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Gastkommentar
Wenn Freiheit eine Frage des Geldes ist
Ein queerer Pflegevater über seine Wut auf die Spahn-Debatte: Wer Geld hat, kann sich Möglichkeiten erkaufen. Wer Verantwortung übernimmt, muss sich mit Dankbarkeit begnügen.

Alltag einer Regenbogenfamilie: Szene aus der schwedischen Komödie "Patrik 1,5", die im Salzgeber Club gestreamt werden kann (Bild: Salzgeber)
- Von Elias Westfield
18. Juli 2026, 10:28h 6 Min.
Mein erster Gedanke galt dem Kind. Dann kam die Wut.
Das Kind von Jens Spahn und seinem Ehemann trägt keine Verantwortung für die Entscheidungen seiner Eltern oder für die politische Debatte, die nun darüber geführt wird. Es verdient Schutz, Liebe und Respekt – wie jedes andere Kind auch.
Meine Wut richtet sich nicht dagegen, dass zwei Männer Eltern geworden sind. Ich bin selbst queer, verheiratet und Pflegevater. Mein Mann und ich kennen den Wunsch nach einem eigenen Kind. Wir wissen auch, wie wenige realistische Wege queeren Paaren zur Familiengründung offenstehen.
Was mich wütend macht, ist der Unterschied zwischen privater Freiheit und politischer Verantwortung.
Jens Spahn ist kein gewöhnlicher Privatmann. Er gehört zu den mächtigsten Politikern Deutschlands. Gleichzeitig konnte er einen Weg zur Elternschaft nutzen, der sehr hohe Kosten, rechtliche Beratung und internationale Kontakte voraussetzt. Den allermeisten queeren Paaren steht dieser Weg nicht offen.
Andere Regeln für Menschen mit Geld
Die CDU hält am Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland fest – auch an der Ablehnung streng regulierter altruistischer Modelle. Jens Spahn konnte diese politische Realität für sich überwinden, indem er eine Möglichkeit im Ausland nutzte.
Das ist nicht strafbar. Aber es ist politisch relevant.
Verbote und Beschränkungen wirken für vermögende Menschen anders als für alle anderen. Wer genug Geld besitzt, kann Grenzen überwinden, Fachleute beauftragen und private Lösungen erschließen. Wer diese Möglichkeiten nicht hat, muss sich mit den bestehenden Regeln abfinden.
Spahn erklärt, aus seinem Privatleben keine politischen Forderungen ableiten zu wollen. Genau darin liegt das Problem: Er hat seine persönliche Freiheit genutzt, ohne daraus Verantwortung für Menschen abzuleiten, denen diese Freiheit aufgrund politischer Entscheidungen und fehlenden Vermögens verwehrt bleibt.
Pflegekinder sind kein moralischer Ersatzweg
Niemand darf Jens Spahn oder seinem Ehemann vorwerfen, kein Pflegekind aufgenommen zu haben.
Pflegekinder sind keine Ersatzlösung für einen unerfüllten biologischen Kinderwunsch. Sie haben eine eigene Geschichte, eine Herkunftsfamilie und häufig Erfahrungen mit Trennung, Vernachlässigung oder Gewalt. Pflegeelternschaft verlangt eine bewusste Entscheidung für ein Kind mit seiner gesamten Biografie. Sie kann niemandem moralisch verordnet werden.
Trotzdem darf man fragen, welchen Stellenwert unsere Gesellschaft den Familien gibt, die diese Verantwortung tatsächlich übernehmen.
Mein Mann und ich haben einem Pflegekind dauerhaft ein Zuhause gegeben. Unser Kind benötigt aufgrund einer Behinderung besonders viel Begleitung und Unterstützung.
Wir organisieren Betreuung, Therapien, Schule und Arzttermine. Wir stellen Anträge, führen Gespräche mit Behörden und kämpfen um Entlastung und Teilhabe. Wenn eine Hilfe abgelehnt wird, verschwindet der Bedarf nicht. Wenn eine Betreuung ausfällt, können wir unser Kind nicht sich selbst überlassen. Wenn Behörden über Zuständigkeiten streiten, müssen wir die Versorgung trotzdem sicherstellen.
Die Lücke schließen am Ende wir – mit unserer Zeit, unserer Kraft und häufig auch unserem Geld.
Wir arbeiten bereits
Gleichzeitig hören Familien von der Bundesregierung, dass sie mehr arbeiten und mehr Eigenverantwortung übernehmen müssten. Die sozialen Sicherungssysteme müssten günstiger werden.
Aber Familien arbeiten längst.
