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Interview
"Wer von meinen queeren Geschwistern kennt unsere Flagge?"
Wir sprachen mit Drag-Künstlerin und Aktivistin Mieze McCripple über Hass und Ableismus, fehlende Solidarität, Queerfeminismus, Neurodiversität, Privilegien unter Disabled – und warum Glamour für sie kein Trend, sondern ein Gefühl ist.

Mieze McCripple 2024 in der ZDF-Reihe "einfach Mensch" (Bild: ZDF / Ben Knabe)
- Von Marcel Malachowski
9. August 2026, 13:44h 15 Min.
Die Stimmung in Deutschland war ja schon mal zumindest etwas menschenfreundlicher. Während die Mehrheitsgesellschaft dort ja schon immer weltberühmt war für ihre eingebildete German Angst vor allem und jedem außerhalb ihres Kleingeistes, ihrer Kleinwagen und ihrer Kleingärten, müssen Marginalisierte und Misfits mittlerweile wieder reale Angst haben. Wie siehst du die allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen dieser letzten zwei, drei Jahre der Hetze, des radikalen Sozialabbaus und der Entsolidarisierung mit den "vom Schicksal Erschlagenen", um es mit Visconti zu sagen?
Ich würde noch weiter zurückgehen: Gerade seit Corona ist Ableismus, also Behindertenfeindlichkeit, wieder sehr salonfähig geworden. Wir als Gesellschaft haben in dieser Zeit eine Entscheidung treffen müssen: Schützen wir diejenigen, die ein besonders hohes Risiko haben, oder ist es uns egal, dass manche Menschen in unserer Gesellschaft sterben werden? Plötzlich waren – fehlinterpretierte – Sprüche wie "Survival of the fittest" wieder überall zu hören, und dass nicht jeder Mensch dieselben Chancen hatte, diese Pandemie zu überstehen, war vielen Menschen großspurig egal. Einige Jahre später wird von Angriffen auf Wohnheime für Behinderte berichtet. Ungefähr zeitgleich sagt Höcke: "Behindertes Leben" sei "nicht lebenswert". Der Euthanasie-Gedanke aus der Nazizeit ist allgegenwärtig, jedoch nicht nur unter Menschen mit rechter Gesinnung, auch bei der Jugend in vermeintlichen TikTok-Trends: "Ich würde mein Kind abtreiben, wenn's behindert wäre, aber für diese Unterhaltung seid ihr nicht bereit."
Dabei bin ich absolut für die freie Entscheidung zur Abtreibung, ohne Rechtfertigung. Jedoch wird in diesem Kontext auch wieder davon gesprochen, dass behinderte Kinder kein lebenswertes Leben führen würden. Dass es eine Qual wäre, so zu leben. Und solche Narrative füttern immer wieder den Gedanken, dass Menschen wie ich zu bemitleiden seien. Dabei wollen wir nicht das Mitleid der Gesellschaft, sondern ihre Solidarität. Meine Behinderung ist sichtbarer als meine Queerness – zumindest, wenn ich Mobilitätshilfen benutze. Doch es ist keine zwei Jahre her, da hat ein weiß-deutscher Mann mich geschubst, als ich meine Ex-Partnerin am Bahnsteig küsste. Seine Erklärung: "Ihr landet in der Hölle, ihr ekelhaften Homos!" Ein christlicher, weißer Mann.
Ein paar Monate später sagten zwei Neonazis in der Bahn zu mir: "Jemanden wie dich hätten wir früher vergast." Der Hass und die Abwertung sind allgegenwärtig. Unabhängig von Geschlecht, Ethnie und Alter. Es sind oft diejenigen, die aussehen wie mein Vater oder Bruder, die mich am ehesten anfeinden. Doch als weibliche Dragqueen habe ich ebenso das Privileg, dass ich von vielen Menschen der Dominanzgesellschaft nicht ernst genommen werde. Das bedeutet, dass ich nicht mit dem Vorwurf der Pädokriminalität konfrontiert werde, wenn ich in Drag Kindern vorlese, und mir auch keine Transfeindlichkeit oder Queerfeindlichkeit zuteilwird – die meiste Zeit -, da sie mich als komisch geschminkte Frau lesen.
