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  • 08. November 2006 4 2 Min.

Ein Kommentar zur Demokratie-Umfrage der ARD.

Von Jürgen Friedenberg

Das Volk murrt: 51 von 100 Bundesbürgern misstrauen nach den wirtschaftlichen Krisenjahren jetzt nicht nur den Politikern, sondern darüber hinaus auch unserer Staatsform, der Demokratie, und 70 von 100 Befragten halten unsere Gesellschaft für ungerecht. Diese Zahlen einer ARD-Umfrage sollten die Politiker aufrütteln, sie gehen uns aber alle an. Denn wenn sich Staatsverdrossenheit breit macht, Zukunftsangst die Vernunft vernebelt, wenn kollektive Ohnmachtsgefühle in Hass und Wut umschlagen – dann droht für das Gemeinwesen höchste Gefahr.

Da aber niemand an der Misere schuld sein will, braucht man jemand, auf den man den Volkszorn lenken kann. Unter den Nazis waren es vor allem die Juden, unter den Kommunisten die so genannten "Kapitalisten", die zu Staatsfeinden erklärt und grausam verfolgt wurden. Angehörige missliebiger Minderheiten – etwa Lesben und Schwule – traf und trifft es stets mit. Vorsicht! Auch jetzt werden wieder Prügelknaben gesucht!

Jetzt rächt es sich, dass das Volk seit der "Wende" in dem Irrglauben gelassen oder sogar bestärkt wurde, nun werde sich alles, alles zum Guten wenden. Dass Opfer verlangt werden müssen, um den Bankrott der neuen Bundesländer zu überwinden, und dass gleichzeitig Vorsorge getroffen werden muss für eine sich in Alter und Zusammensetzung grundlegend wandelnde Bevölkerung, das wurde all zu lange verschwiegen. Und dass die weltwirtschaftlichen Perspektiven schon längst einen zukunftsträchtigen Umbau unseres Wirtschafts- und Sozialgefüges erforderten, das wurde zwar häufig gesagt, aber bis zuletzt verdrängt.

Das Volk murrt, und es hat Recht. Es will die Wahrheit wissen und von Politikern regiert werden, die ihm die ungeschminkte Wahrheit sagen und die selber wahrhaftig sind. Und es will an grundlegenden Entscheidungen beteiligt werden, bevor sie Gesetzeskraft erlangen und dann kaum mehr zu ändern sind. Das Volk will mitbestimmen. Wirklich? Das Volk - das sind wir alle.

8. November 2006

-w-

#1 jeder Mensch hat zu 100% subjektiv immer RechtAnonym
  • 08.11.2006, 23:45h
  • Das Thema Mitbestimmung leidet zum Teil an einer Ignoranz der gesellschaftlichen und politischen Themen, zum Teil an der umsetzbaren Möglichkeit, der subjektiven Meinung Gehör zu verschaffen und zum Teil an der intellektuellen Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Wenn sich jemand informiert und dann - faktenbasiert - eine Möglichkeit hat, seine Meinung einzubringen, müsste er das tun. (frei nach Immanuel Kant "Aufklärung ist der Ausweg des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" )
    Leider sind vielen Menschen politische Themen zuwider, weil es in der Natur der Sache liegt (Politik = sein Mäntelchen in den Wind hängen). Leider sind auch die Möglichkeiten, seine politische Meinung zu formulieren - in Zeiten von Web 2.0, in der jeder irgendwo seinen Senf dazugeben kann - begrenzt. Leider sind aber auch - und das wird wohl jeder kennen - gerade die Menschen, die überhaupt keinen Überblick, dafür eine große Klappe haben, diejenigen, die Stimmung bzw. Meinung machen.

    Ich kann nur hoffen, dass sich in Zukunft mehr "aufgeklärte" Menschen aufmachen und die Chancen nutzen, die sich ihnen bieten (ob es nun ein Betriebsrat, eine Mitarbeiterbefragung, die EU-Volksbefragungen oder die Wahlen generell angeht). "Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied". Und nur so kann es funktionieren: wir wurden zu aufgeklärten und mündigen Bürgern erzogen. Also sollten wir die Möglichkeiten nutzen, die sich uns bieten und alles dafür tun, dass sich etwas zum "subjektiven" besseren entwickelt. Wenn die Mehrheit weiterhin immer nur rumsitzt und Prügelknaben sucht, hat sich die Demokratie ad absurdum geführt.

    Leute, nutzt die Chance und macht Eure Meinung in effektiver Weise publik.

    "Wir sind das Volk" war nicht umsonst ein Schlachtruf vor der Wende ... um nur ein Beispiel zu nennen.
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#2 joshAnonym
  • 09.11.2006, 14:57h
  • ich glaube hier rächt sich nichts. die lügen sind langfristig und mit bedacht gesttreut wurden, finden sich sogar (sicher unbeabsichtigt) im obigen artikel. da wird diesem volk letztlich suggeriert und mit viel pseudowissenschaftlichem gedöns verkauft wir seien zu arm, zu dumm und zu alt um uns die gute welt von gestern auch morgen noch leisten zu können. ich finde schwachsinn. unser land (ja UNSER land) wird von jahr zu jahr reicher und gesünder. es wird bloss anders verteilt und es soll in den nächsten jahrzehnten noch ganz anders verteilt werden.
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#3 SebiAnonym
  • 09.11.2006, 15:08h
  • Ein seltsamer Kommentar über eine Falschmeldung (laut ZEITonline) der ARD. 51% der Befragten zweifelten am ordentlichen Funktionieren der Demokratie in Deutschland, nicht an der Demokratie selbst. Das ist ja auch verständlich! Wenn man zum einen im Grundgesetz ließt, der Abgeordnete sei NUR seinem Gewissen unterworfen, und auf der anderen Seite selektiert wird, welche Abstimmungen Gewissensentscheidungen seien und welche nicht, wann der Abgeordnete sich auf die Gewissensfreiheit berufen darf und wann nicht, mag der gesunde Zweifel auch durchaus angebracht sein. Ich denke auch nicht, dass irgendwelche Sündenböcke gesucht werden.
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