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Interview

Schwuler CSU-Politiker über Leih­mutter­schaft: "Wir haben uns bewusst dafür entschieden"

Mathias Ihle, Gastronom aus Leipheim und Ex-CSU-Ortsverbands-Vorsitzender, wurde nahezu zeitgleich mit Jens Spahn Vater durch eine Leihmutter in den USA. Im Interview erklärt er seine Beweggründe und äußert sich zur aktuellen Debatte.


Mathias Ihle (l.), sein Partner (r.) und die "Leihmama" während der Schwangerschaft (Bild: privat)

Seit einer Woche kommt man in Deutschland am Thema Leih­mutter­schaft kaum vorbei. Anlass dafür ist die Nachricht, dass der CDU-Politiker Jens Spahn und sein Ehemann Daniel Funke am 15. Juli bekanntgegeben haben, Eltern eines Sohnes geworden zu sein – geboren durch eine Leihmutter in den USA (queer.de berichtete). Brisant ist dabei vor allem, dass Spahn sich früher selbst gegen Leih­mutter­schaft ausgesprochen hatte. Nun wird ihm von vielen Seiten Doppelmoral vorgeworfen. Die öffentliche Empörung führte schließlich dazu, dass er drei Tage später als Unions-Fraktionschef zurücktrat (queer.de berichtete).

Doch der Fall hat weit größere Folgen: Seitdem wird in Deutschland intensiv über Leih­mutter­schaft und die damit verbundenen ethischen Fragen diskutiert. Zahlreiche Ethiker*­innen, NGOs und Fachverbände melden sich zu Wort – überwiegend kritisch – und beleuchten die moralischen, sozialen und rechtlichen Spannungsfelder, die mit dieser Praxis verbunden sind (queer.de berichtete).

Kürzlich stieß unsere Redaktion auf Instagram auf das Profil eines Leipheimer Gastronomen, der ebenfalls Vater eines Kindes geworden ist, das durch eine Leihmutter in den USA zur Welt kam. Dabei handelt es sich um Mathias Ihle (38), der sich gemeinsam mit seinem Partner bewusst für diesen Weg entschieden hat. Ihle war Vorsitzender der CSU Leipheim und bei der Kommunalwahl im März 2026 Kandidat für den Kreistag des Landkreises Günzburg.

Um seine Beweggründe besser zu verstehen und seine Perspektive auf die aktuelle Debatte sowie die zahlreichen Kritiken einordnen zu können, führten wir mit Mathias Ihle ein ausführliches Interview.

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Mathias, du hast kürzlich auf Instagram geteilt, dass dein Partner und du durch eine Leihmutterschaft Eltern geworden seid. Wann habt ihr diese Entscheidung getroffen und wie ist der Prozess anschließend abgelaufen?

Wir haben uns vor 2,5 Jahren dafür entschieden, per Leihmutterschaft in den USA Eltern zu werden. Wir haben uns verschiedenste Agenturen angeschaut und uns intensiv mit dem Thema befasst. Leider gibt es keine Agentur, die sich um alles kümmert. Das bedeutet, man muss Leihmutteragentur, IVF-Klinik, Versicherungen, Anwält*innen und Eizellspenderin zusammenbekommen. Uns war es wichtig, Leihmama und Eizellspenderin vorab kennenzulernen. Daher haben wir diese Anfang 2024 in den USA getroffen.

Warum habt ihr euch damals ausgerechnet für eine Leihmutterschaft entschieden und nicht für einen anderen Weg wie etwa eine Adoption?

Wir haben uns Adoption sowie Pflegekindermodelle genau angeschaut und dazu auch Beratungstermine wahrgenommen. Am Ende des Tages hat beides aus verschiedensten Gründen nicht zu uns gepasst. Adoption war beispielsweise schlussendlich keine Option, da die Hürden sehr hoch sind. Das bedeutet, die meisten Bewerbenden erhalten nie die Chance auf ein Kind. Zudem haben wir uns gegen eine Pflege entschieden, da wir beide Vollzeit arbeiten und diese Kinder oft eine intensivere Betreuung benötigen. Auch hätten wir es emotional nicht geschafft, die Kinder nach Jahren gegebenenfalls wieder abgeben zu müssen.

Ihr habt eine Leihmutterschaft in den USA gewählt, obwohl es auch in einigen europäischen Ländern Möglichkeiten gegeben hätte. Weshalb fiel eure Wahl genau auf die USA?

In den USA sind die Standards hierfür sehr hoch, und rechtlich ist es dort am besten abgesichert. Daher haben wir uns für die USA entschieden. In Europa war die Ukraine ja sehr bekannt für Leihmutterschaft, jedoch nicht für gleichgeschlechtliche Paare, daher kam sie für uns ohnehin nicht infrage. Kleiner Fun Fact: Unsere Klinik ist in Salt Lake City, die Eizellspenderin lebt in Chicago und unsere Leihmama ist in Florida beheimatet.

