streift "Was haben wir gelacht" auch schwierige Fragen der weiblichen Solidarität – und man wünscht sich, der Film hätte derlei interessante Spannungsfelder noch systematischer vertieft. So folgt der Film eher einer assoziativen Dramaturgie denn einem stringenten Argumentationsfaden.
Den Gesamteindruck schmälert das aber kaum: Eva Müller und Isabel Schneider ist ein ebenso kluger wie überraschend zeitgemäßer Dokumentarfilm gelungen – nicht zuletzt, weil er eindringlich daran erinnert, wie mühsam gesellschaftlicher Fortschritt errungen wird und wie erschreckend schnell er wieder ins Wanken geraten kann.
Was haben wir gelacht. Dokumentarfilm. Deutschland 2026. Regie: Eva Müller, Isabel Schneider. Mitwirkende: Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster, Esther Schweins. Laufzeit: 96 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Port au Prince Pictures. Kinostart: 16: Juli 2026
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