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Interview
Gus van Sant: "Ich suche nicht bewusst nach Außenseiter-Geschichten"
Wir sprachen mit dem Regisseur queerer Klassiker wie "Milk" und "My Private Idaho" über seinen neuen Geiselnahme-Thriller "Dead Man's Wire", Parallelen zum Fall Luigi Mangione und die Zusammenarbeit mit Hauptdarsteller Bill Skarsgård.

Gus van Sant zählt mit Filmen wie "Milk" und "My Private Idaho" zu den prägendsten Stimmen des Queer Cinema (Bild: IMAGO / ABACAPRESS / Franck Castel)
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5. August 2026, 08:28h 5 Min.
Gus van Sant gehört zu den profiliertesten Regisseur*innen des US-amerikanischen Queer Cinema, angefangen bei seinem Debütfilm "Mala Noche" 1986 über "My Private Idaho" bis hin zum Oscar-Gewinner "Milk" mit Sean Penn. Doch der inzwischen 74-jährige Filmemacher hat auch immer wieder Werke gedreht, in denen LGBTI-Belange keine Rolle spielten, sei es "Good Will Hunting", "Forrester – Gefunden!" oder "The Sea of Trees".
In letztere Kategorie fällt nun auch sein neuer Film "Dead Man's Wire", der in Deutschland keinen Kinostart bekam, aber ab dem 7. August als DVD, Blu-ray und digital erhältlich ist. Anlässlich des auf einem wahren Fall in den 1970er Jahren basierende Geiselnahme-Thrillers, prominent besetzt u.a. mit Bill Skarsgård, Coleman Domingo und "Industry"-Star Myha'la sowie in einer Gastrolle Al Pacino, stand van Sant vor einigen Monaten bei einer virtuellen Pressekonferenz Rede und Antwort.
Mr. van Sant, Ihr letzter Film "Don't worry, weglaufen geht nicht" feierte 2018 Premiere. Hatten Sie zwischenzeitlich das Kino aufgegeben?
Nein, so habe ich das nie gesehen. Aber es ist in diesen Jahren viel passiert, was das Arbeiten schwierig machte, von der Corona-Pandemie bis hin zu den Streiks in Hollywood 2023. Außerdem gab es allerlei Projekte, die in Planung waren, am Ende aber nicht zustande kamen. Was etwas ist, was wir in der Filmbranche alle regelmäßig erleben. Aber es ist auch nicht so, dass ich jahrelang nicht gearbeitet hätte. Für Gucci habe ich einen Film gedreht, in dem es zwar um deren Mode ging, aber es auch eine echte Handlung gab. Dafür habe ich unter anderem mit Billie Eilish und Harry Styles zusammengearbeitet. Und eine Fernsehserie habe ich auch inszeniert.
Ryan Murphys "Feud: Capote vs. The Swans"…
Genau. Ich kannte mich ganz gut aus mit Truman Capote und allem, was mit seinem berüchtigten Roman "Answered Prayers" zu tun hatte. Also kam ich über einen Bekannten mit Ryan Murphy in Kontakt. Ich war mir nicht sicher, ob der bei seinen Serien bevorzugt mit TV-Regisseur*innen kollaborierte oder auch mal mit jemandem wie mir zusammenarbeiten würde. Aber siehe da: Er fand den Gedanken ausgesprochen reizvoll, also inszenierte ich am Ende sogar sechs der acht Episoden.
In "Dead Man's Wire" geht es nun um einen verzweifelten Mann, der gegen ein ausbeuterisches System aufbegehrt und seinen Hypotheken-Banker als Geisel nimmt. Was reizte Sie daran? Ihre sich durch viele Filme ziehende Vorliebe für Außenseiter?
Sie haben schon recht, ich erzähle gerne von Außenseitern und Menschen an den Rändern der Gesellschaft. Selbst "Good Will Hunting" könnte man aus diesem Blickwinkel sehen, auch wenn ich damals zunächst die Sorge hatte, die Geschichte könnte für meinen Geschmack zu heldenhaft sein. Allerdings sind solche Parallelen zwischen meinen Filmen nie etwas, über das ich bewusst nachdenke. Ich suche eigentlich nicht bewusst nach Außenseiter-Geschichten. Vielmehr springe ich einfach auf gute Drehbücher an. Das zu "Dead Man's Wire" las sich verdammt interessant, und ich konnte sofort etwas anfangen mit dieser Story, deren reale Vorlage mir gar nicht sonderlich vertraut war. Dass dieser verzweifelte Underdog, um den es hier geht, vielleicht eine gewisse Nähe hat zu anderen Figuren, von denen ich schon erzählt habe, realisierte ich erst viel später.
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Apropos Parallelen: in den USA verglichen etliche Journalist*innen den Fall des Tony Kiritsis von 1977 mit dem von Luigi Mangione, dem jungen Mann, der Ende 2024 in New York einen Versicherungs-Millionär erschoss, um gegen das fragwürdige Gesundheitssystem zu protestieren…
Auch das ist nichts, wonach ich bewusst gesucht habe. Als ich die Regie bei "Dead Man's Wire" übernahm, war Donald Trump noch nicht zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt worden und der Fall Mangione lag noch einige Monate in der Zukunft. Dann allerdings verzögerte sich der Drehbeginn, so dass wir erst im Januar 2025 starten konnten.
Natürlich blieb es nicht aus, dass wir dabei auch immer wieder über Mangione sprachen. Ein einzelner Mann, der mit verzweifelten Mitteln das System bekämpfen will – die Ähnlichkeiten waren unübersehbar. Aber unser Film ist kein Statement diesbezüglich. Zumal es in solchen Fällen ja auch sehr unterschiedliche Meinungen und Perspektiven gibt, was nicht zuletzt generationsabhängig ist. Mein junger Assistent hätte nichts dagegen, wenn man Mangione zu Ehren im Central Park eine Statue errichtet. Das fand ich verstörend, schließlich ist der Mann ein Mörder, auch wenn ich die Wut auf unterdrückerische Systeme und diskriminierende Strukturen natürlich teile.
Noch eine Frage zu Ihrem Hauptdarsteller Bill Skarsgård, der dem echten Kiritsis nicht unbedingt ähnlich sieht. Warum fiel Ihre Wahl auf ihn?
Kurz bevor ich die Regie bei "Dead Man's Wire" übernahm, arbeitete ich an einem anderen Projekt, für das ich Bill im Auge hatte. Als das platzte, erschien mir die Gelegenheit gut, trotzdem mit ihm drehen zu können. Zunächst hatte ich ihn für eine andere Rolle im Sinn, die aber zu klein war, als dass er dafür ein anderes Projekt hätte absagen können. Aber als ich ihm die Hauptrolle vorschlug und wir dann auch den Drehstart noch ein bisschen schieben konnten, war alles in trockenen Tüchern.
Mich freute das nicht zuletzt, weil ich ja fast 30 Jahre vorher bei "Good Will Hunting" schon mit seinem Vater Stellan Skarsgård zusammengearbeitet hatte. Im Grunde kenne ich Bill also schon, seit er sieben Jahre alt ist. Es gibt sogar noch ein Foto davon, wie die ganze Familie damals Stellan am Set besuchen kam.
Links zum Thema:
» "Dead Man's Wire" auf DVD bei amazon.de
» Der Film bei Prime Video
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
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