https://queer.de/?58829
Edward W. Godwin und Oscar Wilde
Dandys, Dekadenz und Moderne
Oscar Wilde gilt als Pionier der Ästhetischen Bewegung – und als Wegbereiter eines modernen homosexuellen Selbstverständnisses. Eine aktuelle Ausstellung in Berliner Bröhan-Museum bietet Anlass, beides zusammenzudenken.

Wo homosexuelles Begehren als widernatürlich gilt, wird das Künstliche zum Ort der Freiheit: Plakat der aktuellen Ausstellung "Edward W. Godwin und Oscar Wilde. Dandys Dekadenz Moderne" im Bröhan-Museum
- Von
18. Juli 2026, 07:12h 5 Min.
Sich neu zu erfinden und das eigene Leben öffentlich zu inszenieren, gilt als ein Phänomen unserer Zeit. Dabei dient die Wohnung längst nicht mehr nur als Behausung, sondern als Bühne, ausgestattet mit dem passenden Mobiliar und bewohnt mit der entsprechenden Haltung. Ebenso werden Kleidung, Reisen und Fotografien Teil einer sorgfältig komponierten Selbstdarstellung. All das fügt sich zu einem Bild, das weniger den Alltag zeigen als vielmehr eine Persönlichkeit erschaffen soll.
Was heute wie die Logik sozialer Medien erscheint, wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts von Oscar Wilde vorgelebt. Eines seiner bekanntesten Zitate lautet: "Man sollte entweder ein Kunstwerk sein oder zumindest ein Kunstwerk tragen." So hat sich Wilde nicht nur für sein schriftstellerisches Werk einen Namen gemacht, sondern auch für Porträts, auf denen er in extravaganten Capes posiert. Kaum jemand hat das Ideal, sein eigenes Leben zu stilisieren, so konsequent verkörpert wie er.
Vorreiter der "Ästhetischen Bewegung"

Ein von Oscar Wilde inspiriertes Cape mit der Kostümdesignerin Yvonne Reidelbach im Eingangsbereich der Ausstellung (Bild: Bert Hoffmann)
Damit wurde Wilde weltweit zur archetypischen Figur exzentrischer Selbstdarstellung – und zu einer Projektionsfläche für Ängste und Fantasien darüber, welchen Platz ein homosexueller Mann in der Gesellschaft einnehmen darf und kann. Denn im viktorianischen England war für Oscar Wilde der Kult der Schönheit nicht nur eine Frage des "Lifestyles" oder der Eitelkeit, sondern eine existentielle Form der Selbstbehauptung – eine Antwort auf eine Gesellschaft, die sein gleichgeschlechtliches Begehren nicht nur missbilligte, sondern kriminalisierte.
Wilde wurde zum prominentesten Vertreter der "Ästhetischen Bewegung", und Ästhetik war in diesem Sinne eine Sprache des Indirekten. In ihr sahen viele homosexuelle Männer eine Möglichkeit, ihr gleichgeschlechtliches Begehren anzudeuten – und vielleicht sogar eine Form kollektiver Identität zu entwickeln: etwas, das öffentlich weder ausgesprochen noch verhandelt werden durfte. Die grüne Nelke am Revers, das Tragen einer bestimmten Krawatte oder eigenwillige Ansichten zu Alltag und Kunst wurden zu Zeichen einer Zugehörigkeit, die sich nicht offen benennen ließ. "Es fällt mir von Tag zu Tag schwerer, meinem blauen Porzellan gerecht zu werden", bemerkte Wilde einmal.
Kunst als Ort der Freiheit
Für viele homosexuelle Männer war der Ästhetizismus weit mehr als eine Frage des Geschmacks. Er wurde zu einer Kulturtechnik, mit der sie sich in einer feindlich gesinnten Umwelt ausdrücken und untereinander verständigen konnten. Dient doch im viktorianischen Zeitalter der Verweis auf das Natürliche als moralisches Druckmittel, um einzig und allein die Ehe zwischen Mann und Frau zu legitimieren. Doch wenn das vermeintlich Widernatürliche gegen Homosexualität ins Feld geführt wird, erscheint die Kunst als Ort der Freiheit. Vor diesem Hintergrund gewinnt einer der exzentrischsten Aphorismen Oscar Wildes eine ganz andere Bedeutung: "Die erste Pflicht im Leben besteht darin, so künstlich zu sein wie möglich."
Wie sich dieser Anspruch im Alltag manifestierte, lässt sich in der derzeitigen Ausstellung "Edward W. Godwin und Oscar Wilde. Dandys Dekadenz Moderne" im Berliner Bröhan-Museum beobachten, die noch bis 30. August 2026 zu sehen ist. Zu Beginn des Ausstellungsparcours blickt Oscar Wilde den Besucher*innen gleich mehrfach von großformatigen Plakatwänden entgegen, versehen mit Aphorismen aus seinem literarischen Werk.
"Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol", wird etwa aus dem Vorwort von "Das Bildnis des Dorian Gray" zitiert. "Jene, die sich unter die Oberfläche begeben, tun dies auf eigene Gefahr. Jene, die das Symbol deuten, tun dies auf eigene Gefahr." Kaum ein Satz bringt den Kern des Ästhetizismus besser auf den Punkt – die Oberflächen waren nie nur dekorativ, sondern wollten als Zeichen gelesen werden.
Wildes Zusammenarbeit mit Edward William Godwin

