Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?59114

25 Jahre No Angels

Wie Deutschlands größte Girlband meine queere Scham heilte

Zum 25-jährigen Bandjubiläum der No Angels geht es um weit mehr als Pop-Nostalgie. Es geht um Empowerment, Sichtbarkeit, Freundschaft – und darum, warum diese Band queeren Menschen heute noch so viel bedeutet.


Die No Angels im Jahr 2009 (v.l.n.r.): Nadja Benaissa, Sandy Mölling, Lucy Diakowska und Jessica Wahls (Bild: IMAGO / eventfoto54)

Ein Sommerabend im Juni 2022: Die No Angels sind wieder da und spielen in der Berliner Wuhlheide das bislang größte eigene Konzert ihrer Karriere. Jess, Sandy, Nadja und Lucy betreten die Bühne, und Zehntausende singen, jubeln, schreien. Es klingt, als würde etwas aufbrechen, was viel zu lange auf diesen Moment gewartet hat. Ich schaue mich um und sehe Männer, die einander umarmen, miteinander tanzen, sich küssen. In diesem Moment denke ich an den Jungen zurück, der in seinem Kinderzimmer zu den No Angels tanzt. "Bravo"-Poster an den Wänden, ausgeschnittene Songtexte im Sammelordner und das Debütalbum "Elle'ments" in Dauerschleife. Nichts macht ihn glücklicher als diese Musik. Doch auf dem Schulhof wird sie zur Angriffsfläche: "voll schwul". Der Junge weiß noch nichts von seiner Queerness, aber kennt schon das Gefühl, sich verstecken zu müssen. Er lernt, dass das, was ihm Freude bereitet, etwas ist, worüber andere lachen. Da wird mir klar, dass dieser Abend nicht nur die Geschichte der erfolgreichsten deutschen Girlband erzählt. Es ist auch die Geschichte meiner queeren Scham.

Als die No Angels Anfang der 2000er Jahre aus der ersten deutschen "Popstars"-Staffel hervorgehen, sind sie schon ganz oben, bevor sie überhaupt erahnen können, was das bedeutet. Ihr Debüt "Daylight In Your Eyes" wird 2001 zur meistverkauften Single des Jahres. Es folgen Nummer-1-Hits, Gold- und Platinauszeichnungen, ausverkaufte Tourneen, ikonische Looks, Rückschläge, Trennungen und Comebacks. 25 Jahre später sind Nadja Benaissa, Lucy Diakovska, Sandy Mölling und Jessica Wahls (Vanessa Petrou ist seit der Trennung 2003 nicht mehr dabei) immer noch da – als feste Größe der deutschen Popkultur. Die No Angels haben eine ganze Generation geprägt, die zwischen "Bravo"-Zeitschriften, Jamba-Sparabos, Maxi-Singles, VIVA und Castingshows in einem Deutschland aufwächst, das für queere Jugendliche oft kein besonders freundlicher Ort ist.

Ich verstecke meine Lieblingsmusik

"Der hört ja Mädchenmusik!", wird mir auf dem Schulhof nachgerufen. Ich drehe den Discman leiser und verstecke meine Lieblingsmusik, als müsse ich mich dafür entschuldigen, was mich berührt. Gleichzeitig werden auch die No Angels zu Beginn ihrer Karriere in eine Rolle gedrängt und bekommen das Etikett der Retortenband verpasst. Es vergeht kaum eine Fernsehsendung, in der sie nicht a cappella singen, nur um zu beweisen, dass sie es draufhaben. Sie werden in eine Schublade gesteckt und von anderen definiert – dass erfolgreicher weiblicher Pop selten nur nach der Musik bewertet wird, zieht sich bis heute durch. Doch während ich mich weiter zurückziehe, beginnen sich die fünf Frauen gegen diese Zuschreibungen zu wehren.