Gab es Aspekte der Leihmutterschaft, die ihr kritisch gesehen habt? Und warum habt ihr euch trotz dieser Punkte letztlich dafür entschieden?

Ich war selbst sehr kritisch, als wir uns informiert haben. Aber wenn man sich einmal mit dem Thema befasst, dann sieht man schnell, dass gerade in den USA sehr darauf geachtet wird, dass kein Zwang zur Leihmutterschaft besteht. Dies ist zwar je nach Bundesstaat unterschiedlich, aber bei uns musste Folgendes gegeben sein: zwei eigene Kinder, nicht alleinerziehend, Vollzeitjob, mindestens 80.000 Dollar Barvermögen auf dem Konto, bestehende Versicherung und so weiter.

Viele Ethiker*innen und NGOs kritisieren, dass Leihmutterschaft Kinder und Frauen zur Ware mache, soziale Ungleichheiten ausnutze und finanziell benachteiligte Frauen gefährde. Wie steht ihr zu diesen Vorwürfen?

Ich verstehe diese Bedenken, und sicher gibt es das auch, wahrscheinlich auch in den USA. Daher ist es wichtig, eine gute Agentur zu finden und die Menschen dahinter kennenzulernen, bevor man sich auf so eine Reise begibt. Unsere Eizellspenderin hat ihr Geld zum Beispiel ihrer Kirche gespendet. Für sie war die Nächstenliebe der ausschlaggebende Punkt, warum sie Menschen helfen möchte, die selbst keine Kinder bekommen können.

Unter deinem Instagram-Post finden sich überwiegend Glückwünsche. Gab es dennoch negative Reaktionen – etwa aus dem Freundeskreis oder der Familie?

Tatsächlich hatte ich nicht so eine Resonanz auf meinen Instagram-Post erwartet. Ich dachte, ich poste mal ein Bild, dann muss ich nicht jeder Person erklären, warum ich auf einmal Papa geworden bin. Ich habe bis auf eine einzige kritische Nachricht bisher nur positive Reaktionen erhalten. Ich finde es aber wichtig, auch kritische Stimmen zu hören, um das Thema künftig gesellschaftlich intensiver zu diskutieren.

Ein Punkt lässt sich an dieser Stelle kaum vermeiden: die Causa Jens Spahn. Wie blickt ihr auf diese von Medien und Teilen der Öffentlichkeit als "Doppelmoral" bezeichnete Angelegenheit?

Schwieriges Thema. Ich kann nur dazu sagen, dass ich nicht gegen etwas stimmen kann, was ich selbst nicht einhalte. Mich schmerzt es sehr, dass es so gekommen ist, da ich selbst in der CDU/CSU aktiv bin.


Mathias Ihle mit seinem Kind (Bild: privat)

Gibt es Aspekte der Berichterstattung über Leihmutterschaften, die aus eurer Sicht zu kurz kommen oder häufig falsch dargestellt werden?

Es gibt einen großen Aspekt, den viele nicht kennen: Die Leihmama gibt nicht "ihr" Kind weg. Sie trägt das Kind von zwei fremden Personen aus. Die Eizelle stammt von einer anderen Frau und hat genetisch rein gar nichts mit der "Bauchmama" zu tun. Zudem ist die Leihmama ja nicht "die eine Frau" – sie hat Kinder, Ehemann, Eltern und so weiter, die natürlich auch das ganze Projekt unterstützen müssen. Was viele auch nicht wissen: Die meisten Leihmütter tragen Embryonen von Frauen aus, die selbst die Schwangerschaft nicht austragen können. Dies passiert auch oft innerhalb der Familie. Das heißt, die Schwester oder Cousine hilft jemandem, das Kind auszutragen.

Wie soll künftig der Kontakt zur Leihmutter aussehen? Wird sie weiterhin eng eingebunden sein, und habt ihr manchmal Sorge, dass sie sich irgendwann mehr Nähe zum Kind wünschen könnte, als ihr euch vorstellt?

Wir haben uns aktiv für einen Kontakt zur Leihmama sowie zur Eizellspenderin entschieden. Dies haben wir bei unserer Agentur vorab so angemeldet, und diese hat uns daraufhin passende Familien vorgeschlagen, denen das ebenfalls wichtig ist. Wir haben bereits beide Familien inklusive Großeltern kennengelernt und freuen uns auf den großen Familienzuwachs.

Wie hoch waren die Gesamtkosten des Prozesses, und wie steht ihr zu der Aussage, dass sich Leihmutterschaften nur wohlhabende Menschen leisten können?

Die Gesamtkosten sind sehr hoch, zumindest in den USA. Ich verstehe, dass sich das nicht jeder aus der Portokasse leisten kann. Am Ende des Tages ist es wie mit einem Eigenheim: Wenn es einem wichtig ist, dann verzichtet man auf vieles, um ans Ziel zu kommen.

Wöchentliche Umfrage

» Was hältst du von Leihmutterschaft?
    Ergebnis der Umfrage vom 20.07.2026 bis 27.07.2026
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