Edward W. Godwin (William Watt, London), Buffet, 1867, Sammlung Ludewig (Bild: Martin Adam, Berlin)
Doch die Ausstellung verzichtet weitgehend auf Deutungen und Lesarten. Sie richtet ihren Blick hauptsächlich auf die Zusammenarbeit von Wilde mit seinem Designer und Innenarchitekten Edward William Godwin, dem Gestalter der Einrichtung von Wildes Haus in der Tite Street, das von Oscar Wilde und seiner Familie bewohnt wurde. Während Wilde an sich selbst als Kunstwerk arbeitete, entwarf Godwin die Bühne, auf der sein Auftraggeber sich inszenieren konnte – oder anders gesagt: Während Wilde den Ästhetizismus verkörperte, schuf Godwin ihm den Raum.
Nicht zufällig hatte sich Godwin als Schöpfer von Bühnenbildern und Kostümen in der Welt des Theaters einen Namen gemacht. Doch er wurde vor allem für seine von japanischen Vorbildern beeinflussten Entwürfe bekannt. Sie verzichteten auf dekorative Überladung und setzten auf klare Linien, Schlichtheit und Minimalismus: Das von allem Überflüssigen befreite Schöne sollte den Alltag durchdringen. Damit nahm Godwin Gestaltungsprinzipien vorweg, die in den folgenden Jahrzehnten die Moderne prägten.
Ein Höhepunkt in Oscar Wildes Wohnhaus war sein von Godwin entworfener Speisesaal. Die Wände, der Fußboden und die wenigen Möbel: alles nahezu komplett in Weißtönen gehalten. Die Gäste zeigten sich irritiert und fasziniert zugleich. Ein solcher Bruch gegenüber der viktorianischen Gestaltung mit ihren dunklen Hölzern, schweren Textilien und ornamentalen Überfülle wirkte auf sie wie ein ästhetischer Schock. Zu Recht gilt dieser Entwurf als ein Wegbereiter für das moderne Interieur-Design. Der Speisesaal markierte den Höhepunkt ihrer Zusammenarbeit.
|
Homosexuelle als die neuen Hüter des Geschmacks
Wilde und Godwin waren eng befreundet. Der Einfluss beider reichte weit über das viktorianische England hinaus – allerdings in unterschiedliche Richtungen. Während Godwins Entwürfe in die gestalterische Moderne führten, hinterließ Wilde sein wichtigstes Vermächtnis auf einem anderen Feld. Vor allem für spätere Generationen homosexueller Männer wurde er zur Symbolfigur einer Ästhetik, die Posen, Übertreibung und Künstlichkeit nicht als Makel verstand, sondern als Gegenbewegung zum vermeintlich Natürlichen.
Als Susan Sontag 1964 ihre "Anmerkungen zu Camp" veröffentlichte, stellte sie ihrem Essay die Widmung "To Oscar Wilde" voran. In ihm erkannte sie eine Schlüsselfigur, in der sich bereits lange zuvor jene ästhetische Haltung verdichtete, die sie unter dem Begriff "Camp" beschrieb. Für Sontag waren schwule Männer nicht bloß Liebhaber eines bestimmten Stils. Sie schrieb ihnen vielmehr eine historische Rolle zu: Nachdem die Aristokratie als kulturelle Elite verschwunden war, erklärte sie Homosexuelle zu den neuen Hütern des Geschmacks – eine These, die vor dem Hintergrund von Oscar Wildes Biografie und dem Ästhetizismus des späten 19. Jahrhunderts umso einleuchtender wirkt.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung "Edward W. Godwin und Oscar Wilde. Dandys Dekadenz Moderne" auf der Homepage des Berliner Bröhan-Museums
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de















