https://queer.de/?59010
Musiksender
Wie MTV eine queere Generation prägte
Heute vor 45 Jahren – am 1. August 1981 – ging MTV in den USA auf Sendung und machte das Musikvideo zum Massenmedium. Queere Ausdrucksformen von Geschlecht, Identität und Begehren fanden ihren Weg bis ins entlegenste Dorf. Über eine popkulturelle Revolution.

Symbolbild: Mit MTV drangen queere Figuren, ihre Sehnsüchte und die dazugehörigen Soundtracks bis in die verkabelten Wohnzimmer der entlegensten Dörfer vor, wo es an entsprechenden Vorbildern fehlte (Bild: brunounreal / pexels)
- Von
1. August 2026, 12:16h 6 Min.
Schwarzer Lidstrich, das Gesicht weiß gepudert und lange Zöpfe, die unter einem Hut hervorquellen: "Do You Really Want to Hurt Me?" Mit grazilen Bewegungen tänzelt Boy George 1982 durch eines der ersten Videos von Culture Club und singt von Verletzlichkeit und Anderssein.
|
Ein Jahr später streift Holly Johnson von Frankie Goes to Hollywood auf der Suche nach sexuellen Abenteuern zu den hämmernden Bässen von "Relax" durch einen schwulen Fetischclub mit Ledermännern und Dragqueens: Skandalisierung und Zensur waren die Folge, was unweigerlich die öffentliche Neugier auf den unzensierten Inhalt des Videos noch befeuerte.
|
Ein Meilenstein für queere Sichtbarkeit
Jimmy Somerville lässt uns 1984 wiederum mit "Smalltown Boy" zu melancholischen Synthie-Klängen an seinem von Gewalt begleiteten Coming-out in der Provinz teilhaben, dem sich schließlich die befreiende Flucht in die Großstadt anschließt: Die Erzählung spiegelt die Lebensrealität vieler queerer Jugendlicher wider.
|
Alle drei Musikvideos sind inzwischen längst Teil eines globalen Repertoires, in dem sich schon damals eine queere Generation auf unterschiedlichste Weise wiederfand. Die Geschichten handeln von Geschlecht, Begehren und Konflikten auf eine Weise, wie man sie bis dahin aus dem Fernsehen kaum kannte. Plötzlich drangen queere Figuren, ihre Sehnsüchte und die dazugehörigen Soundtracks bis in die verkabelten Wohnzimmer der entlegensten Dörfer vor, wo es an entsprechenden Vorbildern fehlte. MTV vermittelte zumindest ein Gefühl von Zugehörigkeit zu einer queeren Pop-Community. Dabei waren ein Coming-out oder das direkte Sprechen über Queerness zunächst nicht nötig – und meist auch gar nicht möglich.
Glitter, bunte Perücken und extravagante Brillen
Schon der Gründungsakt des Senders wirkt im Rückblick symbolisch: Das allererste Musikvideo, mit dem MTV am 1. August 1981 auf Sendung ging, brach mit der traditionell maskulinen Ästhetik der Rockmusik und setzte stattdessen auf androgynen Futurismus mit Glitter, bunten Perücken und extravaganten Brillen, wie es der Glam Rock der 1970er Jahre vorgemacht hatte.
"Video Killed the Radio Star" von den Buggles erzählt programmatisch vom unaufhaltsamen Aufbruch in ein neues visuelles Zeitalter. "In my mind and in my car / we can't rewind, we've gone too far": Die Textzeile nimmt die Folgen dieses Urknalls schon vorweg – ein Zurück war nicht mehr möglich. Das sollte auch für Regisseur Russell Mulcahy gelten, der unter anderem noch für Elton John und Duran Duran stilprägende Musikvideos drehte, sich Jahre später öffentlich als schwul outete und die Pilotfolge von "Queer As Folk" inszenierte.
|
In Deutschland startete MTV als eigener Sender erst 1987. Die ästhetische Zeitenwende hatte sich jedoch längst über Fernsehformate wie "Formel Eins" im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verbreitet – vor allem als Importware. Eines der wenigen deutschen Beispiele für unmissverständlich queere Musikvideoästhetik stammt von dem Männerduo Deutsch Amerikanische Freundschaft (DAF), das schon in der Zeit vor MTV für homoerotische Codes aus der Lederszene bekannt war. Mit "Der Räuber und der Prinz" erzählten die beiden Musiker bereits 1981 eine simple, aber dennoch eindeutig schwule Liebesgeschichte, die international für Aufmerksamkeit sorgte.
|
MTV war eine US-amerikanische Erfindung, die bevorzugt Popmusik aus den Vereinigten Staaten promotete. Zwar verfügte man dort mit Sylvester und Divine bereits über zwei bedeutende queere Popstars, doch beide blieben zunächst Phänomene der Disco- und Undergroundkultur. Die stilprägenden Vorbilder des globalen queeren Musikvideos fanden sich hingegen in einer jüngeren Generation von Popstars aus Großbritannien.