Du bezeichnest dich ja selbst als "großer Fan von Pinguinen und intersektionellem Queerfeminismus". Die meisten Menschen außerhalb von Berlin-Friedrichshain werden aber vielleicht noch nie etwas von dieser politischen Richtung gehört haben. Wie würdest du diesen Queerfeminismus Otto Normalbürger*in, Lieschen Müller und Erika Mustermann erklären? Im Stil von Günther Jauch ganz naiv gefragt: Was unterscheidet ihn vom Feminismus? Und was genau sind denn FLINTA*? Und kann da jede*r mitmachen?
Ich denke schon, dass es auch außerhalb von Berlin Menschen gibt, die diesen Begriff kennen – oder ihn nicht kennen, aber seine Werte leben. Queerfeminismus ist eine Strömung des Feminismus, bei dem man intersektionell auch die Menschen aus der LGBTQ+-Community in seine politische Arbeit mit einschließt. Das Akronym "FLINTA*" beinhaltet: Frauen, Lesben, intergeschlechtliche Menschen, nichtbinäre Menschen, Menschen, die trans sind, und Menschen, die sich als Agender identifizieren. Gerade über diesen Begriff wird aktuell viel debattiert in unseren Communitys, denn man stellt sich die Frage: Heißt das einfach, dass alle kommen können, außer cis Männern? Denn woher erkennen wir, ob die männlich gelesene Person mit Bart nun ein trans Mann ist oder ein cis Mann oder nichtbinär?
Das Problem liegt also oft darin, dass wir eine Auflistung derer teilen, die eingeladen werden, aber nicht kontrollieren können, ob sie denn tatsächlich eingeladen sind. Wir wollen jedoch auch nicht, dass Menschen sich outen müssen, um in diese Räume zu kommen. Es ist also ein Begriff, der oft Räume konstruiert, in denen sich hauptsächlich weibliche und weiblich gelesene Menschen wohlfühlen. Viele nichtbinäre Menschen oder trans Personen schildern aber immer öfter ihre Ängste, in diesen Räumen nicht willkommen zu sein. Es ist also ein Versuch, einen inklusiven Raum zu kreieren, in dem Menschen willkommen sind, die von patriarchaler Gewalt betroffen sind. Doch er ist weiterhin ausbaufähig.
Ich denke, dass wir überlegen müssen, warum wir diesen Begriff benutzen und in welchem Kontext unser Event oder unsere Location steht. Ist es ein Aufklärungsabend über Endometriose? Da braucht es nicht FLINTA*, sondern zum Beispiel cis Frauen und Menschen mit Uterus. Das ist eine weitere "steile These" meinerseits: Der Queerfeminismus neigt dazu, dass wir geschlechtsneutrale Begriffe für vieles verwenden, um möglichst inklusiv zu sein, zum Beispiel "stillende Menschen" oder "Menschen, die menstruieren". Ich finde das Inkludieren von trans und nichtbinären Menschen enorm wichtig, doch in diesen Formulierungen werden Frauen wieder nur "mitgemeint". Ähnlich wie beim generischen Maskulinum. Daher wünsche ich mir vom Queerfeminismus, dass er es schafft, inklusiv zu sein, ohne Unsichtbarkeiten zu erzeugen. Wir können mehrere Gruppen gleichzeitig benennen, denn es wurde lange Zeit dafür gekämpft, dass Frauen in Sprache auftauchen, und ich glaube daran, dass wir Wege finden, queerfeministische Sprache inklusiver zu gestalten.
