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Buchtipp
Sexuelle Fantasien zwischen Abscheu, Schadenfreude und Mitgefühl
Sieben Erzählungen über Einsamkeit, Obsession und Online-Radikalisierung: In "Fiasko" seziert Tony Tulathimutte scharf und satirisch die digitale Gegenwart – und lässt auch einen schwulen Sadisten nicht ungeschoren davon.

Tony Tulathimutte veröffentlichte 2016 sein viel beachteten Debüt "Private Citizens" (Bild: Tessa Bury / wikipedia)
- 13. August 2026, 08:03h 2 Min.
Zurückweisung beginnt bei Tony Tulathimutte selten mit einem klaren Nein. Eher sickert sie in seine Figuren ein, verwandelt sich in Kränkung, Obsession und schließlich in eine Ideologie. In "Fiasko" (Amazon-Affiliate-Link ) verbindet der 1983 geborene US-Autor sieben scharfe, formal teils wagemutige Erzählungen zu einem grotesken Gesellschaftspanorama und Sittenbild der Gegenwart.
Seine Figuren formulieren ihre Einsamkeit als gesellschaftliche Anklage: Ein junger Mann inszeniert sich als Frauenversteher, um nach mehreren Zurückweisungen ("lieber bloß Freunde .") schließlich seine sexuelle Erfolglosigkeit wütend den Frauen anzulasten ("Der Feminist"). Eine unglücklich Verliebte steigert sich in zerstörerische Obsession ("Pics"), ein schwuler Mann plagt sich mit sexuell-sadistischen Fantasien ("Ahegao"), und ein Erfolgshungriger zieht seine Partnerin in seinen Optimierungswahn hinein ("Unsere Zukunft wird dope").
Der präzise Ton des Netzes

"Fiasko" ist am 13. August 2026 bei dtv erschienen
Tulathimuttes Figuren sind durchgängig einsam, selbstbezogen und überzeugt davon, dass ihnen die Welt etwas schuldet. Wiederkehrende Motive wie die Incel- oder Nice-Guy-Szene formen über die einzelnen Erzählungen hinweg eine düstere Gesellschaft im Digitalzeitalter. Dabei geht es um die Abgründe der Online-Verlierer*innen, aber auch um die der sich moralisch überhebenden Beobachter*innen
Die eigentliche Kunst in "Fiasko" liegt in der Beweglichkeit der Sprache. Präzise bildet Tulathimutte den Ton von Dating-Apps, Gruppenchats, Reddit-Posts und ideologischen Online-Debatten nach.
Als etwa der Streit in einer Chatgruppe eskaliert, schreibt eine der Frauen: "nur gute vibes in diesem space hier pls, ich spiel ja hier nicht gern die mimose aber dieser konflikt ist nicht so geil für meine psyche tbh". Oder wenn der Selbstoptimierer seine Freundin gaslightet: "Alles, was ich sage und tue, ist ja SO schlimm, und ich hab noch NIE irgendwas Gutes für dich getan und du hattest im Leben noch NIE unrecht, ICH bin schuld, dass du den ganzen Tag auf der Poperze sitzt und Däumchen drehst, Gott, was bin ich nur für ein Opp."
Nicht für jede Stimmung geeignet
"Fiasko" ist nicht für jede Stimmung und jedes Publikum geeignet: Die sexuellen Fantasien und Erniedrigungen können abstoßend wirken. Doch gerade diese Übertreibungen sind eminent für den satirischen Charakter. Das Buch zwingt, zwischen Abscheu, Schadenfreude und Mitgefühl zu wechseln. (dpa/cw)
Tony Tulathimutte: Fiasko. Fiktionen. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs, Stefanie Ochel und Jan Schönherr. 384 Seiten. dtv. München 2026. Gebundene Ausgabe: 26 Euro (ISBN 978-3-423-28577-3). E-Book: 19,99 €
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» Leseprobe auf der Verlagsseite
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