Nach der Erwerbsarbeit beginnt die unbezahlte Sorgearbeit: Kinder betreuen, Angehörige pflegen, Therapien organisieren, Anträge schreiben und Ausfälle öffentlicher Angebote auffangen. Diese Arbeit erscheint auf keiner Lohnabrechnung und wird in Debatten über Produktivität kaum berücksichtigt. Dennoch könnte unsere Gesellschaft ohne sie nicht funktionieren.
Für Pflegefamilien wird dieser Widerspruch besonders sichtbar. Der Staat sucht Menschen, die Kindern mit schweren Erfahrungen ein stabiles Zuhause geben. Anschließend behandelt er diese Familien häufig wie eine nahezu unbegrenzt belastbare und kostengünstige Ersatzstruktur.
Anerkennung gibt es in Sonntagsreden. Bei notwendigen Hilfen beginnen Kostenprüfungen und Zuständigkeitsdebatten.
Ungleichheit zeigt sich erst im Familienalltag
Soziale Ungleichheit zeigt sich nicht nur darin, wer sich welchen Weg zur Elternschaft leisten kann. Sie zeigt sich vor allem danach – im täglichen Leben von Familien.
Familien mit Kindern, die eine Behinderung oder einen hohen Unterstützungsbedarf haben, können fehlende öffentliche Angebote nicht einfach durch mehr Flexibilität ausgleichen. Wenn Betreuung ausfällt, eine Assistenz nicht bewilligt wird oder eine Schule keine ausreichende Unterstützung bereitstellt, bleibt der Bedarf bestehen.
Das Kind muss weiterhin betreut, begleitet und geschützt werden.
Diese Verantwortung verschwindet nicht, weil ein Amt nicht zuständig sein will oder eine Leistung zu teuer erscheint. Sie landet bei Eltern und Pflegeeltern – zusätzlich zu Erwerbsarbeit, Haushalt und dem gewöhnlichen Familienalltag.
Wer über ein hohes Einkommen verfügt, kann manche Lücken privat schließen: Betreuung einkaufen, Arbeitszeit reduzieren oder spezialisierte Beratung bezahlen. Viele Familien können das nicht. Sie arbeiten selbst weniger, verzichten auf Einkommen und gefährden damit ihre soziale Absicherung.
Gerade Familien mit behinderten Kindern geraten so in einen Kreislauf: Je mehr Unterstützung das Kind benötigt, desto weniger Erwerbsarbeit ist häufig möglich. Je weniger Erwerbsarbeit möglich ist, desto stärker ist die Familie auf verlässliche öffentliche Hilfen angewiesen. Werden genau diese Hilfen begrenzt, wird aus einem Unterstützungsbedarf schnell eine existenzielle Bedrohung.
Pflegefamilien sind damit nicht allein. Der Widerspruch betrifft Eltern behinderter Kinder, Alleinerziehende, pflegende Angehörige und alle Familien, deren Alltag sich nicht nach den üblichen Vorstellungen von Vollzeitbeschäftigung, Flexibilität und Selbstorganisation richten lässt.
Politik darf Familien nicht dafür bestrafen, dass sie Verantwortung übernehmen.
Das Kind ist nicht das Problem
Die Debatte darf nicht auf dem Rücken des Kindes geführt werden. Auch persönliche Angriffe auf Spahns Ehemann führen am politischen Problem vorbei.
Die Verantwortung trägt Jens Spahn als Spitzenpolitiker. Er muss erklären, wie seine persönliche Entscheidung zur Haltung seiner Partei passt. Er muss erklären, ob seine eigene Erfahrung seine politische Haltung verändert hat. Und er muss erklären, wie seine Fraktion Familien schützen will, die sich private Lösungen nicht leisten können.
Mein Pflegekind ist kein Trostpreis und kein Ersatz für ein anderes Leben. Es ist unser Kind.
Aber unsere Familie erlebt täglich den Unterschied zwischen politischer Anerkennung und tatsächlicher Unterstützung. Wer Geld besitzt, kann sich Möglichkeiten eröffnen. Wer gesellschaftliche Verantwortung übernimmt, soll sich häufig mit Dankbarkeit begnügen.
Familienpolitik darf diesen Unterschied nicht hinnehmen. Freiheit darf keine Frage des Kontostands sein. Und politische Verantwortung darf nicht dort enden, wo das eigene Privileg beginnt.
Unser Gastautor Elias Westfield ist queerer Pflegevater und schreibt über Familienpolitik, Teilhabe und soziale Gerechtigkeit. Er veröffentlicht unter Pseudonym, um die Privatsphäre seines Pflegekindes und seiner Familie zu schützen. Seine Identität ist der Redaktion bekannt.