Du bist auch ein Fan von Leoprint und der Farbe Ros… Ist es nicht ein interessantes Phänomen in der Straßen- und Alltagsmode, dass Rosa und zumal Pink nur in protestantisch geprägten Ländern mit ihrer tradierten Körper- und Sexualfeindlichkeit als "schwul" gelten und im öffentlichen Raum besonders verhasst sind, aufgrund kuriosester und fantasieaufgeladener Zuschreibungen über die Träger*innen, ganz besonders in Deutschland? In Großbritannien, Irland, Südeuropa, Afrika, Asien, selbst in vielen arabischen und islamischen Ländern und vor allem auch in Brasilien und ganz Süd- und Mittelamerika gelten Rosa, Lila und sogar Pink als ganz "normale" männliche Farben. Nicht nur die populärsten Fußball-Clubs, vor allem in Brasilien, Italien oder Argentinien, trugen schon immer pinke Trikots. Warum haben Protestant*innen denn bloß solch ein persönliches Problem mit Rosa, Pink und ihrer eigenen Geschlechtsidentität, welches sie dann in andere hineininterpretieren?
Farben haben keine feste Bedeutung und kein zugewiesenes Geschlecht. Sie bekommen ihre Bedeutung durch Kultur, Geschichte und gesellschaftliche Normen. Dass Rosa in manchen Kontexten als "unmännlich" oder "schwul" gilt, ist kein Naturgesetz und auch nicht überall gleich. Tatsächlich gibt es viele Länder und Regionen, in denen Männer selbstverständlich Rosa oder Pink tragen, ohne dass das ihre Männlichkeit infrage stellt.
Spannend ist eher die Frage, warum bestimmte Gesellschaften so stark darauf bestehen, Männlichkeit von Weiblichkeit abzugrenzen. Wenn Rosa als problematisch gilt, dann oft deshalb, weil alles, was als weiblich gelesen wird, abgewertet wird. Homophobie und Sexismus hängen hier eng zusammen: Die Angst, als schwul oder "nicht männlich genug" wahrgenommen zu werden, sagt weniger über die Farbe aus als über die gesellschaftlichen Erwartungen an Männer. Und beinhaltet immer eine Abwertung der Weiblichkeit gegenüber. Denn die wahrgenommene "Feminität" wird hierbei ja zum Instrument des Hasses oder als Marker für "Schwäche".
Ob das tatsächlich mit dem Protestantismus zusammenhängt, halte ich für schwer nachzuweisen. Religiöse Prägungen können natürlich eine Rolle spielen, aber genauso wichtig sind nationale Traditionen, Popkultur, Modegeschichte und politische Entwicklungen. Ich würde deshalb nicht sagen, Protestant*innen hätten ein "Problem mit Rosa". Interessanter ist zu beobachten, wie unterschiedlich Geschlechterbilder weltweit ausgehandelt werden und wie willkürlich viele dieser Regeln letztlich sind. Gleichzeitig kenne ich auch viele Frauen, die lange Zeit Rosa abgelehnt haben: Es sei zu klischeehaft, es sei zu kindlich, es sei zu sehr mit Sexismus aufgeladen. Am Ende müssen wir erkennen, dass unsere Gesellschaft alles mit Geschlechtern markiert, nicht nur Farben. Und genau dies gilt es doch aufzubrechen, zu hinterfragen und transparent zu machen.
Thomas Quasthoff bezeichnete sich selber als "Luxus-Krüppel" und wies damit auf die menschenunwürdigen Lebensbedingungen vieler Disabled in Deutschland mit wenig Geld hin – ebenso wie immer wieder Raul Krauthausen. Die Gesellschaft ist geprägt durch extremste Klassenungerechtigkeit, durch extremste Chancen- und Vermögensungerechtigkeit. Gibt es nicht auch innerhalb der Disabled extremste Klassenunterschiede zwischen Privilegierten und Prekarisierten, die dann über das konkrete Leiden im Alltag entscheiden?
Es ist definitiv ein wichtiger Aspekt, dass jede marginalisierte Gruppe in Bezug auf Privilegien in ihren eigenen Reihen Unterschiede aufweist. Dies schließt die disabled community absolut mit ein. Ich bin in diesem Kontext zum Beispiel dadurch privilegiert, dass ich eine "dynamische Behinderung" habe, was bedeutet, dass ich an manchen Tagen und in manchen Situationen am Gehstock gehe und in anderen Momenten einen Rollstuhl brauche. Das ist vor allem innerhalb der barrierevollen Umwelt ein enormes Privileg, dass ich beispielsweise auch Stufen bewältigen kann, selbst wenn es mir große Schmerzen bereitet. Manche dieser Privilegien sind mir allgegenwärtig präsent, andere erkenne ich selbst auch erst im Austausch mit Betroffenen. So ist eine "rollstuhlgerechte Toilette" nicht rollstuhlgerecht, wenn es dort keinen Lifter gibt, um Menschen mit einem Liftertuch auf die Toilette heben zu können. Doch auch mir ist so etwas nicht direkt aufgefallen.