Im Mai 2002 erscheint "Something About Us". Der von Vanessa Petrou mitgeschriebene Song verarbeitet das erste Jahr im Rampenlicht, greift Vorurteile auf und macht daraus eine sarkastische und selbstbewusste Pop-Hymne, die einen weiteren Meilenstein der Band markiert. "Irgendwann möchte ich, dass wir sagen können: Ok, die haben sich totgelacht, jetzt beweisen wir denen, was wir können", sagt Vanessa schon während der Zeit bei Popstars – und genau das tun sie. Im ikonischen, 2003 mit dem Echo ausgezeichneten Musikvideo tanzen sie in einer Zeitungsdruckerei, während hinter ihnen schon die nächsten Schlagzeilen gedruckt werden – darunter auch Lucys Queerness. "Respect is what it's all about!", singen sie und liefern einen wichtigen Moment weiblicher Selbstermächtigung in der deutschen Popmusik. Die No Angels lassen sich nicht länger erzählen – sie erzählen sich selbst.

Direktlink | Musikvideo "Something About Us"
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Die No Angels werden zu meinem Zufluchtsort

Sich nicht von den Blicken anderer definieren lassen, die eigene Geschichte zurückerobern, aus Verletzungen Schönheit entstehen lassen, aus Zuschreibungen Selbstbewusstsein und aus Ausgrenzung Gemeinschaft – heute erkenne ich darin ein zutiefst queeres Motiv. Natürlich hätte ich das als Kind nicht so benennen können. Aber dass dieser Song auch meine Geschichte erzählt, habe ich sofort gespürt. Die No Angels werden zu meinem Zufluchtsort, weit weg von den Erwartungen an Männlichkeit, die mir der Schulhof zu diktieren versucht. Sie zeigen mir Weiblichkeit als Stärke, singen von Freundschaft, Herzschmerz, Sehnsucht und Zusammenhalt. Pop ist für viele queere Jugendliche ein Ort, an dem Identität möglich ist, lange bevor sie im eigenen Leben selbstverständlich sein kann.

Heute ist sich die Band ihrer besonderen Bedeutung innerhalb der queeren Community bewusst. Sie positionieren sich gegen Queerfeindlichkeit, widersprechen politischen Angriffen auf queere Rechte, engagieren sich gegen die Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen und stehen für queere Sichtbarkeit. Dabei ist es vor allem Lucy Diakovska, die queeres Leben seit Jahrzehnten sichtbar macht. Wie viele von uns wurden durch ihren selbstverständlichen Umgang mit ihrer Homosexualität in ihrem eigenen Coming-out bestärkt und begleitet? Als 2021 ihr Sommerhit "Still In Love With You" neu aufgelegt wird, zeigt das dazugehörige Musikvideo auch zum ersten Mal in der Bandgeschichte eine lesbische Liebesszene und wird von der "L-Mag" zu einem der zehn besten queeren Videos von lesbischen und bisexuellen Künstlerinnen des Jahres gekürt.

Direktlink | Celebration Version von "Still In Love With You"
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Diese Sichtbarkeit wäre zu Beginn der Nullerjahre, als Filme wie "Der Schuh des Manitu" Homosexualität als Pointe inszenierten oder schwulenfeindlicher und sexistischer Rap die Charts stürmte, wahrscheinlich undenkbar gewesen. Dennoch lassen sich im Werk der No Angels queere Lesarten entdecken: Das Musikvideo zu "No Angel (It's All In Your Mind)" (2003) wurde von Andy Warhols Silver-Clouds-Installation inspiriert und spielt dabei selbstbewusst mit dem male gaze. Der Berg an flackernden Neonröhren in "One Life" – 2009 mit dem schwul-lesbischen Szenepreis zum "Song des Jahres" ausgezeichnet – erinnert an einen Scheiterhaufen und weist so auf die mediale Hexenjagd gegen Nadja hin, als im selben Jahr ihr HIV-Status öffentlich gemacht wird.

