https://queer.de/?59042
Interview
Queeres Theater muss nicht nur queere Geschichten erzählen
Martin Finnland ist Mitgründer und künstlerischer Leiter des immersiven Wiener Theaterensembles Nesterval. Wir sprachen mit ihm über die Hamburg-Premiere "Das Schiff" und das Berlin-Debüt "Nestervals Eldorado".

Szene aus dem Stück "Nestervals Eldorado" (Bild: Alexandra Thompson)
- Von
4. August 2026, 06:27h 10 Min.
Seit 2011 verwandelt das Wiener Theaterensemble Nesterval ungewöhnliche Spielorte in immersive Parallelwelten. Das Ensemble versteht sich als queeres Volkstheater. Zu ihm gehören Schauspieler*innen, Performer*innen und Drag Artists; gemeinsam übersetzen sie Klassiker der Literatur- und Theatergeschichte in die Gegenwart.
Beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel ist Nesterval bereits zum sechsten Mal zu Gast und feiert am 6. August mit "Das Schiff" Weltpremiere auf der MS Stubnitz. Ende September folgt mit "Nestervals Eldorado" das Berlin-Debüt in den Sophiensælen. Im Interview spricht Finnland über queere Erzähl- und Arbeitsweisen, die immersive Einbeziehung des Publikums und den Umgang mit den Biografien verfolgter queerer Menschen.
Wenn du Nesterval jemandem erklären müsstest, der noch nie einen eurer Abende erlebt hat: Was erwartet diese Person – und was ist anders als bei einem klassischen Theaterbesuch?
András Siebold von Kampnagel hat Nesterval einmal als Theater für Menschen bezeichnet, die Theater eigentlich nicht mögen. Das finde ich sehr passend. Man kann es sich ein bisschen so vorstellen, als wäre man selbst Teil eines Kinofilms oder Computerspiels: Man folgt verschiedenen Figuren, erlebt die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven und ist sehr nah am Geschehen.
Unsere Abende beginnen meistens mit einer Eröffnungsszene, in der verschiedene Charaktere vorgestellt werden. Danach entscheidet das Publikum selbst, wem es folgt. Die Figuren bewegen sich durch das Set und treffen aufeinander. Wen eine andere Geschichte stärker interessiert, kann jederzeit wechseln.
Der größte Unterschied zum klassischen Theater ist, dass wir das Publikum wahrnehmen. Die Zuschauer*innen sind nicht einfach eine Kamera, die das Geschehen beobachtet, sondern werden gesehen. Wie stark die Interaktion ist, hängt vom jeweiligen Stück ab. Manchmal kann man mit einer Figur diskutieren und Entscheidungen mitverhandeln. In "Nestervals Eldorado" wird das Publikum dagegen zu den Gedanken der Figuren.
Eigentlich beginnt der Abend aber schon beim Betreten des Ortes. Szenografie, Garderobe und Einlass sind Teil der jeweiligen Welt. Trotzdem entscheidet jede Person selbst, wie stark sie sich darauf einlassen möchte. Niemand wird herausgepickt oder muss plötzlich vor anderen etwas performen. Diese Form von Mitmachtheater wäre für mich grauenhaft. Innerhalb eines sicheren Rahmens kann man bei uns aber andere Seiten an sich ausprobieren – und vielleicht auch einmal bewusst einem unangenehmen Charakter folgen.

Martin Finnland, geboren 1982 in Salzburg, gründete 2011 gemeinsam mit Teresa Löfberg das Wiener Theaterensemble Nesterval. Als künstlerischer Leiter und Regisseur verantwortet er Konzept und Inszenierung der Produktionen und steht regelmäßig auch selbst als Performer auf der Bühne (Bild: Alexandra Thompson)
Eure neue Produktion "Das Schiff" spielt auf der MS Stubnitz. In welcher Situation kommt das Publikum an Bord?
Die Geschichte beginnt eigentlich bereits 24 Stunden vorher. Die Luxusyacht MS Nesterval ist untergegangen. Die Bordcrew ist geflüchtet und hat die ziemlich anstrengenden Gäste auf dem sinkenden Schiff zurückgelassen.