Dazu kommt natürlich auch generell die strukturelle Diskriminierung. Ich bin nicht nur behindert, sondern auch weiblich und dick. Hysterie-Stigmatisierungen und Fettfeindlichkeit schwingen stets in medizinischen Kontexten mit. Doch mein Weiß-Sein spielt ebenfalls eine Rolle: Hierbei erleiden beispielsweise Schwarze behinderte Menschen meist noch mehr Diskriminierung in der Medizin, ebenso natürlich trans Personen. Gleichzeitig ist es dennoch eine andere Lebensrealität, wenn die Behinderung aus chronischen Erkrankungen resultiert: Mein Körper ist nicht stagnant behindert. Er ist eine tickende Zeitbombe, die mich von heute auf morgen zum Pflegefall machte, zumindest temporär. Es bedeutet permanente Ärzt*innentermine und fortschreitende Symptomatiken. Es bedeutet regelmäßige Notfallaufnahmen und ein gestörtes Vertrauen in einen Körper, der einen sabotiert.
Das ist eine Komponente, die ich selten in solchen Diskursen erlebe: Chronisch erkrankt und behindert zu sein, ist ein stetiger Kampf mit dem eigenen Körper, nicht nur mit den Barrieren von außerhalb. Außerdem spielt immer das Support-System eine Rolle: Wer unterstützt mich? Wer nimmt mich ernst? Wer liebt mich? Wer ist nicht nur akzeptierend, sondern auch solidarisch?
Mein größtes Privileg ist eben genau das: Ich habe viele wundervolle Menschen in meinem Leben, die mich unterstützen, die sich einlesen in meine Symptomatiken, die mich nicht trotz meiner Behinderung lieben, sondern mich als ganzes Individuum mit behinderter Identität. Menschen, die mit mir gegen Ableismus kämpfen, und das in jedem alltäglichen Aspekt.
Privilegien sind im Kapitalismus ja einzig abhängig von der elterlichen Herkunft und deren Klassenherkunft, auch der Zugang zu medizinischer Behandlung, zu Medikamenten und damit das Überleben ist einzig abhängig von Geld. Aber ist Deutschland denn nicht auch in Sachen Neurodiversität einige Jahrzehnte zu spät dran? In Italien gab es schon in den 1970er und 1980e -Jahren eine grundlegende Psychiatrie-Reform, die man als Revolution bezeichnen konnte. In Südamerika und Südeuropa hat man seit jeher ein entspannteres Verhältnis zu neurodiversem Fühlen, Denken, Wahrnehmen, Empfinden und Verhalten: Wenn in Neapel ein Kind laut ist, gilt es als gesund; in Nordeuropa würde es als therapiebedürftig eingestuft. Zur großen Freude der Pharma- und Therapie-Industrie und der "Sozialen Träger", die mit jeder noch so kleinen "Abweichung" und ihrer "Sorge" darum Milliarden verdienen…
Mein Fachwissen in Bezug auf die jeweiligen Wissensstände anderer Länder ist da begrenzt, was ich jedoch weiß: Neurodiversität ist kein medizinischer Begriff, sondern ein soziopolitischer. Die autistische Soziologin Judy Singer entwickelte diese These im Rahmen ihres Studiums: dass die menschliche Spezies von Natur aus eine neurodiverse Spezies sei, dass es neurologisch keine "Norm" und die krankhafte "Abweichung" gäbe, sondern dass die Diversität die Norm darstellt. Ich denke, dass wir uns aktuell in einer spannenden Zeit befinden, was das angeht. In meiner Bachelorarbeit "Unsichtbare Behinderungen als Faktor der sozialen Teilhabe" thematisierte ich auch das Nutzen von Selbstbezeichnungen: Alle befragten Interviewpartner*innen fühlten sich sehr gesehen und wohl mit dem Label "neurodivergent", doch nicht alle konnten sich mit dem Begriff "unsichtbar behindert" identifizieren – obwohl sie durch ihre Symptomatiken alle gehindert waren. Dem zugrunde liegt definitiv die negative Konnotation des Wortes "behindert". Gleichzeitig sind wir durch die permanente Zugänglichkeit zu Meinungen, Wissensständen oder vermeintlichen Fakten auch als Gesellschaft viel öfter in Untersuchungsprozessen.