- Werbung -

Vier Frauen als Chosen Family

Wer heute ein No-Angels-Konzert besucht, erlebt vier Frauen, die sich mit Blicken, Berührungen und kleinen Gesten versichern, dass sie einander tragen. Auch durch Zeiten, die nicht vom Erfolg erzählen: Ihr erstes Comeback im Jahr 2007 wird vorschnell als gescheitert erklärt. Beim Eurovision Song Contest landen sie auf einem der hinteren Plätze und werden zur Zielscheibe von Spott und Häme. Dann Nadjas Gerichtsverfahren. Erst gefeiert, dann abgeschrieben. "Wir waren Fremde. Von Fremden wurden wir zu Kolleginnen. Von Kolleginnen zu Freundinnen und heute sind wir eine Familie", sagt Nadja bei einem diesjährigen Konzert in Porta Westfalica, während sich die anderen die Tränen aus den Augen wischen. Ihre Beziehung untereinander hält sie zusammen. Die No Angels verkörpern damit etwas, das in queeren Communities eine besondere Bedeutung hat: Chosen Family. Die Familie also, die nicht durch Verwandtschaft entsteht, sondern durch Vertrauen, Loyalität und die bewusste Entscheidung füreinander.

Von ihrem Zusammenhalt erzählt Nadja auch im Podcast "Over The Pop" von "Popstars"-Kolleg*innen Rebecca Miro und Faiz Mangat: Als die Plattenfirma wegen ihrer HIV-Infektion ein Meeting einberuft – mit dem unglaublichen Ziel, sie aus der Band zu drängen -, ist es Sandy, die sofort widerspricht. Die Band stellt sich gesammelt hinter Nadja. Daran ändert sich auch nichts, als sie 2009 zum Ziel einer medialen Hetzjagd wird. Heute schenkt sie mit ihrer Geschichte und ihrem Engagement gegen die Stigmatisierung von HIV/Aids unzähligen Menschen Sichtbarkeit. 2009 wird sie deshalb vom schwul-lesbischen Szenepreis zur "Persönlichkeit des Jahres" gewählt.

Der Soundtrack unserer Coming-outs

Je länger ich über die No Angels nachdenke, desto mehr erkenne ich, wie eng ihre Geschichte mit meiner eigenen verwoben ist: Heilung ist selten ein einsamer Prozess. Sie entsteht dort, wo Menschen einander tragen. Ihre Fans, die Engel-Community, ist geblieben – durch Erfolge, Brüche und lange Pausen. Heute stehen die No Angels, ausgezeichnet mit dem Preis für Popkultur für ihr Lebenswerk, wieder auf den großen Bühnen, werden auf dem Deichbrand, dem Rainbow Festival oder dem Donauinselfest von Zehntausenden gefeiert, und können das, was sie gemeinsam mit ihren Fans geschaffen haben, heute selbstbestimmt und miteinander genießen.

25 Jahre No Angels sind also weit mehr als nur der Soundtrack der Nullerjahre. Sie sind auch der Soundtrack unserer Coming-outs, unserer Scham und unserer Heilung. Der Junge, der seine No-Angels-CDs im Bus ganz leise gedreht hat, muss an diesem Sommerabend in der Berliner Wuhlheide nichts mehr verstecken. Während um mich herum jede Zeile laut mitgesungen, gelacht und getanzt wird, erstrahlt zu "One Life" die Bühne in Regenbogenfarben. Hier wird nicht nur eine Girlband gefeiert, die seit ihrem Beginn ganz selbstverständlich für Diversität steht, sondern auch all diejenigen, die mit ihnen ein Stück ihrer eigenen Geschichte heilen konnten.

Anlässlich des 25-jährigen Bandjubiläums erscheint im Herbst die ARD-Dokumentation "No Angels – 25 Jahre WIR". Außerdem spielen die No Angels am 18. Dezember 2026 mit Orchester ihr Weihnachtskonzert in der Uber Eats Music Hall in Berlin.

-w-