Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?59093

Buchtipp

Die Erfindung der Gertrude Stein

Mit Alice B. Toklas lebte sie jahrzehntelang sichtbar queer in Paris. Francesca Wades lesenswerte Biografie über Gertrude Stein zeigt, wie sich die US-Schriftstellerin selbst zur Ikone der Moderne stilisierte.


Gertrude Stein (1874-1946) im Jahr 1935 (Bild: Carl Van Vechten / wikipedia)

Gertrude Steins Ruhm und Ruf sei größer als der ihres Werkes, las ich in einem Zeitschriftenbeitrag. Das ist zutreffend wie die Bemerkung, dass sie für Jahrzehnte in Paris den Mittelpunkt der Moderne bildete. Dass dem so ist, das bestätigt und beschreibt jetzt erneut eine der US-amerikanischen Schriftstellerin Gertrude Stein gewidmete und lesenswerte Biografie (Amazon-Affiliate-Link ), die jüngst im btb Verlag erschienen ist, verfasst von der britischen Literaturkritikerin Francesca Wade.

Eine Berühmtheit war Stein schon bevor sie endlich in den 1930er Jahren das große Lesepublikum mit "The Autobiography of Alice B. Toklas" erreichte. Dabei hatte sie den Erfolg immer als Ziel – und vor allem und ausschließlich Erfolg. "Ehe man Erfolg hat das heißt ehe jemand bereit ist für etwas was man tut Geld zu zahlen ist man sicher daß jedes Wort das man geschrieben hat wichtig ist geschrieben zu werden."

Dieses Bekenntnis lesen wir in Steins "Jedermanns Autobiographie" von 1937, wobei hier zweierlei auffällt: Stein kannte als Satzzeichen nur den Punkt – und wer nicht gerade erst das Lesen lernt, hat damit wohl auch kein Problem, weil wir erstaunlicherweise die fehlenden Kommas trotzdem mitlesen. Und zweitens zeugt die Aussage von einem ausgeprägten Selbstbewusstsein. Doch Selbstbewusstsein ist die eine Seite, der andauernde Frust über die ausbleibende schriftstellerische Anerkennung seit ihrem Debüt 1909 mit "Three Lives" die andere Seite.

Eine queere Ikone


Francesca Wades Gertrude-Stein-Biografie ist Ende Juli 2026 bei btb erschienen

Stein hat an der Mythisierung ihrer Person wesentlich mitgearbeitet. Dass sie außerdem zu einer queeren Ikone aufstieg, ist der simplen Tatsache geschuldet, dass sie jahrzehntelang mit Alice B. Toklas, die wie Stein US-Amerikanerin war, in einer Quasi-Ehe lebte und das sichtbar in aller Öffentlichkeit. Die zwei Amerikanerinnen in Paris verband dabei eine doppelte und unzertrennliche Liebe bis in den Tod, nämlich die füreinander und schließlich ihre gemeinsame Liebe zu Paris.

Dass sie als Paar auffielen, war Absicht. Dazu trug vor allem Steins Outfit mit dazu bei und auch die Entscheidung für das kurzgeschnittene Haar, was ihre Maskulinität unterstrich. Toklas hingegen blieb in ihrer Erscheinung damenhaft elegant. Und so war auch die Rollenverteilung in ihrer lesbischen Beziehung. Toklas war diejenige, die Stein umhegte, ihr den Alltag vom Hals hielt. Stein brauchte sich um nichts anderes zu kümmern als um das Schreiben und nach und nach eine bedeutende Kunstsammlung anzulegen mit sehr vielen Picassos darin.

So gesehen, hatte Toklas keinen geringen Anteil daran, dass Stein zu der Persönlichkeit wurde, als die wir sie heute erinnern. In einem von Toklas geführten Notizbuch findet sich diese Aussage: "Bitte vergiss nicht dass du der glorreichste und hervorragendste Ehemann bist den eine fleißige Ehefrau je hatte." Viel später antwortete sie auf die Frage eines Studenten, wie Steins Geschlecht ihre Arbeit beeinflusst habe: "Aus psychologischer und emotionaler Sicht war Gertrude Stein weder eine Frau noch ein Mann. Sie war wirklich beides – in ihrem Denken und in ihren Gefühlen."

- Werbung -

Sie waren füreinander bestimmt

Francesca Wade kam nach allem, was sie über die Beziehung der beiden herausfand, zu der Erkenntnis, dass sie sich nicht als eine Liebesgeschichte im üblichen Sinne erzählen lasse. Denn offenbar war beiden mit ihrer ersten Begegnung klar, dass sie füreinander bestimmt waren. Es gab von Anfang an diese Unzertrennlichkeit und die ebenso klare Rollenverteilung. Steins frühere Lieben wurden konsequent verbannt und Toklas wachte eifersüchtig darüber, dass das so blieb.

Anfangs teilten sich die beiden die Wohnung in der Rue de Fleurus (unweit des Jardin du Luxembourg gelegen) mit Steins Bruder Leo, leidenschaftlicher Kunstsammler wie seine Schwester. Doch störten ihn mehr und mehr die freizügigen Zuneigungsbekundungen der beiden, wie er einem gemeinsamen Freund gestand, und zog es vor, nach Florenz umzuziehen. Auch wenn alle von der lesbischen Beziehung wussten, so wurde in der Öffentlichkeit nicht darüber geredet. Und wenn doch, dann vorzugsweise in literarischer Form – wie etwa Djuna Barnes mit den Bettgeschichten der "Paris-Lesbos-Gemeinschaft" in "Ladie's Almanach". Doch waren Stein und Toklas nicht Teil dieser Lesben-Subkultur.

Zwei Bücher in einem

Eigentlich hat Wade zwei, fast gleich starke Bücher geschrieben: Der erste Teil befasst sich mit Steins Biografie und endet mit ihrem Tod 1946. Der zweite Teil ist überschrieben mit "Nachleben" und widmet sich insbesondere der nun 'Witwe' gewordenen Alice B. Toklas, die Gertrude um mehr als zwanzig Jahre überlebte, und trägt so auch dem Umstand Rechnung, dass mit dem unveröffentlichten Nachlass immer wieder Neues an den Tag kam.

Wade gesteht: "Je mehr ich über Stein lernte, desto mehr faszinierten – und verwirrten mich ihre Widersprüche. Ich mochte ihre unermüdliche Selbstmythologisierung, ihr ironisches Austesten der Grenzen in Genre und Gender." Der Autorin gelingt das Porträt, das durch den zweiten Teil zum Doppelporträt wird, erzählerisch ebenso spannend wie anschaulich. Wade bringt uns zwei Leben nahe, in der eben das Widersprüchliche nicht geglättet wird, sondern als offene Fragen stehenbleibt. Die biografischen Schattenseiten haben also darin ebenso ihren Platz. Denn Stein hatte die Menschen um sich herum auch gerne benutzt, solange sie ihr für ihr Lebensziel nützlich erschienen. Und dieses Lebensziel war nun mal der Erfolg als Schriftstellerin.

Er kam, aber er kam spät – da war sie bereits sechzig – und hält als Ruhm bis heute an. Wade gewährt uns dazu eine Menge Einblicke hinter die ikonische Fassade.

Infos zum Buch

Francesca Wade: Gertrude Stein. Eine Biografie. Aus dem Englischen von Britta Fietzke. 624 Seiten, btb. München 2026. Gebundene Ausgabe: 28 € (ISBN 978-3-442-76351-1). E-Book: 24,99 €

Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.

-w-