Zusammengefasst: Es ist wundervoll, dass viele neurodivergente Menschen Zugehörigkeit erfahren durch die Social-Media-Community, dass sie Selbstbezeichnungen nutzen, die ihnen guttun, und dass wir in Austausch miteinander gehen. Gleichzeitig ist es eine schwierige Balance aktuell, da wir nicht jeden Aspekt von uns und anderen pathologisieren sollten. Hierbei ist vor allem das inflationäre Nutzen der sogenannten "Therapie-Sprache" zu problematisieren. Denn ja, wir betrachten vieles sofort als etwas Krankhaftes oder nutzen fachliche Begriffe für etwas, das etwas komplett Normales ist. Dinge prägen uns negativ, sind dadurch jedoch nicht direkt traumatisch. Manche Sachen stören uns, sind dadurch aber keine Trigger. Dieses Verwässern der Begriffe ist ungemein schädlich für diejenigen, die tatsächlich mit diesen Symptomatiken zu kämpfen haben.
Diese Verwässerung der Begriffe und die Inflation der PR-getriebenen Leidensbekenntnisse von Influencer*innen und Promis zunehmend auch in als seriös geltenden Medien führen ja tatsächlich zu einer zynischen Relativierung des Leidens wirklich Betroffener. Aber ist es nicht ein großes Problem, dass Marginalisierte und Prekarisierte nicht alle selber für ihre Rechte kämpfen können, mangels Kraft, Energie, Zeit, Ressourcen und Geld? Müssten nicht daher andere viel mehr für Rechte dieser Menschen kämpfen, ohne den typischen Paternalismus und Maternalismus, den es in der Vergangenheit allzu oft von links gab und gibt?
Definitiv. Wir sehen es immer öfter im Kampf gegen ME/CFS, wo Verbündete oder Angehörige für die erkrankten Menschen stellvertretend demonstrieren, teilweise in liegenden Demonstrationen. Das ist schlussendlich der Kern von Intersektionalität: Diejenigen mit Privilegien sollten diese nutzen, um denen ohne Privilegien im Kampf zur Seite zu stehen. Doch tatsächliche Solidarität ist selten. Wo sind die queeren Menschen, die bei Veranstaltungen auf Barrieren achten und diese den Veranstalter*innen aufzeigen? Wieso gibt es so wenige Disability-Pride-Demos? Wer von meinen queeren Geschwistern kennt unsere Flagge? Jede marginalisierte Gruppe braucht Verbündete, Menschen, die über unsere Belange sprechen, auch dann, wenn wir nicht anwesend sind. Vor allem in Räumen, die für uns nicht zugänglich sind. Ich wünsche mir das sehr, aber allumfassend für unsere generelle intersektionelle politische Arbeit. Vielleicht bleibt dies nicht für immer ein Wunschdenken, doch im Kontext Behinderung fühlt es sich aktuell noch absolut so an.
Aber Selbstbestimmung war ja ein großer Slogan der Schwulenbewegung der 1970er Jahre und wurde dann auch von anderen Bewegungen für ihre Kämpfe übernommen. Mittlerweile ist er fast schon zum Werbeslogan verkommen, und auch große Unternehmen benutzen den Begriff heute sinnentleert, um etwas zu verkaufen. Müsste der Begriff nicht wieder zum echten Kampfbegriff werden?