Buntes Reservoir an Selbstentwürfen
Neben Culture Club, Bronski Beat und Frankie Goes to Hollywood zählten später auch die Eurythmics, Soft Cell und die Pet Shop Boys dazu, obgleich die Queerness bei letztgenannten zunächst nur verschlüsselt zum Ausdruck kam. Doch selbst subtile Andeutungen konnten große Wirkung entfalten – wie etwa beim Popduo Erasure mit seinem Hit "Sometimes", dessen Video nicht zuletzt durch Andy Bells Tanzeinlage zwischen aufgehängter Bettwäsche auf einer Rooftop-Terrasse ikonischen Status erreichte.
|
Großbritannien verfügte bereits vor MTV über Glam Rock, New Romantic und eine stilprägende queere Clubkultur. MTV machte diese Bildwelten global und verhalf einer Sprache zum Durchbruch, bei der Musik, Körperhaltungen, Stile und Rollenbilder verknüpft und in immer neuen Varianten sichtbar wurden. Ob extravagant, erotisch aufgeladen oder androgyn: Hier konnte man unabhängig vom Geschlecht aus einem bunten Reservoir an Selbstentwürfen schöpfen. Dabei wurden Rhythmen, Posen und Bewegungen nicht nur nach Hause geliefert – sie gingen einer ganzen Generation in Fleisch und Blut über und lebten nicht nur auf Tanzflächen von Clubs und Diskotheken, sondern auch als kulturelle Attitüden des Alltags fort.
Androgynität neu inszeniert
Während Großbritannien vor allem schwule Popfiguren hervorbrachte, entstanden in den USA mit Grace Jones und Madonna weibliche Ikonen, die einem weltweiten Publikum queere Perspektiven eröffneten. Jones war für die MTV-Generation eine Schlüsselfigur, weil sie Androgynität und gängige Vorstellungen von schwarzer Weiblichkeit auf selbstbestimmte und zugleich hochartifizielle Weise neu inszenierte. In Videos wie "Pull Up to the Bumper" oder "Slave to the Rhythm" zeigt sie sich kontrolliert, künstlich und kantig – und macht sich dabei nie zum Objekt, sondern bleibt stets souverän.
|
Madonna griff 1990 in "Vogue" die Ballroom-Kultur schwarzer und lateinamerikanischer schwuler Männer und trans Personen auf. Bis heute gibt es eine Kontroverse darüber, ob es sich dabei um eine Hommage oder eine kulturelle Aneignung handelt. Für die queere MTV-Generation war "Vogue" dennoch ein Schlüsselmoment, weil das Video Posen, Gesten und Formen der Selbstinszenierung einer zuvor weitgehend verborgenen Subkultur weltweit zum Vorschein brachte.
|
Mit der Verbreitung queerer Bildwelten wurde MTV zugleich zur Spielwiese jener Regisseure, die wenig später das New Queer Cinema prägen sollten. Derek Jarman etwa nutzte den Sender als Labor für ästhetische Experimente und zur Weiterentwicklung seiner eigenen Filmsprache. Mit Musikvideos wie "It's a Sin" und "Rent" für die Pet Shop Boys zeigte er, wie fließend die Grenzen zwischen Popvideo und Autorenfilm inzwischen geworden waren. Regisseure wie Gus Van Sant und Todd Haynes entwickelten diese ästhetischen Impulse wenig später in Filmen wie "My Own Private Idaho" und "Poison" weiter. Dabei liegt eine gewisse Ironie darin, dass ein kommerzieller Musiksender ausgerechnet zum Experimentierfeld einer der radikalsten Filmbewegungen der frühen 1990er Jahre wurde.
Massentaugliche Queerness ohne politische Agenda
Dabei offenbarten sich zugleich die Grenzen von MTV: Der Sender machte Queerness vor allem ästhetisch massentauglich – eine politische Agenda war damit zunächst nicht verbunden. Auch die Aids-Krise, die das Leben schwuler Männer in der MTV-Anfangsphase tiefgreifend prägte, wurde im Musikvideo kaum unmittelbar thematisiert. Auffällig ist zudem, wie gering die Präsenz explizit lesbischer Perspektiven blieb. Künstlerinnen wie k.d. lang oder Melissa Etheridge gehörten zwar später zu den wichtigsten lesbischen Stimmen der Popmusik, entwickelten jedoch eher eine bodenständige Bildsprache, anstatt die ästhetische Radikalität der frühen Jahre fortzuführen.
Dennoch setzte sich die ästhetische Entwicklung fort – und erreichte Jahrzehnte später eine Offenheit, die zu Beginn der MTV-Ära kaum vorstellbar gewesen wäre. Was in den 1980er Jahren meist noch über Anspielungen vermittelt wurde, rückte nun in den Videos von Lil Nas X unverhüllt als mann-männliches Begehren ins Zentrum: "Industry Baby" erzählt offen von einer schwulen Knastphantasie, bei der durchtrainierte Häftlinge nackt unter Gemeinschaftsduschen oder in pinken Gefängnisuniformen tanzen.
|
Dass das Video bei den MTV Video Music Awards 2022 gleich mehrere Preise gewann, markiert einen bemerkenswerten historischen Bogen: Die Zeit der Codes war vorbei – ausgerechnet dann, als das Musikvideo seine Rolle als popkulturelles Leitmedium längst eingebüßt hatte.