Im Hamburger Hafen wird ein Ersatzschiff gesucht. Die MS Stubnitz soll diese skurrile Gesellschaft nun nach Hawaii bringen. Zu Beginn der Inszenierung werden die Zuschauer*innen als neue Crew angeheuert. Dadurch sind sie sehr nah an allen Bereichen des Lebens an Bord.
Der Abend verbindet den Sehnsuchtsort und die Seifenoper des "Traumschiffs" mit den Machtverhältnissen aus Filmen wie "Triangle of Sadness". Das Stück spielt 1975; bei der Recherche war auch die DDR-Serie "Zur See" eine wichtige Referenz.
Was eröffnet euch die MS Stubnitz als Spielort, das ein klassischer Theaterraum nicht bieten kann?
Man geht auf die Stubnitz und ist sofort in einer eigenen Welt. Die engen Treppen, verschlungenen Gänge und Maschinenräume könnte man als Bühnenbild gar nicht nachbauen. Gleichzeitig steht das Schiff für Widerstand, Punk und dafür, ein Lebensort für starke Persönlichkeiten zu sein – auch deshalb hat es sofort zu Nesterval gepasst. Rund zehn Menschen leben dort dauerhaft. Sie erleben unsere Proben und erklären uns, wie eine wirkliche Schiffscrew handeln würde. Wir befinden uns also selbst ein bisschen in einer Matrosenschule.
Die neue Crew trifft auf Menschen, die es gewohnt sind, bedient zu werden. Was interessiert euch an dieser Begegnung – und kann sich das Publikum dabei auch auf die Seite der reichen Yachtgesellschaft schlagen?
Nach außen erscheinen die Unterschiede sehr groß. Aber die eigentlichen Sorgen, Ängste und Hoffnungen sind ähnlich: Es geht um Selbstbestätigung, Liebe und die Hoffnung, dass sich etwas verändert. Ich finde es schön zu sehen, dass Menschen sich trotz aller offensichtlichen Unterschiede ähnlicher sind, als man zunächst glaubt.
Das Publikum kann die Yachtgesellschaft durchaus in ihrem Wahnsinn anfeuern und bestärken, auch wenn es selbst nicht Teil dieser Gesellschaft werden kann. Wir mögen es, wenn das Publikum uns herausfordert. Es muss aber ein Gespür dafür behalten, wann aus einem interessanten Eingriff eine Störung wird. Wir sind Performance-Theater und kein Sozialexperiment.

Szene aus "Das Schiff" (Bild: Fabian Hammerl)
Ihr bezeichnet Nesterval als queeres Volkstheater. Wie prägt die queere Perspektive "Das Schiff" – nicht nur durch die Besetzung, sondern auch in der Geschichte?
Ursprünglich war es nicht geplant, ein queeres Theaterensemble zu sein. Weil ich selbst schwul bin und zunächst vor allem unser Freundeskreis mitspielte und zuschaute, war Queerness einfach gelebter Alltag. Erst bei "Die Namenlosen" in Wien haben wir sie selbst ins Zentrum einer Inszenierung gestellt. Für mich wäre das eigentlich ein ideales Gesellschaftsbild: Queeres Leben ist so selbstverständlich, dass man es nicht ständig erklären muss.
In "Das Schiff" verliebt sich ein Matrose in den ersten Offizier, während eine Kommissarin Gefühle für die Hauptverdächtige entwickelt. Diese Geschichten passieren einfach.
Das gilt auch für unsere Besetzungen. Eine tragende Frauenfigur kann von einem Mann gespielt werden, ohne dass sie deshalb als trans Figur erzählt wird. Es ist einfach eine Schauspielrolle. Das mag das Publikum in den ersten fünf Minuten irritieren. Wenn wir es gut machen, vergisst es die Irritation aber schnell und sieht nur noch den dargestellten Menschen. Dann haben wir schon sehr viel gewonnen.
Gibt es für dich darüber hinaus eine spezifisch queere Art, Theater zu erzählen oder zu produzieren?
Wir arbeiten durchaus hierarchisch. Es gibt eine künstlerische Leitung, und Nesterval ist kein Kollektiv. Gleichzeitig haben die Performer*innen im Spiel eine große Offenheit, Dinge weiterzuentwickeln und sich teilweise von dem zu entfernen, was ursprünglich festgelegt war.