Selbstbestimmung bezieht sich auf so viele Ebenen der Marginalisierung. Selbstbestimmt leben für Menschen mit Behinderungen, Selbstbestimmung über den eigenen Körper, Selbstbestimmung über die eigene Identität. Ich denke, dass es verschiedene Kämpfe sind, die jedoch alle sinnhaft und wichtig sind. In Zeiten wie heute, wo Diversität oft ein Marketingtrend wird, ist das Nutzen unserer Kämpfe sicherlich auch zu kritisieren, wenn darauf keine gelebte Solidarität folgt. Jedoch empfinde ich es nicht so, dass zumindest die Communitys, in denen ich mich bewege, den Begriff verwässern.
Noch mal zurück zum wichtigsten Thema: Mode. Du selber bevorzugst ja sehr glamouröse Bühnen-Outfits. Karl Lagerfeld meinte einmal, seit es keine allgemein verbindliche Kleidungsordnung in der Gesellschaft mehr gäbe, gehe es modisch immer mehr bergab. Wenn man das zweifelhafte Vergnügen hat, sich mal einen Tag in Berlin umzugucken, kann man das leider unterstreichen. In Hamburg und Düsseldorf ist man ja immer noch etwas kultivierter. Wie siehst du die Mode von heute? Glamour gibt es in der westlichen Welt eigentlich nicht mehr, oder? Und apropos Glamour und Anti-Glam: Wie findest du Taylor Swift und ihre Show-Ästhetik? Ist sie mit ihrer Diva-Attitüde die Rückkehr des Glam-Pop oder der Abgesang auf Glitter, Glitzer und Gala?
Mode ist tatsächlich in meiner Rangliste der Themen eher weiter unten angesiedelt, aber why not. Meine Bühnenoutfits haben mehr damit zu tun, mein inneres Kind zu heilen, als dass sie einem modischen Kompass folgen. Ich bin in Drag die glitzernde Prinzessin, die ich in meiner durchaus schwierigen Kindheit nie sein durfte, und in meinem Alltag wäre es etwas unpraktisch, lange Paillettenkleider mit Tüll zu tragen.
Ich sehe Mode nicht als etwas, das einem einen Trend diktiert, sondern es ist eine Ausdrucksform der eigenen Identität. Ich finde es großartig zu sehen, wie vor allem queere Jugendliche ihren Ausdruck in Kleidung finden und wie kreativ viele dabei sind. Ich sehe Upcycling, ich sehe alternative Einflüsse, Subkulturen, die wieder aufleben, und das Experimentieren mit Make-up und verschiedenen Ästhetiken. Das ist das, worüber wir reden sollten: wie wundervoll es sein kann, mit Geschlechtsperformance zu spielen und gegen Stereotypen hinweg seinen eigenen Stil zu finden, und dass es dies zu unterstützen gilt.
Was Popsternchen tragen, interessiert mich nicht. Ich verfolge da auch niemanden in so einem Kontext. Glamour ist in meinen Augen ein Gefühl und keine vorgegebene Marke oder ein Prozentsatz an Glitzersteinchen. Sich im Spiegel anzusehen und sich wunderschön, stark und einzigartig zu fühlen, ist genau das, was ich mit Glamour verbinde, und ich denke, dass dieses Gefühl durchaus auch über Drag hinaus mehr Verbreitung finden sollte. Dies wird aber immer weniger geschehen, je mehr wir Menschen bewerten nach ihrer Optik und ihren Kleidungsentscheidungen oder Thesen aufstellen, welche Mode nun tragbar wäre und welche nicht.
Vor allem als dicke, weiblich sozialisierte Person habe ich immer wieder feststellen müssen, dass Mode nicht gleich Mode ist, wenn ein dicker Körper sie trägt. Dünn zu sein, ist Teil der Ästhetik, vor allem Anfang der 2000er, aber auch heute sind wir wieder auf dem Weg dorthin. Ein einzigartiger Stil ist jedoch unabhängig von dem Körper, der ihn trägt, und wir sollten weg vom Anhimmeln normschöner Popsternchen und hin zum Empowern aller Körper, die viel zu selten Repräsentanz innerhalb der Celebrity-Welt finden.














