Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?59062

Jetzt im Kino

Wenn die Nazirockerin plötzlich queere Lieder singt

Ein Film zum Fremdschämen: "Flieg Steil" versucht, die Widersprüche extremistischer Szenen zu ergründen – gerät dabei aber zur klischeehaften Zumutung.


Szene aus "Flieg Steil" (Bild: Manuel Ruge / UCM.ONE)

"Die Zukunft des Nationalsozialismus ist weiblich": Nicht gerade eine Zeile, die bei der "Stahlkappen Division" gut ankommt. Die Rechtsrockerin Konnie, 28, singt sie trotzdem mit ihrer Band. Sie (Ceci Chuh) spielt in einer Kneipe, in der sich ihr Neonazi-Stammtisch aus Berlin-Friedrichshain regelmäßig trifft.

Damit man ihre politische Gesinnung nicht übersieht, tragen die meisten Glatze. An den Wänden hängt eine Karte des Deutschen Reiches mit den Grenzen von 1918 und die schwarz-weiß-rote Flagge des Kaiserreichs. "Der Führer wäre stolz", heißt es als Lob, eine Frau trägt ein Dirndl. Damit auch wirklich alle verstehen: Das. Hier. Sind. Neonazis.

Die Linken sind faul geworden

Konnie hört nicht auf, über Queerfeminismus oder Body Positivity zu singen. Ihre Bandkolleg*innen haben darauf keine Lust mehr, für die anderen Neonazis ist sie schon längst eine Verräterin. So geht es eine Weile. In der ersten Hälfte von "Flieg Steil" beschimpfen sich die Neonazis gegenseitig und schubsen sich, viel mehr passiert eigentlich nicht. Zwischendurch liegt recht beliebiger Techno unter den Bildern, weil Berlin.

Außerdem trifft Konnie in einem Haus mit mehreren Proberäumen zufällig den Punk Rudi (Alexander Merbeth). Der plant schon länger, etwas gegen den erstarkenden Rechtsextremismus zu unternehmen. Doch seine linke Clique ist zu bequem geworden. Keine Lust auf Demos oder Nazis prügeln.

- Werbung -

Mehr Respekt, wenn man einen Linken tötet


Poster zum Film: "Flieg Steil" startet am 6. August 2026 im Kino

Rudi aber wittert in Konnie eine Chance: Kann die enttäuschte Nazi-Feministin ihm nicht helfen, die Stammkneipe der Division in die Luft zu jagen? Auch Konnie will Rudi für sich nutzen: Wenn sie ihren Kamerad*­innen erzählt, dass sie eine "Zecke" getötet hat, wird sie sicher wieder respektiert. "Der Führer wäre stolz", mehr will sie doch gar nicht hören.

Was nach einem an den Haaren herbeigezogenen Plot klingt, ist es auch. Doch es wird noch schlechter im Drehbuch von Martina Schöne-Radunski und Lana Cooper, die bei ihrem Debütfilm auch Regie führten: Natürlich glauben die blöden Nazis Konnies Zeckenmord-Geschichte. Und natürlich hegen die Nazis keinen Verdacht, als Rudi auf einmal in der Kneipe auftaucht. Er hat sich nämlich die Haare zur Seite gegelt, muss also auch ultrarechts sein. Auf Nachfrage erzählt er, er sei der Nachfahre irgendeiner Größe aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Nazis sind so blöd, die glauben ihm das alles.

Radikalisierung beim Krisendienst

Man weiß irgendwann nicht mehr, ob "Flieg Steil" das alles ernst meint. Logik ist dem Film fremd, keine Entwicklung zu absurd, kein Stereotyp zu ausgelutscht, keine Figur zu flach und motivationsbefreit. Das fängt schon bei der Hauptfigur Konnie an: Ihr plötzlicher Sinneswandel, queer­femi­nistische Songs zu schreiben, wird an keiner Stelle versucht nachvollziehbar zu machen.

Sie arbeitet bei der Hotline des Berliner Krisendienstes – eine interessante Wahl für eine Rechtsextremistin. Von dort rekrutiert sie Hilfe suchende Jugendliche, die sie mit in die Kneipe schleppt. Die unsympathischen Glatzen freuen sich, bald schon sitzen die Mädchen auf ihren Schößen. Nein, Radikalisierung sieht wirklich anders aus.

Ein gescheitertes Experiment

Man wünscht sich, der Film sei Satire. Eine klischeehafte Satire ohne doppelten Boden, die sich über blöde Nazis und faule Punks lustig machen will, aber wenigstens eine Satire. Doch wenn man im Regiestatement von Martina Schöne-Radunski liest, dass Konnie und Rudie "wie isolierte Monaden agieren, unfähig zur echten Erkenntnis des anderen" und sie einem "Solipsismus verfallen, in dem nur ihr eigenes Erleben als real gilt", dann muss man befürchten, dass "Flieg Steil" sich tatsächlich ernst nimmt.

Das könnte alles egal sein. Es gibt genug Filme, die ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht werden. Die als Experiment – wie hier ohne Filmförderung – gestartet sind und scheitern. Doch angesichts des Themas ist "Flieg Steil" nicht nur eine filmische Zumutung, das Drama ist ein Ärgernis.

Nazis sind nicht so trottelig, wie der Film sie zeigt

Der gewaltbereite Rechtsextremismus ist eine riesige Gefahr, der mit bürgerlichem Anstrich wird wohl im Herbst Landtagswahlen gewinnen. Er ist aber nicht so trottelig, wie "Flieg Steil" ihn zeichnet, sondern höchstprofessionell, organisiert, vernetzt – und gefährlich.

Auch linksextremistische Angriffe gegen Hochspannungsmasten oder Kabelbrücken nehmen zu. Doch die im Film suggerierte Hufeisentheorie – Links- und Rechtsextremismus sind gleich gefährlich – ist vereinfachend und verschleiert die echten Bedrohungen.

Oberflächlich und ungelenk

Es gab und gibt queere Rechtsextreme, auch wenn sie sich meist nicht als queer bezeichnen wollen. Die AfD buhlt regelrecht um queere Stimmen, indem sie suggeriert, sie würde uns vor den homophoben Ausländer*innen beschützen. Ein Widerspruch, der künstlerisch verarbeitet werden sollte.

Doch "Flieg Steil" scheint sich überhaupt nicht für sein Thema zu interessieren, so oberflächlich und ungelenkt, wie es behandelt wird. Stattdessen verharmlost der Film die Gefahr, die vom Rechtsextremismus ausgeht. Was bleibt, ist fast schon Entsetzen. Ein Film zum Fremdschämen.

Infos zum Film

Flieg Steil. Drama. Deutschland 2024. Regie: Martina Schöne-Radunski, Lana Cooper. Cast: Ceci Chuh, Alexander Merbeth, Andreas Anke, Tom Lass, Cora Mainz, Rosario Bona, Lana Cooper, Katharina Behrens. Laufzeit: 86 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 16. Verleih: UCM.ONE. Kinostart: 6. August 2026
18.08.26 | "Teenage Sex and Death at Camp Miasma"
Horny Horror: Der Slasher-Film wird queer
17.08.26 | "'Nein' zur Finanzierung von Transfeindlichkeit"
Wegen Transphobie: Queere Regisseurinnen erteilen "Harry Potter"-Serie eine Absage
17.08.26 | "Jagd auf Schwule" und "Feindbild Queer"
Dokus über Queer­feindlichkeit bei ARD und ZDF
-w-