Jeder Abend kann anders sein als der vorherige. Eine Person kann sagen: Das ist meine Figur, und diese Figur macht jetzt etwas, obwohl es so nicht im Stücktext stand. Darin liegt eine Form der Selbstermächtigung. Das ist für mich ein Beispiel dafür, wie man auch durch die Arbeitsweise Theater queeren kann.
Ich würde mich trotzdem sehr ungern darauf reduzieren lassen, nur noch explizit queere Geschichten zu erzählen. In "Nestervals Eldorado" steht die Verfolgung queerer Lebensrealitäten im Mittelpunkt. Auf dem Schiff ist Queerness Teil der Lebensrealität, aber nicht das eigentliche Thema.
Es gibt queere Themen, mit denen wir uns künftig noch beschäftigen wollen. Die Lebensrealitäten während der Aids-Krise sind gerade ein großes Thema im Ensemble. Gleichzeitig wollen wir uns auch mit ganz anderen gesellschaftlichen Themen beschäftigen können.
Bei Nesterval stehen Schauspieler*innen, Performer*innen sowie Drag Queens und Kings gemeinsam auf der Bühne. Was verändert das an der Arbeit?
Unser Ensemble reicht von Drag-Performer*innen und ausgebildeten Schauspieler*innen bis zu jungen Menschen, die vorher noch nie auf einer Bühne standen. Ich liebe die Freiheit, mit der Drag-Performer*innen an Dinge herangehen: Sie bringen Spaß mit, denken aber zugleich sehr genau darüber nach, warum und wie sie etwas tun.
Ein Vorteil des immersiven Theaters ist, dass es nicht die eine Hauptrolle gibt. Jede Figur hat ihre eigene Geschichte. Niemand muss mit den Ellbogen um mehr Bühnenzeit kämpfen. Menschen, die aus anderen Theaterhäusern kommen, sind manchmal zunächst gar nicht daran gewöhnt, dass man so entspannt miteinander arbeiten kann. (lacht)
Im Herbst folgt mit "Nestervals Eldorado" euer Berlin-Debüt. Mit "Die Namenlosen" habt ihr die Verfolgung queerer Menschen im Nationalsozialismus bereits in Wien und Hamburg behandelt. Was eröffnet euch Berlin noch einmal neu?
Für Berlin haben wir das Grundkonstrukt übernommen, ansonsten aber fast alles neu verhandelt. Unsere Figuren setzen sich aus mehreren realen Biografien zusammen, von denen viele tatsächlich in Berlin beheimatet waren.
Das Stück heißt zwar "Eldorado", ist aber im Scheunenviertel rund um die Sophiensæle verortet. Für mich war neu, dass natürlich nicht ganz Berlin in den 1920er Jahren ausschweifend und "roaring" war. Es gab Arbeiterbezirke, Armut und völlig andere Lebensrealitäten – und auch dort gab es queeres Leben.
Die Berliner Produktion hat außerdem eine andere zeitliche Struktur. Während die Wiener Fassung von "Die Namenlosen" 1938 einsetzt, beginnt die Berliner Geschichte bereits 1934, nach dem Röhm-Putsch – in einer Phase, in der queere Lokale schließen mussten und die gezielte Verfolgung begann.
Wir möchten dort starten, wo es unmerklich weh tut. Es geht darum, was diesen Menschen genommen wurde und was wir als Gesellschaft verloren haben. Darin liegt auch die Verbindung zur Gegenwart. Wir erzählen zwar Geschichte, aber wir machen kein Historienstück über eine vollständig abgeschlossene Vergangenheit.
Berlin wird gern als Ort queerer Freiheit und ausschweifender Nachtkultur erinnert. Welches Berlin wollt ihr sichtbar machen, das in diesem Mythos verloren geht?
Vor allem das Berlin der Alltagssituationen. Auch vor 1933 war nicht jeder Tag ausschweifend und voller Glück. Und später, als die Verfolgung immer stärker wurde, bestand auch nicht jeder einzelne Tag nur aus Leiden. Uns interessieren die Graubereiche und die feinen Nuancen dazwischen.
Welche Warnzeichen waren bereits zu erkennen? Wer wollte sie nicht wahrhaben, und wer ging dagegen auf die Barrikaden? Wir erzählen auch die Geschichten der Menschen im Umfeld unserer queeren Figuren. Wie erlebt zum Beispiel eine Schwester die Situation, die selbst im Bund Deutscher Mädel ist, aber einen schwulen Bruder hat? Damit wird auch die Frage nach Allies sehr aktuell. Auch ein neues Kapitel über die Olympischen Spiele zeigt, wie Propaganda und privater Alltag nebeneinander existierten.
Über solche Alltagssituationen kann man Menschen sehr direkt erreichen und Facetten hinter den bekannten Stereotypen sichtbar machen. Natürlich ist es schön, Theater für ein queeres Publikum zu machen. Aber die Geschichte muss darüber hinausgehen und auch Menschen erreichen, die bisher vielleicht noch gar keinen Zugang dazu hatten.
Die Figuren sind von real verfolgten Menschen inspiriert, werden aber mit der fiktionalen Familie Nesterval verbunden. Wie verhindert ihr, ihre Lebensgeschichten für einen spannenden Theaterabend zu vereinnahmen?
Unser Grundgedanke war immer, dass wir nicht behaupten, die eine historische Wahrheit zu besitzen. Wir wollen eine Geschichte erzählen, die vielleicht nicht genau so wahr ist, aber wahr sein könnte.
Das gelingt nur durch eine enge Zusammenarbeit mit Historiker*innen. Sie haben den Stücktext gelesen, und aufgrund ihrer Rückmeldungen wurden Dinge verändert oder gestrichen. Es gab klassische "Kill your Darlings"-Momente, in denen Andreas Brunner von QWIEN gesagt hat: Das ist ein schöner Gedanke, aber so kann es nicht passiert sein. Dann muss man konsequent sein.
Das Publikum soll wissen, dass es einen Theaterabend erlebt und die Figuren nicht eins zu eins existiert haben. Gleichzeitig soll es den Eindruck mitnehmen: So oder sehr ähnlich könnte es gewesen sein.
In "Nestervals Eldorado" wird das Publikum zu den Gedanken der Figuren. Warum habt ihr diese Form gewählt?
Die Entscheidung, das Publikum zu den Gedanken der Figuren zu machen, war sehr bewusst. Würden die Zuschauer*innen reale Personen innerhalb dieser Welt darstellen, müssten sie die Realität auch konsequent mitspielen. Man müsste sie womöglich auffordern, einen Hitlergruß auszuführen. Das wollten wir nicht.
Gedanken können einer Figur etwas zuflüstern, Mut geben und Hoffnung schenken. Gerade bei den verfolgten Figuren war das ein sehr starker Effekt. Wir hatten uns darauf eingestellt, dass es wahnsinnig hart sein würde, diese Rollen zu spielen und das Grauen so nah zu erleben.
Bei den ersten Durchgängen mit Publikum haben wir aber gemerkt: Man hat die Zuschauer*innen neben sich. Sie leiden mit, sie weinen mit, und von ihnen geht eine unglaubliche Kraft aus. Manchmal ist es nur eine Berührung auf der Schulter nach einem tragischen Moment.
Als Darsteller*in baut man im Laufe des Abends eine starke Verbindung zum Publikum auf – und umgekehrt. Man ist niemals allein. Dieses Gefühl kann und soll man auch weit über den Theaterabend hinaus mitnehmen.
Nesterval ist ein immersives Theaterensemble aus Wien und versteht sich als queeres Volkstheater. Seine ortsspezifischen Inszenierungen übersetzen, überzeichnen und dekonstruieren Stoffe aus Literatur, Kino und Theater für die Gegenwart. Das Publikum bewegt sich durch die Spielorte, folgt unterschiedlichen Figuren und wird Teil der Geschichten um die fiktive Familiendynastie Nesterval. Mehr als 40 Produktionen entstanden bislang in Österreich und international. Das Ensemble war dreimal für den Nestroy-Theaterpreis nominiert und wurde 2020 für "Der Kreisky-Test" mit dem Nestroy-Spezialpreis ausgezeichnet.
Links zum Thema:
» Homepage von Nesterval
» Tickets und weitere Informationen zu "Das Schiff"
» Tickets und weitere Informationen zu "Nestervals Eldorado"
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de















